Arbeit & Bildung / Hochschulen
Vor zwei Jahren realisierte Prof. Dr. Britta Bergemann von der Hochschule Furtwangen ein deutsch-amerikanisches MBA-Programm in Suleimaniya. Anfangs wurde sie für verrückt erklärt, heute wird sie darum beneidet. Ein Einführungsseminar in die kurdische Art zu lernen
WPI: Frau Bergemann, stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Assessment-Center für Hochschulabgänger. Wen würden Sie eher in Ihrer Firma einstellen – den deutschen oder den kurdischen Studenten?
Prof. Dr. Britta Bergemann: Meine Erfahrung ist, dass kurdische Studenten einen unglaublichen Enthusiasmus und Lerneifer mitbringen. Sie saugen das Wissen förmlich auf. Wenn ich den Seminarraum betrete, sitzen alle schon da und warten ungeduldig darauf, dass es endlich los geht. Manche kommen sogar eine Stunde vor Seminarbeginn. Deutsche Studenten hingegen vermitteln einem oft den Eindruck, als wüssten sie alles besser.
Dann werden also bald kurdische Akademiker unsere deutsche Volkswirtschaft aus dem Tief ziehen?
Nicht ganz. Wir möchten natürlich, dass die Studenten nach ihrem Abschluss in Kurdistan bleiben und der Region mit ihrem Know how wieder auf die Beine helfen. Der Idealfall wäre es, wenn wir unsere Studenten in deutschen Firmen unterbringen könnten, die in Kurdistan aktiv sind. Unser MBA-Studiengang soll eine Schnittstelle zwischen Deutschland und Kurdistan schaffen.
Was erwartet denn ein deutsches Unternehmen, das einen Ihrer Studenten anheuert?
Die Studenten bringen von der akademischen Seite her gesehen, einen deutsch-amerikanischen Hochschulabschluss mit. Unser MBA-Programm in Suleimaniya entspricht quasi eins zu eins unserem deutschen Fachhochschulstudiengang in Furtwangen.
Dann könnte eine deutsche Firma in Kurdistan aber auch einen Fachhochschulabsolventen aus Furtwangen einstellen…
In der Theorie ja, aber in der Praxis nein. Die kurdischen Studenten sind mit den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in ihrem Land vertraut. Oft öffnen sie einem die Augen für Dinge, die wir Deutschen gar nicht mehr sehen. Manchmal werde ich in den Kursen mit Fragen konfrontiert, die ein deutscher Student in dieser Form nie stellen würde.
Was für Fragen sind das?
Meistens haben sie damit zu tun, dass das volkswirtschaftliche Klima im Irak ein ganz anderes ist. Auf dem deutschen Markt haben wir mit Restriktionen und Konkurrenz zu kämpfen. Unser Markt ist gesättigt, viele Bereiche schrumpfen. Im Irak passiert das genaue Gegenteil: Steigende Nachfrage, wachsende Märkte. Auch das Thema Finanzkrise ist den Menschen dort völlig fremd. Oft stößt man bei der Markterschließung im Irak auf Probleme, die uns in Deutschland nicht bekannt sind. Hier haben unsere Studenten den nötigen Erfahrungshorizont und bringen den entsprechenden Praxisbezug mit.
Kontakt zur Hochschule FurtwangenHaben Sie Interesse an dem deutsch-amerikanischen MBA-Programm in Suleimaniya? Oder suchen Sie selbst qualifizierte Iraker für Ihr Unternehmen? Hier können Sie Kontakt zu Prof. Dr. Britta Bergemann aufnehmen: This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it
Wie vermitteln Sie diese praktischen Erfahrungen in Ihren Lehrveranstaltungen an der Universität in Suleimaniya?
Am spannendsten ist sicher eins unserer Praxisseminare, in dem die Studenten einen Businessplan zu einer fiktiven Geschäftsidee erstellen sollen. Hier kamen die tollsten Ideen zustande: Eine Studentengruppe entwickelte einen Geschäftsplan für ein Fitnessstudio, eine andere für einen Erlebnispark, eine Shopping-Mall oder für ein Fünf-Sterne-Hotel. Man muss hierbei bedenken, dass es in Suleimaniya nichts von all diesen Dingen gibt. Eine Gruppe von Studenten konzipierte einen Plan für ein Taxiunternehmen. Taxis in Suleimaniya sind oft unpünktlich und auch nicht immer auf Abruf bereit. Diese Idee ist eine echte Erfolgsgeschichte, weil das Projekt Taxiunternehmen anschließend sogar tatsächlich von den Studenten realisiert wurde.
Mal andersrum gefragt: Haben denn Kurden überhaupt Lust, mit deutschen Firmen zusammenzuarbeiten?
Bislang wimmelt es im Nahen Osten von amerikanischen und britischen Unternehmen. Auch Bildungsmodelle orientieren sich oft an den Systemen der beiden Länder. Wir Deutschen hinken in beiden Bereichen hinterher. Als wir unser Programm in Suleimaniya auf die Beine gestellt haben, ist uns erst klar geworden, was für eine Welle an Sympathie uns Deutschen in der Region entgegenschlägt. Wir genießen dort einen regelrechten Vertrauensvorschuss vonseiten der Iraker.
