Was hat die Sterilisation von indischen Hunden mit einer Poliklinik in Basra zu tun? Sehr viel, behauptet ein deutscher Manager aus der Gesundheitsbranche und erklärt, wie man einem maroden Gesundheitssystem wieder auf die Beine verhilft
Das Unternehmen Karl Storz aus dem schwäbischen Tuttlingen ist einer der Weltmarktführer in der Herstellung und im Vertrieb von Endoskopen, medizinischen Instrumenten und Geräten. Eine Position, die das Unternehmen noch lange halten möchte. Allerdings nicht um jeden Preis. Karl Storz unterstützt aktiv den UN Global Compact, die größte freiwillige Initiative für unternehmerische Verantwortung. Wie aber macht man ethisch einwandfrei Geschäfte? Ein Gespräch mit Peter Laser, dem Business Development Manager des Unternehmens, der gleichzeitig verantwortlich für Corporate Social Responsibilty Aktivitäten ist.
Herr Laser, mal angenommen, Sie säßen in diesem Augenblick vor dem irakischen Gesundheitsminister. Was würden Sie ihm verkaufen?
Nichts.
Sie scherzen.
Nein, bevor wir im Irak Projekte angehen, die dort großflächig das ganze Gesundheitssystem betreffen, wird es sicherlich noch drei bis vier Jahre dauern. Es wäre nicht ethisch, einem Gesundheitsminister jetzt etwas zu verkaufen, für das er noch kein Personal hat. Das macht keinen Sinn.
Verpassen Sie dadurch nicht die Chance zum Einstieg in den Irak?
Wer sagt denn, dass wir dort nicht längst aktiv sind? Wir haben gerade Projekte, bei denen wir uns um die Ausbildung der im Irak meist sehr jungen Ärzte kümmern. Wir bauen auf. Viele der erfahrenen Ärzte sind geflohen. Brain Drain ist das absolut beherrschende Thema im irakischen Gesundheitswesen.
Unternehmen Karl StorzDas Unternehmen Karl Storz mit Sitz in Tuttlingen wurde im Jahre 1945 gegründet. Heute ist es ein weltumspannendes Unternehmen was die Herstellung und den Vertrieb von Endoskopen, medizinischen Instrumenten und Geräten. Ein weiteres Standbein ist Telemedizin. Das Familienunternehmen beschäftigt weltweit rund 5000 Mitarbeiter.
Heißt das, dass es momentan gar nicht so hilfreich ist, sagen wir mal in Basra, eine Poliklinik zu bauen?
Wir wären ja nicht in den Aufbau einer Poliklinik involviert. Für uns würde es darum gehen, ein Referenzgesundheitssystem aufzubauen. Wer referiert welchen Patienten wo hin? Wie ist das Netzwerk zu legen, damit eine Röntgenuntersuchung nicht dreimal gemacht wird? Wie organisiert man es, dass Laboruntersuchungen zentral verfügbar sind?
Und was sind die Antworten auf all diese Fragen?
Genau genommen, gibt es darauf nur eine einzige Antwort.
Und die lautet?
Sie müssen wissen, wie man ein Gesundheitssystem aufbaut. Und zwar pyramidenförmig. Auf der untersten Ebene muss es flächendeckend über das gesamte Land verteilt, kleinere Primary-Health-Care-Zentren geben. Das können kleine Gesundheitsstationen sein oder auch mobile Kliniken, also Minibusse, die von Dorf zu Dorf fahren. Darauf aufbauend gibt es die mittlere Ebene, die so genannte „intermediate care“. Das sind die örtlichen Krankenhäuser, die Polikliniken. Und ganz oben, auf der Spitze der Pyramide, thronen die Tertiärkliniken, also die Universitätskliniken.
Was passiert, wenn eine der Ebenen fehlt?
Dann krankt das ganze System. Angenommen, Sie haben lediglich ein paar Universitätskliniken – dann rennt jeder Patient wegen jedes kleinen Wehwehchens dort hin. Die Klinik wäre sofort total überlastet und die dort praktizierenden Spezialisten können ihre teuren High-Tech-Geräte nicht einsetzen, weil sie ganzen Tag Pflaster aufkleben. Dabei könnte das jede Krankenschwester in einem Primary Health Care Center.
