Bauindustrie: Über Dubai nach Bagdad
11.04.2009  | Lilli Oberndorfer   

Branchen / Bauindustrie
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Bisher galt Dubai als größte Baustelle der Welt. Jetzt geht den Golfstaaten die Luft aus, die Baukonzerne brauchen neue Aufträge. Und die gibt es im Irak. Für den deutschen Unternehmer kann dies beides heißen: Konkurrenz oder Chance zum Markteinstieg

Die Skyline Dubais als Symbol eines ungebrochenen Baubooms und Luxusstrebens scheint für manchen Bauunternehmer aus den Golfstaaten zu einer Fata Morgana zu verschwimmen. Beim MEED Arabian World Construction Summit, dem Gipfeltreffen der arabischen Baubranche in Abu Dhabi Anfang Februar 2009, herrschte Krisenstimmung. Die Ergebnisse einer Umfrage unter den teilnehmenden Bauunternehmern sind bezeichnend für die Folgen der Finanzkrise in den Golfstaaten: Mehr als ein Drittel der dort aktiven Baufirmen musste in den vergangenen drei Monaten fünf oder mehr Bauvorhaben komplett absagen oder zumindest zurückstellen. So meldete beispielsweise die Immobilienberatung Jones Lang LaSalle, dass in Dubai mehr als die Hälfte der Bauvorhaben, die zwischen 2009 und 2012 fertig werden sollten, eingestellt werden musste. Die Krise scheint so schnell nicht vorüberzugehen.

Betonburgen versus Luftschlösser

Gründe für den Einbruch des Boomsektors sind finanzieller und struktureller Art: Neben geringerer Kreditvergabe spielt vor allem die revidierte Bevölkerungsprognose eine große Rolle. Jahrelang hatten Investoren auf Luxuswohnungen, Shopping Malls und Fünf-Sterne-Hotels gesetzt, ohne in Betracht zu ziehen, dass Bedarfsrechnungen zu euphorisch sein könnten oder dass eine Krise in der Finanzwelt die aufgeblähte Immobilienblase zum Platzen bringen könnte.

 

Bodenständige Lösungen

Da die Krise nun die Luxusimmobilienbranche erreicht hat, schwenken die Bauunternehmer auf bodenständige und wenig glamouröse Nischen des Bausektors um: auf staatlich geförderte Infrastrukturprojekte. Um die Krise abzufedern, versuchen die Regierungen der Golfstaaten vermehrt in öffentliche Wohnbau- und Infrastrukturprojekte zu investieren und sich dafür notfalls wie Saudi-Arabien zu verschulden.
Die Bauunternehmer in den Emiraten haben nicht viel Spielraum: Entweder sie wenden sich lokalen oder regionalen Bauprojekten im Infrastrukturbereich oder im jetzt schon hart umkämpften Öl- und Gassektor zu. Oder aber sie suchen nach Ländern mit stetig steigenden Zuwachsraten im Bausektor, die auf realem Bedarf begründet sind. Dazu zählt neben Ländern wie Libyen oder Ägypten vor allem der Irak, besonders mittelfristig.

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Irak verspricht hohe Wachstumsraten

Wie in keinem anderen Land herrscht im Irak ein enormer Bedarf an jeglicher Art von Dienstleistungen, Materialien und Maschinen für den Bausektor. Nach drei Kriegen und jahrelangen Sanktionen hat das Land einen immensen Aufholbedarf. Anders aber als die meisten Ländern besitzt der Irak auch die nötigen Ressourcen. Die Staatskassen sind gefüllt mit Hilfsgeldern und den ersten Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Zwar drückt die weltweite Finanzkrise auch auf die Nachfrage nach Erdöl. Dennoch wurden in den vergangenen Jahren zweistellige Milliardenbeträge erwirtschaftet. Langsam fließen diese Gelder in den Wiederaufbau, wie die Zahlen zeigen: Die Bauindustrie im Irak erfreut sich derzeit an der höchsten Wachstumsrate der Region. Anfang März 2009 betrug die Steigerung im Auftragsvolumen im Vergleich zum Vorjahr 220 Prozent. Wenn landesweit Sicherheit und Stabilität herrschen, wird der Irak die größte Baustelle der Welt werden.
Denn neben dem Wiederaufbau will die irakische Regierung mehr. Der Irak soll durch ehrgeizige Investitionen in der Tourismusbranche und gigantischen Infrastrukturprojekten im Verkehrssektor zur „blühenden Landschaft“ werden.

