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Dr. Abd al-Khaliq al-Quraischi ist Direktor des al-Wassiti-Krankenhauses für plastische Chirurgie in Bagdad. Im Gespräch erklärt er den Alltag einer irakischen Klinik und wieso Medizintechnik aus Deutschland so gefragt ist
WPI: Dr. Abd al-Khaliq al-Quraischi, Sie sind plastischer Chirurg. Gibt es denn für Ihre Dienste im Irak eine große Nachfrage?
Dr. Abd al-Khaliq al-Quraischi: Die gibt es in der Tat. Die meisten Menschen denken zunächst an Schönheitschirurgie, wenn sie plastische Chirurgie hören. Es gibt aber noch vier weitere Teilbereiche, auf die unser Krankenhaus spezialisiert ist: die Handchirurgie, die Behandlung von Verbrennungen, die chirurgische Korrektur angeborener Fehlbildungen und die Behandlung von Patienten, die einen Körperteil verloren haben oder stellenweise Hautoberfläche, Gewebe oder sogar Knochen.
Dass heißt Sie behandeln auch viele Opfer von Gewalt?
Ja, oft haben wir sogar mehr Notfälle bei uns als reguläre Patienten. Wir sind hier in der gleichen Situation wie die meisten anderen Krankenhäuser im Irak. Wir leisten viel mehr als wir eigentlich können – mehr als die meisten Krankenhäuser in der Welt.
Verfügen Sie denn über das notwendige Equipment?
Wir haben mittlerweile einige neue Geräte. Aber das Krankenhaus braucht noch mehr Equipment, am liebsten aus deutscher Herstellung – wegen der Qualität. Manche Geräte können wir selbst kaufen, manche werden vom Gesundheitsministerium finanziert. Von Siemens besitzen wir einem Computertomographen und einem Kernspintomographen. Gerade werden Kaufverträge für Equipment zur Desinfektion von Operationssälen abgeschlossen. Es laufen auch Verhandlungen mit der Firma Carl Zeiss über den Kauf von Mikroskopen, die während Operationen eingesetzt werden können.
Ist denn ein reibungsloser Kauf von Geräten und Equipment im Zusammenspiel mit den irakischen Behörden möglich?
Was den Kauf von medizinischem Gerät betrifft, gibt es keine Schwierigkeiten, egal ob es sich um einfaches oder hochtechnologisches Gerät handelt. Das Gesundheitsministerium unterschreibt die Kaufverträge und organisiert die Abwicklung mit den lokalen Behörden wie beispielsweise dem Gesundheitsamt Bagdad-al Rasafa. Manchmal verzögert sich die Lieferung durch schlechte Verwaltung; aber schlussendlich bekommen wir doch, was wir brauchen.
Hat das Gesundheitsministerium selbst denn Anstrengungen unternommen, um die medizinische Versorgung zu verbessern?
Durchaus. Das Ministerium hat in letzter Zeit viel in dieser Hinsicht getan. Beispielsweise ist es jetzt möglich, gehörlosen Kindern spezielle Hörgeräte direkt ins Ohr einzupflanzen. Das Ministerium hat die dafür notwendigen Geräte gekauft und zahlreiche Ärzte zur Weiterbildung ins Ausland entsandt. Damals konnten solche Eingriffe nur im Ausland durchgeführt werden.
Genauso verhält es sich mit Augenoperationen und dem Einsatz von Lasertechnik zur Korrektur der Sehkraft. Die meisten Krankenhäuser im Irak haben mittlerweile moderne Geräte für ihren Fachbereich. Außerdem haben wir für dieses Jahr ein Budget vom Gesundheitsministerium von 4 Milliarden ID (nahezu 2,5 Millionen Euro) bewilligt bekommen.
Wie ist die Situation bezüglich der lange vernachlässigten Krebstherapien?
Der Irak erlebt zurzeit eine technische Revolution im Bereich der Krebsfrüherkennung und -therapie. Kürzlich wurde im Krankenhaus für Nuklearmedizin ein Gerät zur Krebstherapie installiert, das einzigartig im Nahen Osten ist. Nur wir und sechs andere Krebszentren auf der Welt besitzen dieses Gerät. Leider sterben noch zu viele Krebspatienten, ohne von der Krankheit zu wissen, weil sie nicht zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen gehen, wie es in den westlichen Ländern üblich ist. Es fehlt hier einfach das Bewusstsein dafür.
Warum schickt die Regierung dann immer noch viele Patienten zur Behandlung in andere Länder wie Indien und Iran?
Das ist eine verfehlte Politik des irakischen Gesundheitsministeriums. Das Geld sollte lieber in medizinische Geräte investiert werden oder den Ärzten hier für ihre Aus- und Weiterbildung zugute kommen. Dann wären Behandlungen im Ausland auch nicht notwendig.
