Der Arbeitsmarkt im Irak
10.04.2009  | Julien Lennert   

Arbeit & Bildung / Arbeitsmarkt
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Noch sind die Kräfte des freien Marktes nicht entfesselt. Viele Arbeiter und Angestellte sind im Staatssektor beschäftigt. Eine Übersicht zu Beschäftigungslage in Privatwirtschaft, öffentlichem Sektor und Reformprojekten


1. Einführung

2. Öffentlicher Sektor
3. Privatwirtschaft
4. Fachkräftemangel
5. Informelle Arbeit
6. Ausblick


1. Einführung

Verlässliche Daten über den Zustand des irakischen Arbeitsmarktes sind rar. Erhebungen aus dem Jahr 2004 belegen, dass damals – bei einer Gesamtbevölkerung von 28 Millionen Menschen – 7,4 Millionen zur irakischen Erwerbsbevölkerung gehörten. Die aktuellsten Zahlen zur Verteilung der Erwerbstätigen auf die verschiedenen Wirtschaftssektoren datieren vom Jahr 1996. Damals waren 66,4 Prozent der Arbeiterschaft im Dienstleistungsgewerbe tätig, 17,5 Prozent in der Industrie und 16,1 Prozent in der Agrarwirtschaft. Nach Schätzungen des irakischen Planungsministeriums und der Vereinten Nationen liegt die Erwerbslosigkeit derzeit bei zwanzig bis 40 Prozent. Je nach Quelle variieren die Angaben hier enorm. Durchschnittslöhne belaufen sich derweil auf 200 bis 400 US-Dollar pro Monat – kaum genug also, um davon zu leben.

 

2. Der öffentliche Sektor

Die irakische Wirtschaft und damit auch der Arbeitsmarkt hängen fast vollständig vom staatlich kontrollierten Ölsektor ab. Mehr als 90 Prozent der Staatseinnahmen stammen aus Ölverkäufen. Im Jahr 2008 brachten Ölexporte schätzungsweise 60 Milliarden US-Dollar ein – bei Weitem der wichtigste Posten des Staatsetats. Die Entwicklung am Arbeitsmarkt wird also maßgeblich von der Entwicklung des öffentlichen Sektors bestimmt.

Der Kampf der Gewerkschaften Die Arbeiterbündnisse im Irak sind schlagkräftig, selbstbewusst und agieren am Rand der Legalität. Ihre Mitglieder kämpfen vehement für höhere Löhne oder gegen die Besatzung ihres Landes. Sie werden von der Bevölkerung unterstützt und von der Regierung gefürchtet. Mehr ...

Die Zahl der Staatsangestellten hat sich verdoppelt

Den Vereinten Nationen zufolge waren 2008 43 Prozent der irakischen Erwerbsbevölkerung im öffentlichen Sektor tätig. Die irakische Regierung gibt die Zahl der Staatsangestellten mit 2,3 Millionen an, wahrscheinlich sind es mehr. Im Jahr 2005 waren es nur 1,2 Millionen. Das bedeutet, dass die Zahl der Angestellten im öffentlichen Sektor nur wenige Jahre nach dem Einmarsch der US-geführten Koalition im Jahr 2003 – ein Einschnitt, bei dem mehr als zwei Millionen Beamte und öffentliche Angestellte ihren Job verloren – fast das alte, hohe Niveau erreicht. Ein Drittel der Regierungsangestellten ist allein im Verteidigungs- und Innenministerium tätig. Im vergangenen Jahr wurden zusätzlich viele Mitglieder (nominell zwanzig Prozent) der sogenannten Awakening Councils in den Staatsdienst übernommen. Dabei handelt es sich um ehemalige Kämpfer von Clan-Milizen, die mit Unterstützung der Amerikaner die Vertreibung von al-Qaida aus dem Irak vorangebracht haben und die jetzt in die staatlichen Sicherheitsdienste integriert werden.

Korruption und Klientel-Netzwerke

Im gesamten Land werden Anstellungen in Regierungsbürokratien und staatlichen Sicherheitsdiensten als einzige sichere Erwerbsmöglichkeit angesehen. Der private Sektor gilt nach wie vor als instabil, und private Unternehmer werden als Arbeitgeber mit Skepsis betrachtet. Jobs im Dienst der Regierung verweisen indes auf ein Schlüsselproblem des Arbeitsmarkts: Korruption und Klientel-Netzwerke, die den Weg zur Anstellung im öffentlichen Dienst ebnen. Die unterschiedlichen Ministerien werden von politischen Parteien kontrolliert, die ihren Anhängern Jobs verschaffen. Ohne Zugang zu diesen Netzwerken gibt es keinen Zugang zu den begehrten Arbeitsplätzen.

 

3. Privatwirtschaft

Die irakische Privatwirtschaft hat sich bisher kaum entfalten können. Obwohl die Anmeldung neuer Unternehmen im Jahr 2008 um vierzehn Prozent zugenommen hat, bleibt dies zunächst ohne großen Einfluss auf das Bruttoninlandsprodukt; auch die Anstellungsmöglichkeiten in diesem Bereich sind aufgrund der bisher geringen Ausdehnung wenig aussichtsreich.