Der Aufbau eines Gesundheitssystems ist normalerweise eindeutig eine Aufgabe des Staates. Welche Rolle spielen Sie als Unternehmen dabei?
Lassen Sie mich das anhand eines Beispiels erklären. Ich war jahrelang Geschäftsführer von Karl Storz in Indien. Ein Land, dessen Gesundheitswesen ähnliche Probleme hat, wie das des Irak. Auch dort gab und gibt es in den ländlichen Regionen zu wenige Gesundheitseinrichtungen. Viele Familien müssen hunderte von Kilometern in die Metropolen reisen, um einen Arzt zu Gesicht zu bekommen. Und wenn Sie ihn dann gesehen haben, waren sie pleite.
Weil die Behandlung so teuer ist?
Nein, weil sie in den Metropolen plötzlich mit den 50-fachen Lebenshaltungskosten konfrontiert sind. Also können sie sich eine Rückfahrt in ihr Dorf nicht mehr leisten und stranden am Ende in einem der zahlreichen Slums.
Was hat das jetzt mit dem Irak zu tun?
Hier wie dort müssen Sie sich überlegen, wie die Gesundheitsfürsorge zum Patienten kommt und nicht umgekehrt. Das heißt, sie müssen es schaffen, in den ländlichen Regionen Ärzte anzusiedeln, die dort Praxen eröffnen.
Brain Drain ist das absolut beherrschende Thema im irakischen Gesundheitswesen
Das hört sich einfacher an, als es vermutlich ist.
Sie müssen Anreize schaffen. Wir haben in Indien, bei unserem gemeinsam mit der GTZ durchgeführten Projekt, in den ländlichen Regionen Trainingsmaßnahmen für Ärzte durchgeführt und sie motiviert, Dienstleistungen auch in den ländlichen Regionen anzubieten. Die Wiederansiedlung der Ärzte war ein doppelter Erfolg: Auf der einen Seite war sie gut für die Patienten, auf der anderen Seite auch für den Arbeitsmarkt: Um eine Praxis zu eröffnen brauchen Sie Krankenschwestern, Techniker, Sprechstundenhilfen, etc. .
Die GTZ will kein Geld verdienen. Ihr Unternehmen schon. Salopp gefragt: Was sprang dabei für Karl Storz raus?
Durch die Präsenz von geschultem medizinischem Personal stieg natürlich auch die Nachfrage nach unseren Produkten in öffentlichen wie auch im privaten Sektor. Damals habe ich gelernt, dass wenn man wirklich nachhaltig Geschäftsentwicklung betreiben will, so ein Projekt die richtige Einstiegsmöglichkeit ist. Jetzt gehen unsere Geräte direkt in den Gebrauch und lagern nicht in irgendwelchen Depots, das heißt für uns immediate business, Nachfolgegeschäfte inklusive. Außerdem ist es für uns ein Referenzprojekt.
Ihre in Indien gemachten Erfahrungen lassen sich also eins zu eins auf andere Länder übertragen?
Was die Wiederansiedlung von Ärzten in ländlichen Regionen anbelangt: Ja! Aber natürlich müssen Sie immer und überall auch quer denken und auf kulturelle Besonderheiten eingehen. In Indien ist zum Beispiel die Tollwut nach wie vor ein großes Problem. Die Krankheit wird überwiegend von streunenden Hunden übertragen. Was muss man also dagegen tun?
Die Hundepopulation eindämmen?
Genau. Allerdings dürfen Sie in Indien die Hunde aus religiösen Gründen nicht einfach abschießen. Also sterilisieren wir die weiblichen Tiere. Das führt eindeutig und schnell zum Erfolg…
…ist aber für Sie kein großes Geschäft?
Aber warum denn nicht? Wir verkaufen die Instrumente für die Sterilisation. Und wenn Sie sich die Anzahl der indischen Städte anschauen, die ein Problem mit streunenden Hunden haben, dann wissen Sie, dass daraus in drei, vier Jahren ein Auftrag wird, der die Anfangsinvestition mehr als nur rechtfertigt. Wir sind ein privates Unternehmen. Wir müssen wirtschaftlich rechnen.
Demnach betreiben Sie New Business mit Herz…
Ich würde sagen, es ist Business Development vom Feinsten. Ich will ja nicht auf Pfaden laufen, auf denen schon tausend andere gegangen sind.
Und wie halten Sie es dabei mit dem Thema Korruption?
