Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
Wie Berliner Wissenschaftler von der Humboldt-Universität die Situation von Körperbehinderten im Irak verbessern wollen
Im Juni herrschte beste Laune im Raum 2.103 der Humboldt Universität. Denn da unterzeichneten Vertreter des irakischen Hochschulministeriums und der Berliner Humboldt-Universität eine Kooperationsvereinbarung zur Förderung von körperlich Behinderten im Irak. Nun trafen die irakischen Teilnehmer mit den deutschen Projektpartnern der Berliner Humboldt-Universität zum ersten Mal zusammen. Bei der Veranstaltung mit dem Titel „Hochschulpartnerschaft - Transfer Behindertenpädagogik in den Irak“, die vom 3. bis 6. Dezember 2009 stattfand, wurden die nächsten Schritte des dreijährigen Wissenstransferprojekts, aber auch seine Grenzen diskutiert. Die vierzehn Projektteilnehmer - zu gleichen Teilen Männer und Frauen - sind allesamt Vertreter der irakischen Ministerien der Ressorts Arbeit und Soziales, Gesundheit und Hochschulbildung. Sie gelten als Multiplikatoren, da sie an den Schnittstellen irakischer Institutionen sitzen und als Direktoren von Behindertenwerkstätten und Rehabilitationszentren sowie als Soziologen und Erziehungswissenschaftler mit der Behindertenförderung betraut sind.
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Die Lage der Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung soll durch die Aus- und Weiterbildung dieser Fachleute verbessert werden. Die Projektleiterin Prof. Krista Mertens, Lehrstuhlinhaberin für Rehabilitationswissenschaft an der Humboldt-Universität, ist sich der Grenzen des Vorhabens bewusst: „Drei Jahre genügen natürlich nicht. Dennoch es ist ein wichtiger Schritt. Wir wollen dem Irak eine jahrelange Experimentierphase ersparen. Im Zuge des Projekts können wir die neuesten Erkenntnisse an unsere Kollegen weitergeben und zusammen mit ihnen die Konzepte an die Bedingungen im Irak anpassen.“
Für den Irak ist dieses Projekt ein erster Schritt zur Lösung einer besonders dringlichen Problematik: Durch mehrere Kriege, Folter unter dem Saddam-Regime, den Anfal-Operationen gegen Kurden und Schiiten, schlechter medizinischer Versorgung während des Embargos und nicht zuletzt durch die Gewalt nach 2003 gibt es hier mehr körperlich Behinderte als in anderen Ländern der Region. Dennoch mangelt es laut Dr. Iftikhar Alaui, Abteilungsleiterin für Soziologie, Erziehung und Psychologie an der Universität Bagdad, noch am gesellschaftlichen Bewusstsein: „Menschen mit Handicap werden immer noch als Menschen mit einem Mangel oder ein Stigma angesehen. Wir müssen da umdenken. Bei dem Attentat auf das Außenministerium beispielsweise gab es tausend Verletzte. Das sind tausend potentielle Invaliden. Wir alle können „Die Integration Behinderter in den Arbeitsmarkt ist noch utopisch.“
vielleicht schon morgen selbst betroffen sein.“ Auch die Datenlage hinkt den Tatsachen hinterher. Offiziell gibt das irakische Gesundheitsamt den Anteil körperlich Behinderter an der Bevölkerung immer noch mit 1,3 Prozent an. Viel zu wenig, wie die Experten während der Konferenz einhellig sagten.
Ebenso werden die Dimension der Folgen und die gesamtgesellschaftliche Tragweite oft unterschätzt. Körperverletzungen ziehen Mehrfachbehinderungen nach sich: soziale Isolation, finanzielle Probleme, psychische Traumata. Daher setzt das Projekt bei der Vernetzung von unterschiedlichen Institutionen und Fachbereichen an, um Menschen mit Handicap in allen Lebensbereichen zu fördern. Das Projekt umfasst vier Schwerpunkte. Neben dem Bereich der Behindertenpädagogik stehen die Zusammenarbeit auf institutioneller Basis, die Verbesserung der häuslichen Pflege sowie die Einführung spezieller Therapieansätze wie die sogenannte Snoezelen-Methode zur Bewältigung von Traumata im Blickpunkt des Vorhabens. Körperlich beeinträchtigte Menschen sollen zudem auch sozial besser integriert werden, Angehörige beraten und begleitet werden.
Gleichsam wollen die Projektteilnehmer die berufliche Integration vorantreiben, beispielsweise durch Heimarbeit, Telearbeit oder eine Tätigkeit in Behindertenwerkstätten. Das kann die Betroffenen aus der Armutsfalle holen und ihnen Akzeptanz als gleichwertig anerkannte Mitglieder der Gesellschaft verschaffen. Allerdings zeigt die Situation im Irak dem Integrationsvorhaben auch Grenzen auf. „Die Integration in den Arbeitsmarkt ist noch utopisch. Im Irak sind momentan so viele Akademiker arbeitslos, da finden Behinderte noch schwerer eine Arbeit. Leider ist im Moment die einzige Lösung eine Anstellung in Behindertenwerkstätten,“ sagt Dr. Iftikhar Alaui.
