Arbeit & Bildung / Berufsbildung

Eine Gruppe junger Iraker reist derzeit durch Baden-Württemberg, um in deutschen Firmen zu hospitieren. Ihre schwäbischen Gastgeber freuen sich derweil: auf gute Beziehungen und gute Geschäfte. Denn sobald die Praktikanten heimkehren – in ihre Betriebe oder die Selbstständigkeit – werden ihre deutschen Lehrer zu Partnern erster Wahl
Hermann-Josef Pelgrim liebt kurze Wege. Eben noch hat er unter den italienischen Fresken des Rathaussaales von Schwäbisch Hall die Vorzüge seiner Stadtverwaltung gepriesen, als ihn laute Musik unterbricht. Der Oberbürgermeister zögert keine Sekunde. Seine Chance zur Demonstration schneller Entscheidungsabläufe ist gekommen. Pelgrim tritt hinaus auf den Balkon und stößt einen lauten Pfiff aus, der über den von Fachwerkhäusern gesäumten Platz hallt. Die Proben für ein Musical auf dem Marktplatz verstummen. Da können auch die 18 jungen irakischen Gäste im Raum lachen, die bisher Mühe hatten, den Ausführungen des Stadtoberhaupts zu folgen. Das ist also deutsche Effizienz.
VorreiterGerade einmal eine Woche sind die irakischen Ingenieure, Juristen und Chemiker nun schon hier. Das Auswärtige Amt, das Goethe Institut, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) haben Hand in Hand gearbeitet, um die Akademiker im Rahmen des Programms „Irak Horizonte 2015: Heute säen, morgen ernten“ auszuwählen und zu vermitteln. Sie werden noch bis Mitte Juli einen Sprachkurs beim Goethe-Institut in Schwäbisch Hall absolvieren, bevor sie sich dann in verschiedene Firmen als Hospitanten einbringen werden. Mit Vertretern ihrer Praktikumsgeber saßen die Iraker schon den ganzen Morgen zusammen und auch „Derzeit kommen die Firmen vor allem aus dem Bereich
der Infrastruktur. Aber auch andere haben uns gleich nach einer
zweiten Auflage des Programms gefragt.“jetzt sind alle Plätze im Sitzungssaal zum offiziellen Empfang der Stadt belegt. Deutsche und Iraker wollen sich kennenlernen an diesem Tag, gemeinsame Lernziele und Einsatzmöglichkeiten absprechen.
Der Oberbürgermeister nimmt sich mehr Zeit als vorgesehen, um von jedem einzelnen Anwesenden zu erfahren, was sie von der Initiative erwarten. Irakische Hospitanten für einige Zeit in das eigene Unternehmen zu integrieren, ist in Deutschland und der Region auf breites Interesse gestoßen. Die Resonanz deutscher Firmen gegenüber „Irak Horizonte 2015“ hat auch Angelika Rahmer von der DIHK selbst überrascht: „Derzeit kommen die Interessenten natürlich vor allem aus dem Bereich des Wiederaufbaus von Infrastruktur. Aber selbst Unternehmen, die sich derzeit nicht engagieren wollen, haben uns oft gleich nach einer zweiten Auflage des Programms gefragt.“
(Wieder-) EinstiegFür viele der beteiligten Firmen ist die Anwesenheit der Hospitanten der erste Schritt eines (Wieder-)Herantastens an den irakischen Markt. „Wir haben uns während des Iran-Irak Krieges ganz aus dem Irak zurückgezogen und alle Kontakte verloren“, beschreibt Hubert Hauber, Vizepräsident des Bereiches Luftzerlegungsanlagen bei der Linde AG, die aktuelle Situation. „Eigentlich sind wir schon zu spät dran, die Amerikaner sind in unserem Bereich die Platzhirsche. Aber wir hoffen doch, dass wir in ein bis zwei Jahren wieder im Irak vertreten sein können. Unser Hospitant, der Chemieingenieur ist, stammt aus einer alteingesessenen Familie. Vielleicht können wir mit seinen Kontakten wieder erste Schritte in dem Land unternehmen.“
Alexa Crone, Teamleiterin in der Personalabteilung der Herrenknecht AG aus Schwanau formuliert die Erwartungen noch vorsichtiger: „Neben großen Tunnelbohrungen haben wir auch einen