Das deutsche MBA-Programm in Kooperation mit der Amerikanischen Universität in Suleimaniya hat sich also bewährt?
Das schönste Erlebnis für mich war, als ein Kurde zu mir meinte: „Ihr seid Teil kurdischer Geschichte“. Ich hielt das erst für Schmeichelei, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Irak wurde von der internationalen Staatengemeinschaft isoliert, niemand wollte was mit dem Land zu tun haben. Zum ersten Mal haben die Menschen dort das Gefühl, ein Teil der Völkergemeinschaft zu sein und echte Zukunftsperspektiven zu haben. Sie werden Ernst genommen und merken, da ist jemand, der sich für sie interessiert.
Die Amerikanische Universität in Suleimaniya erhebt Studiengebühren. Können sich die Studenten das MBA-Studium überhaupt leisten?
Alle unsere Studenten sind berufstätig. Manche haben sogar eigene Firmen. Die meisten unter ihnen sind schon 40 Jahre oder älter und bringen oft mehr als zehn Jahre Berufserfahrung mit. Mich persönlich freut ganz besonders, dass sich auch sechs Frauen für den MBA eingeschrieben haben.
Das MBA-Programm in SuleimaniyaDer Master of Business Administration (MBA) wurde im November 2007 von der Fachhochschule Furtwangen in Kooperation mit der Amerikanischen Universität in Suleimaniya eingeführt. Seitdem lernt eine Gruppe von 35 kurdischen Studenten Marketing, Management und Rechnungswesen unter Anleitung von sieben deutschen Professoren aus Furtwangen, die im Wechsel nach Suleimaniya fliegen. Die Seminare werden im Modulverfahren ein Mal monatlich abends an fünf Folgetagen abgehalten (30 Präsenzstunden insgesamt). Jeder Student muss bis zum Masterabschluss 17 Kurse absolviert haben, unter anderem in Strategic Management, International Marketing, Finance and Accounting sowie International Business Planning. Zulassungsvoraussetzung für den MBA ist ein abgeschlossenes Bachelor-Studium sowie mindestens zwei Jahre Berufserfahrung. Ab dem kommenden Semester wird der Studiengang auch in Arbil angeboten.
Was haben denn Ihre Kollegen in Furtwangen gesagt, als Sie die Idee mit dem MBA-Programm in Kurdistan auf den Tisch gelegt haben?
Die Kollegen haben den Kopf geschüttelt und dachten, ich wäre verrückt. Immerhin haben drei Kollegen aus Furtwangen spontan ja gesagt. Als ich das Memorandum of Understanding mit der Amerikanischen Universität in Suleimaniya unterzeichnet habe, war ich noch nicht mal in Kurdistan gewesen. Wir haben deshalb eine extra Klausel eingebaut, dass im Falle von Sicherheitsrisiken, das Memorandum noch mal neu ausgehandelt wird.
Und Ihre Familie?
Die war geschockt. Ich habe einen Mann und zwei Kinder. Die konnten anfangs nicht verstehen, warum ich in den Irak will.
Und heute?
Alle Vorurteile haben sich nicht bestätigt. Dieser Lehrauftrag ist das Beste, was mir je passiert ist. Ich muss sagen, dass mich die Studenten wie eine Königin behandeln. Es fehlt einem dort wirklich an nichts. Zu jeder Seminarstunde bringt irgendwer was zu essen mit. Ein Mal haben wir sogar ein Picknick mit dem gesamten Kurs in den kurdischen Bergen gemacht. Mittlerweile fragen selbst Kollegen von den anderen Fakultäten der Hochschule Furtwangen an, ob sie nicht auch mal an der Uni in Suleimaniya unterrichten können.
Welche Erwartungen und Hoffnungen bringen denn Ihre Studenten mit?
Die meisten der Studenten waren noch nie in ihrem Leben außerhalb des Irak. Dennoch oder gerade deswegen haben sie den Drang, etwas zu bewegen. Natürlich ist auch der Wunsch da, mal nach Deutschland zu kommen und sich deutsche Unternehmen von innen anzuschauen. Die Hochschule Furtwangen liegt in einer sehr günstigen volkwirtschaftlichen Umgebung. Bosch, Daimler, Porsche, Hewlett Packard befinden sich in Nähe, um nur einige große Namen zu nennen.
Wo ist der Haken?
Die Realität sieht leider so aus, dass wir bislang Schwierigkeiten hatten, die Iraker aufgrund der Visaproblematik nach Deutschland zu bringen. In dieser Hinsicht erhalten wir aber mittlerweile Unterstützung des deutschen Generalkonsuls Dr. Oliver Schnakenberg. Unser nächster Jahrgang wird hoffentlich die Möglichkeit erhalten, einige Zeit nach Furtwangen zu kommen und sich dort selbst ein Bild von deutschem Unternehmertum zu machen. Die Iraker sitzen jedenfalls in den Startlöchern. Jetzt müssen nur noch die deutschen Firmen ihre Skepsis überwinden.
Foto: Wathiq Khuzaie (AFP/Getty Images)