Bauvorhaben à la Turmbau zu Babel

Erst im Februar 2009 reisten irakische Politiker nach Abu Dhabi, um mit der dort ansässigen Emirates International Investment Company (EIIC) Verhandlungen über mögliche Investitionen in den Bereichen Immobilien, Industrie und Öl zu führen. Auch Auftragsangebote für den Bau zweier neuer Flughäfen in der Provinz Kerbala waren Teil der Gespräche.
Im Zuge dieser Verhandlungen sicherte sich das milliardenschwere Immobilienunternehmen Bloom Properties, ein Tochterunternehmen der EIIC, die Lizenzierung durch die Investitionsbehörde Kerbala für drei Megaprojekte in der Provinz im Wert von 39 Milliarden Euro. Das größte der Bauvorhaben ist das Projekt New Kerbala City – eine luxuriöse Trabantenstadt der Superlative mit Prestigebauten und Luxushotels für die Ströme an schiitischen Pilgertouristen und für wohlhabende Einheimische. Nahe des Sees al-Razaza soll auf einer Fläche von 25 bis 28 Quadratkilometern eine Stadt mit Wohnanlagen für Einheimische, Apartmentanlagen für Touristen, einem Vergnügungspark, einem Messe- und Kongresszentrum sowie ausgedehnten Grünanlagen entstehen.

Nicht nur in den Zentren des schiitischen Pilgertourismus, auch in der Föderalen Region Kurdistan-Irak kann man Großinvestitionen von Immobilienfirmen aus der Golfregion und allen voran aus den Emiraten beobachten: Die milliardenschwere Luxusimmobilienfirma Damac Properties mit Sitz in Dubai befindet sich aktuell in der Planungsphase für ihr Großprojekt Tarin Hills im Wert von elf Milliarden Euro. In Arbil soll dabei laut Plan eine Siedlung der Extraklasse als Gated Community entstehen. In drei Bauphasen sollen laut Hussein Sajwani, dem Vorsitzenden von Damac, innerhalb der nächsten sieben Jahre Apartmentblocks, Villen im mediterranen Stil, Geschäftszentren, Themenhotels, ein Restaurant- und Vergnügungsviertel, öffentliche Gebäude und ein Achtzehn-Loch-Golfplatz gebaut werden. Wird der Irak zur neuen Spielwiese gigantomanischer Immobilienfirmen aus den Emiraten?

Einstieg durch Partnerschaften

Auf den ersten Blick scheinen die Unternehmen aus den Golfstaaten eine Konkurrenz für deutsche Bauunternehmer im Irak darzustellen. Doch Raad Hamood, Verantwortlicher für den Vertrieb im Nahen Osten bei dem Stahlbauunternehmen Maurer Söhne, beruhigt: „Die meisten Bauunternehmen aus dem Golf arbeiten mit Zulieferern und Ingenieuren aus dem Ausland zusammen, vor allem mit Europäern. Wenn Firmen aus dem Golf im Irak einsteigen, muss das nicht unbedingt Konkurrenz für die Deutschen bedeuten.“

Gerade haben deutsche, irakische und britische Ingenieurbüros die Städtenutzungspläne für Nadschaf und Kufa nach zweijähriger Arbeit fertiggestellt und beim Ministerium für kommunale Angelegenheiten eingereicht.
Und auch in traditionellen Disziplinen wie dem Tiefbau gibt es Möglichkeiten für Deutsche. Vor allem durch anspruchsvolle Tiefbauprojekte haben sich die Deutschen in den Siebziger- und Achtzigerjahren im Irak einen Namen gemacht. Laut Raad Hamood haben deutsche Baukonzerne vor allem dort einen Vorteil, wo sie ihr Know-how beweisen können: „Für die Deutschen sehe ich gute Chancen beim Tiefbau und bei großen Konstruktionsprojekten wie Dämmen, der Bagdader Metro und großen Brückenprojekten.“

 

Fotos: Jumana al-Heloueh (Reuters, UAE), Chris Hodros (Getty Images)