Unternehmensbereich, der sich auf kleine Grabungen für Pipelines und Kanalisation spezialisiert. Das ist für den Wiederaufbau interessant. Wir wissen derzeit aber noch gar nicht, ob wir überhaupt im Irak einsteigen können. Unser Hospitant soll einmal in beiden Bereichen eingesetzt werden und die Technologie lernen. Dann sehen wir weiter.“
Herrmann-Josef Pelgrims Gesicht hellt sich auf, als die Grötz GmhH ihre vorsichtigen Pläne für den Irak beschreibt. Das mittelständische Bauunternehmen kommt aus Gaggenau - einer Stadt, die sich gar nicht so sehr von Schwäbisch Hall unterscheidet was die Anzahl mittelständischer Weltmarktführer anbelangt. „Ich glaube, dass der Irak die nächsten Jahre für einen Mittelständler zu unsicher sein wird“, so der Assistent der Geschäftsleitung Christian Grötz. „Es gibt noch keine Strukturen und der Organisationsaufwand ist extrem hoch. Aber es könnten sich ja auch durch unseren Hospitanten Kooperationen ergeben. Das Problem ist eben, dass wir außer durch eine Initiative wie Irak Horizonte oder durch die deutsch-irakische Mittelstandsvereinigung Midan gar nicht an das Land herankommen.“
VeteranenDerartige Sorgen hat Ari Aiwas nicht. Der gebürtige Iraker, der seit 26 Jahren in Deutschland lebt, beschäftigt als Inhaber von T&D Pharma bereits 80 Mitarbeiter im kurdischen Teil des Iraks, hauptsächlich in der Qualitätskontrolle für Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel. „Mir geht es bei meinem Hospitanten eher darum, einen Multiplikator auszubilden, der im Irak dann weitere Schulungen durchführen kann. Denn dass ich meine Leute zur Fortbildung nach Deutschland bekomme, ist wegen der deutschen Visumspolitik äußerst schwierig.“
Als Vorreiter im Irak-Geschäft sieht sich die auf Notstromaggregate spezialisierte Heinkel GmbH aus Berlin. Projektmanager Hans-Udo Lehmann hebt hervor, dass sein Unternehmen schon seit dreißig Jahren im Irak kontinuierlich aktiv ist: „Gerade, weil wir schon mit der dritten Generation unser Partnerfirma zusammenarbeiten, können wir zeigen, dass man auch heute im Irak Geschäfte aufbauen und halten kann - auch in Bagdad. Wir werden die nächsten Wochen den Enkel des irakischen „80 Prozent aller Deutschen leben sowieso nicht in den Großstädten. In Städten wie Schwäbisch Hall findet die Wertschöpfung statt.“Firmengründers bei uns zu Gast haben.“ Er klopft dem 19jährigen Usama Zayd al-Safi auf die Schulter.
Der Mechatronikstudent ist voll des Lobes für die deutsche Initiative: „Der Irak ist im Moment eine nach außen stark abgeschottete Gesellschaft, nicht nur in der Kommunikation mit der Außenwelt, sondern vor allem auch in der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Wenn wir von deutschen Erfahrungen lernen können und dann zurückgehen, werden wir ein anderes Bild von Deutschland und der Arbeit hier haben, was dem Irak weiterhelfen wird.“ Sein Cousin Yazan al-Safi, 24 Jahre alt und Chemieingenieur mit einem Hospitationsplatz bei Linde, pflichtet ihm bei: „Wir brauchen dringend deutsche Hilfe, das Land wieder aufzubauen. Das Irak Horizonte-Programm dient allen zum Kontaktaufbau – uns und den deutschen Firmen. Weil unsere Gruppe aus dem ganzen Land kommt, können auch wir zum ersten Mal Akademiker aus dem Süden oder Norden treffen. Das ist sonst wegen der Reisebeschränkungen einfach nicht möglich.“
Bürgermeister Hermann-Josef Pelgrim genießt den Enthusiasmus der Iraker sichtlich. Er ist überzeugt, dass den Hospitanten gar nichts Besseres passieren konnte, als Schwäbisch Hall und seine Wirtschaft kennenzulernen und das Bild einer effizienten Stadt nach Erbil oder Basra zurück zu tragen: „80 Prozent aller Deutschen leben sowieso nicht in den Großstädten. Bei uns findet die Wertschöpfung statt.“ Und den Höhepunkt an Effizienz und Problemlösungskompetenz sollen die Gäste in den nächsten Tagen erst noch kennenlernen – bei einem Besuch der Stadtwerke.
Fotos: Simon Fuchs (WPI)