Klar habe auch ich zu Beginn meiner Zeit in Indien regelmäßig damit zu tun gehabt. Aber wie überall auf der Welt ist es einfach eine Frage der Integrität, dass man sagt: „Das machen wir nicht“, egal wie groß der Auftrag ist. Nach ein paar Jahren hat sich das rumgesprochen, und dann kommt niemand mehr mit einem unmoralischen Angebot zu Ihnen. Natürlich verlieren Sie dadurch ein paar Aufträge, aber am Ende ist der Gewinn höher. Durch Korruption verlieren Sie nur Geld. Wenn Sie Schwarzgeld irgendwohin zahlen…
… ist das weg.
Ja, und außerdem müssen Sie das Geld davor ja auch generieren. Und wenn Sie dann mal angefangen haben, mit jemanden diesbezüglich was zu drehen, hat der Sie in der Hand. Und falls das dann auch noch rauskommen sollte – lässt sich der Schaden für Ihr Unternehmen gar nicht beziffern. Und gerade als Ausländer in einem fremden Land zu leben und dann auch noch was mit Korruption zu tun zu haben, das war für mich ein absolutes No-No-No. Ich habe zwei Kinder und eine Frau – da macht man sich angreifbar.
Sie müssen sich überlegen, wie die Gesundheitsfürsorge zum Patienten kommt und nicht umgekehrt
Und wie finanziert man guten Gewissens Geschäfte?
Beispielsweise indem man mit Entwicklungsbanken zusammenarbeitet. Wenn man weiß, wie man ein Projekt aufstellt, dann bekommt man dafür auch eine Finanzierung. Und potentielle Förderer gibt es genug: die Europäische Entwicklungsbank, die Europäische Bank für Rekonstruktion und Wiederaufbau, die International Finance Corporation in Washington oder – im Fall des Irak – auch die islamische Entwicklungsbank.
Was für Projekte würden Sie für den Irak einreichen? Dieselben wie in Indien?
Nicht zwangsläufig. Ich könnte mir im Irak gut vorstellen, etwas im Bereich der Telemedizin zu starten.
Was ist Telemedizin?
Wir stellen Systeme her, mit denen medizinische Informationen dort abgerufen werden können, wo sie benötigt werden. Vor fünf Jahren hingen in jedem OP noch überall die Röntgenfilme und die Papierstreifen, auf denen die Untersuchungsergebnisse vermerkt waren. Heutzutage hat der Chirurg diese Informationen vor sich auf einem einzigen Bildschirm. Das bedeutet, Sie müssen keine Röntgenfilme oder Papiere mehr in den OP tragen. Das ist nicht nur praktisch, sie schließen damit auch eine potentielle Infektionsquelle aus.
Kommt Telemedizin nur in Krankenhäusern zum Einsatz?
Nein, ihren Möglichkeiten sind kaum Grenzen gesetzt. Mal angenommen Sie haben einen Fleck auf der Haut, und Ihr Hausarzt erkennt nur, dass das nicht normal aussieht und schickt Sie deshalb in die Poliklinik nach Basra. Dann reisen Sie da hin, und der dortige Arzt gibt Ihnen eine Creme. Die Medizin wirkt, der Fleck geht weg, und wenn Sie dann wieder zuhause sind, wissen weder Sie noch Ihr Hausarzt, was Sie eigentlich gehabt haben. Wenn ihr Hausarzt Ihren Fleck aber mit einer Kamera aufgenommen hätte und das Bild zu dem Spezialisten nach Basra geschickt hätte, und der hätte telefonisch oder im System durchgegeben: „Das ist Neurodermitis. Sie wird mit der und der Salbe behandelt.“ Sie hätten nicht reisen müssen, und Ihr Arzt hätte auch noch etwas gelernt.
In der Theorie hört sich das prima an. Aber welcher irakische Landarzt arbeitet schon mit Internet und Digitalkamera?
Womit wir wieder am Anfang wären. Denn mit dem Aufbau des Gesundheitssystems muss an der Basis begonnen werden. Gerade wenn es um fortschrittliche Ideen wie Telemedizin geht. Und damit ein solches System funktioniert, braucht es Ausbildungsmaßnahmen auf jeder Ebene. Und glauben Sie mir: Das kann dauern.
Foto: Sven Recker (WPI)