Es gibt also ein Ausbildungsproblem an den Krankenhäusern? Wandern nicht auch zusätzlich viele Ärzte ins Ausland ab?
Die Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften ist im Irak ein
großes Thema, trifft aber auf die Gruppe der Ärzte nicht zu. Die Anzahl
der ausgewanderten Ärzte macht nicht mehr als drei bis fünf Prozent der Ärzteschaft aus.
Jeder Arzt, der den Irak verlassen hat, konnte ersetzt werden. In den letzten sechs Jahren haben sehr viele Ärzte an den Universitäten graduiert, darunter auch zwanzig Prozent Fachärzte. Dazu kommen die im Irak verbliebenen Ärzte und die Studenten in der Facharztausbildung. Zusammen sind das sogar mehr Ärzte als vor 2003.
Wie sind ansonsten die Arbeitsbedingungen im Krankenhaus?
Bei Stromausfällen haben wir unseren Generator. Was die Sicherheit betrifft, gibt es überhaupt keine Probleme. Wir haben ein Überwachungssystem mit Kameras und Sicherheitsleuten, die das Krankenhausgebäude schützen, und die Mitarbeiter und Patienten und Besucher überprüfen.
Was die Sicherheit der Patienten betrifft, hört man allerdings immer wieder, dass abgelaufene oder gepanschte Medikamente im Umlauf seien?
Nein, weder in unserem Krankenhaus noch in anderen gibt es solche Fälle. Die Medikamente,„Wir brauchen endlich ein Gesundheitssystem. Der Staat kann nicht ständig für alle Kosten aufkommen“die wir beziehen, müssen von einem Unternehmen stammen, das beim Gesundheitsministerium registriert ist. Zudem muss das Unternehmen eine Importgenehmigung vorweisen können. Und in einem letzten Schritt werden die Medikamente im Stichprobenverfahren geprüft. Erst danach gibt es die Genehmigung zum Einsatz dieses Medikaments. Diese Maßnahmen dauern zwei bis drei Monate. Das verkompliziert unsere Arbeit, aber letztendlich haben wir Medikamente, die sicher in der Anwendung und Wirkung sind.
Wer kommt für die Kosten auf?
Der Staat. Im Krankenhaus zumindest ist es so, dass die Behandlung für alle – außer einer eher symbolischen Gebühr – kostenlos ist. Das schließt auch die Medikamente mit ein. Patienten, die jünger zwölf Jahre alt sind, erhalten eine kostenlose Behandlungskarte. Alle anderen erhalten eine Behandlungskarte für 500 Dinar (umgerechnet 30 Cent). Darin enthalten sind neben den Medikamenten auch der Krankenhausaufenthalt, die Behandlung, die Untersuchungen, die Verpflegung im Krankenhaus sowie Operationen, wenn nötig.
Das Gesundheitsministerium untersucht im Moment mit der Ärztevereinigung zusammen die Einführung eines Versicherungssystems, das an die Bedingungen im Irak angepasst ist. Es kann ja nicht sein, dass das Gesundheitsministerium weiterhin Behandlungen kostenlos anbietet. Wir sind das einzige Land, das so etwas macht.
Wir Iraker hatten an der Universität Bagdad die erste medizinische Fakultät in der arabischen Region, aber bis heute haben wir kein funktionierendes Gesundheitssystem.
Trotz allem hat sich ein eigenständiges System in den Krankenhäusern etabliert: Ein Viertel der Betten wird gegen eine Zusatzzahlung vergeben. Man nennt das die „Privatabteilung“. Oder wenn Patienten einen bestimmten Arzt für die Behandlung oder Operation verlangen, dann kostet das extra. Operationen in einem staatlichen Krankenhaus kosten dann zwischen 250.000 und 300.000 Irakische Dinar (150 bis 190 Euro). Zum Vergleich: Für die gleiche Operation können sich die Kosten in einer privaten Klinik auf 2 Millionen Irakische Dinar (1.200 Euro) summieren.
Wie bewerten Sie die Zunahme privater Kliniken als Konkurrenz zu den staatlichen Krankenhäusern?
Das letzte staatliche Krankenhaus im Irak wurde im Jahr 1986 erbaut. In den letzten 23 Jahren ist kein einziges Krankenhaus mehr dazugekommen. Dem gegenüber stehen ein schnelles Bevölkerungswachstum und ein größeres Gesundheitsbewusstsein. Wir müssen es dem Privatsektor hoch anrechnen, dass er in dieser Zeit seine Rolle eingenommen hat und dazu beiträgt, den staatlichen Krankenhäusern etwas von ihrer Last abzunehmen.
Fotos: Faeq al-Ahmad (WPI)