Außerdem fehlt es an geeigneten Therapieansätzen, Bildungsangeboten und medizinischer Ausstattung. „Im Irak gibt es wenig Möglichkeiten für körperlich beeinträchtigte Menschen:
Durch Kriege, den Anfal-Operationen, schlechte medizinischer Versorgung während des Embargos und durch die Gewalt nach 2003 gibt es hier mehr körperlich Behinderte als in anderen Ländern der Region.
es mangelt uns an Geräten für die Physiotherapie und Hilfsmitteln wie Krücken und Rollstühlen“, sagt Dr. Yasmeen al-Bushama vom Rehabilitationszentrum Bagdad. „Auch fehlt es an finanzieller Unterstützung durch den Staat.“ Ihre Kollegin Iftikhar Alaui von der Universität Bagdad gibt ihr Recht: „Vor allem muss die Regierung mehr Geld für Behinderte geben, damit die Familien durch ein Attentat nicht in die Armut gestürzt werden. Beamte sind gut abgesichert, aber Selbständige und Angestellte im Privatsektor erhalten nicht genug Hilfe.“
Die finanziellen Probleme kann die Humboldt-Universität den Irakern nicht abnehmen. Dafür aber Impulse für einen neuen Umgang mit körperlich Versehrten geben. Die Konferenz ermöglichte einen anschaulichen Einblick in die neuesten Erziehungs-, Rehabilitations- und Forschungsbereiche. Neben Erfahrungsberichten von Medizinern der Charité und Ärzten aus dem Rehabilitationszentrum der Fürst-Donnersmarck-Stiftung umfasste die Konferenz auch Besuche bei einem Förderzentrum für körperbehinderte Kinder in Berlin und der Industriefirma „Technik für Menschen“, die Prothesen herstellt.
Trotz der momentanen Unterversorgung blicken die Teilnehmer positiv in die Zukunft. „Unter Saddam war alles schlechter. Behinderte wurden regelrecht weggesperrt und medizinisch kaum versorgt, geschweige denn therapiert. Das ändert sich jetzt,“ sagt Dr. Nabil Naaman, Abteilungsleiter für Psychologie und Erziehung an der Universität Bagdad. Auch der irakische Botschafter in Deutschland, Alaa Al-Hashimy sieht die Politik nun in die Pflicht genommen: „Seit 2003 ist die Wahrung der Menschenrechte für die Politik ein großes Anliegen.“ Hak Al-Hakim, Berater des Ministerrats und des Ministerpräsidenten Nuri Al-Maliki, der sich persönlich für das Vorhaben einsetzt, pflichtet ihm bei: „Dieses Projekt ist sehr bedeutend, weil es dabei um Menschenleben geht, aber nicht um irgendwelche Menschen, sondern um Behinderte, die unserer Hilfe besonders bedürfen.“
Beiden Seiten war bewusst, wie dringend der Irak Unterstützung bei der Bewältigung dieser Aufgabe braucht. Daher gestaltete sich die Projektorganisation für das zehnköpfige Projektteam und die Zusammenarbeit mit den Behörden beider Länder unbürokratisch und schnell. Begonnen hat alles im Frühjahr 2009. Als der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) zu Hochschulpartnerschaften aufrief, drängte der irakische Student Ammar Mizban seine Professorin, sich für den Wissenstransfer in den Irak einzusetzen. Sie sprachen bei der irakischen Botschaft vor und bekamen sofort grünes Licht. Auch beim DAAD trafen die Pläne der Humboldt-Universität auf Zustimmung. Im Juni wurde ein Abkommen der Universität mit der irakischen Regierung, vertreten durch Hak al-Hakim, unterzeichnet. Ende Oktober fuhr der Student Ammar Mizban in den Irak und suchte in Kooperation mit staatlichen Institutionen nach geeigneten Projektteilnehmern. Wenige Wochen danach fand mit der gerade zu Ende gegangenen Veranstaltung schon die erste Konferenz mit den irakischen Partnern statt.
Im Frühjahr 2010, wenn die Finanzierung durch den DAAD für ein weiteres Jahr gesichert ist, soll die nächste Schulung in Deutschland stattfinden. Diese geht dann einen Schritt weiter in die Praxis und zielt besonders auf den Personenkreis der Hochschullehrer in den einschlägigen Fächern. An dem Kurs werden die Hälfte der jetzigen Teilnehmer und weitere, noch zu bestimmende, sieben Universitätsdozenten teilnehmen. Erste Schulungspapiere wurden schon ins Arabische übersetzt.
Doch da soll längst nicht Schluss sein. Für die weitere Zukunft hat die irakische Seite ehrgeizige Pläne. Obwohl die Frage der Finanzierung noch offen ist, hat die irakische Regierung schon Interesse an der Errichtung eines Reha-Zentrums in Bagdad mit deutscher Unterstützung bekundet.
Foto: Martin Monk (WPI)