Ein Land im Aufbruch

Doch gibt es in der Privatwirtschaft vereinzelte Sektoren, die derzeit eine erste Blüte erleben. Besonders positiv entwickelt sich die Telekommunikationsbranche. Die Zahl der Telefonbesitzer hat zugenommen – von ungefähr 800.000 im Jahr 2003 (damals lediglich Landverbindungen, da der Irak kein landesweites Netzwerk hatte) auf schätzungsweise zehn Millionen Anschlüsse (die meisten davon mobil) heute. Auch im Bau- und Immobiliensektor spiegeln die Wachstumsraten eine schnelle Expansion. Energie und Medien expandieren ebenfalls. In diesen Branchen entstehen jetzt Arbeitsplätze und Perspektiven. 

 

4. Fachkräftemangel

Ein zentrales Problem für den Aufbau insbesondere des privaten Sektors stellt der kriegsbedingte Verlust an qualifizierten Fachleuten dar. Seit 2003 sind etwa zwei Millionen Iraker aus dem Land geflohen, darunter ein hoher Anteil an Hochqualifizierten. Im Jahr 2002 gab es beispielsweise 34.000 registrierte Physiker im Irak. Bis heute sind davon etwa 20.000 vor der Gewalt ins Ausland geflohen, während geschätzte weitere 2.000 ermordet wurden. Das irakische Bildungsministerium meldet, dass 6.700 Universitätsprofessoren das Land verlassen haben.

Die beginnende Rückkehr der Flüchtlinge führt zwar auch Professoren und Ärzte zurück in die Heimat – der Verlust wird aber weiter signifikant bleiben. Erfahrene Profis und Ausbilder fehlen, während neuen Arbeitskräften der Zugang zu Fortbildung und Qualifikation verwehrt bleibt. Auch Kinder müssen um ihre Ausbildung kämpfen. Zurzeit gehen nur etwa 30 Prozent der 3,5 Millionen irakischen Schüler zur Schule. Die Klassen sind überfüllt, und UNICEF schätzt, dass 4.500 neue Schulen gebraucht werden, sofern die Klassen akzeptable Größen annehmen sollen.

Weiterführende Links und Quellen: + Brookings Iraq Index: Datenbank mit Statistiken zur Wirtschafts- und Sicherheitslage + Internationaler Währungsfonds: Studie zur wirtschaftlichen Entwicklung im Irak + Robert Looney, 'Economic consequences of conflict: the rise of Iraq's informal economy', in: Journal of Economic Issues, No. 4, Dec. 2006+ globalEDGE: wirtschaftliches Profil Irak + War every day: ein Irak-Blog zur Problematik des Braindrains + New York Times: Privatsektor schwächelt, Regierungsjobs boomen

Braindrain statt Thinktank

Der Mangel an Qualifikation und Arbeit sowie fehlende Kapazitäten und Infrastruktur im Bildungswesen sind Schlüsselprobleme, die von der irakischen Regierung dringend bewältigt werden müssen. Zwischen Arbeitslosigkeit und Ausbildungsnotstand entsteht jene Gewaltbereitschaft, die den Braindrain aufrechterhält und zur Schließung von weiteren Universitäten und Schulen führen wird, wenn politische Maßnahmen hier ausbleiben.

 

5. Informelle Arbeit

Parallel zur Privatwirtschaft wächst der informelle Sektor als Spiegel einer Gesellschaft, in der die Versorgung von Arbeitslosen, Witwen und Versehrten bisher ungeklärt ist. Im Herzen der informellen Netzwerke blühen kleine urbane Dienstleistungen und kriminelle Aktivitäten wie Schmuggel und Hehlerei. Eine aktuelle Wirtschaftsstudie des US-Sicherheitsexperten Robert E. Looney legt nahe, dass die informelle Wirtschaft von 35 Prozent während der Baath-Ära auf gegenwärtig 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts angewachsen ist. Frauen, deren Männer und Söhne im Krieg ums Leben gekommen sind und die jetzt ihre Restfamilien allein versorgen müssen, spielen eine zunehmend wichtige Rolle in diesem Bereich.

 

6. Ausblick

Ein aktueller Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Wirtschaftslage im Irak gibt derweil Anlass zu Optimismus. Laut IWF ist die wirtschaftliche Entwicklung des Landes seit 2008 im Aufschwung begriffen. Der Bericht verweist auf die Stabilisierung der Wirtschaft als Resultat einer verbesserten finanziellen Disziplin und struktureller Reformen. Im Zuge dessen konnte die Inflation bereits von 32 Prozent (2006) auf zwölf Prozent reduziert werden. Während der „mittelfristige Ausblick“ für den Irak als „günstig“ bewertet wird, ruft der Bericht zu größeren Investitionen, weiteren Reformen und zum Aufbau von alternativen Einkommensquellen für den Staat auf, die die Einnahmen aus dem Ölsektor ergänzen und in Zukunft kompensieren sollen.

Öl - Segen und Geißel zugleich

Die Abhängigkeit der irakischen Volkswirtschaft vom Öl muss überwunden werden. Infolge aktuell sinkender Ölpreise hat die Regierung bereits ihr Budget für das Jahr 2009 von 79 Milliarden US-Dollar auf 53,7 Milliarden US-Dollar gesenkt und Wiederaufbauvorhaben um 40 Prozent beschnitten. Das Anstellungsniveau im Regierungssektor ist eingefroren, und es machen Befürchtungen die Runde, dass Stellenabbau der nächste Schritt sein wird. Ein damit verbundener Anstieg der Arbeitslosenzahl hätte verheerende Wirkungen auf die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Irak.