Serie Teil 3: Herr Kurth will in den Irak
11.01.2010  | Christian Sywottek   

Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
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Er hat einen Elektrobetrieb in Köln. Doch was er wirklich will: Im Irak ein Ingenieurbüro aufmachen und mitmischen beim Wiederaufbau. Im Dezember hat Michael Kurth geheiratet. Nun heißt er „Michael Kurth al Naqib al Samarray al Abassy“ – so wie seine ehemalige Freundin. Die ist nämlich Irakerin und stammt aus Bagdad


Teil 3: Der Neustart


Der Plan ist tot. Es lebe der neue Plan. „Bei meinem ersten Konzept war ich vom Ziel beseelt und sehr naiv“, sagt Michael Kurth. „Jetzt gehe ich die Sache bodenständiger an. Das Ziel ist dasselbe, aber mein Weg hat sich geändert.“

Herr Kurth will in den IrakLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Fernweh nach BasraTeil 2: Die PlanungenTeil 3: Der NeustartTeil 4: Die Reise

Michael Kurth hat noch verschiedentlich versucht, von Banken Geld für sein Ingenieurbüro im Irak zu bekommen. Ursprünglich sollten es 4,9 Millionen Euro sein. Er hat seine Kontakte spielen lassen. „Aber das ist völlig aussichtslos. Mit Großprojekten wird das einfach nichts.“ Michael Kurth hat sich eine Woche Auszeit genommen und eine neue Idee geboren: Die Al Naqib-Group.
„Ich werde Repräsentant für deutsche Mittelständler im Irak“, sagt Michael Kurth. „Ich webe mir vorab ein Netz aus deutschen Firmen, für die ich im Irak mit eigenen Niederlassungen tätig werde. Klassische Mittelständler sollen das sein mit einem Jahresumsatz ab 30 Millionen Euro. Produzenten, die Topqualität liefern.“ Schalter, Steckdosen, Lampen, Türen, Fenster, Trinkwasserspender, Solaranlagen: Alles, was beim Bau gebraucht wird, kommt in Frage.

Michael Kurth hat gelernt: „Viele große Ausschreibungen im Irak verlaufen im Sand.“ Entsprechend hat er sein Geschäftsmodell umgestellt. „Zunächst will ich, dass wir gemeinsam Kleingeschäft akquirieren. Und die Al Naqib-Group wird als Großhändler für meine Partnerfirmen anfangen. Irakische Handwerker wollen deutsche Produkte, die kann ich dann bieten. Wenn wir erfolgreich sind, können wir später auch an Ausschreibungen teilnehmen.“

Michael Kurth – Zur Person:Der 51-Jährige ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elektro-Bettgens. Er hat Informatik und Elektrotechnik studiert und gründete mit Mitte 20 sein erstes Unternehmen. 1988 war er am Bau des Flughafens in Basra beteiligt. Michael Kurth lebt mit seiner Lebensgefährtin, einer gebürtigen Irakerin, in Köln.
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Denn das ist weiterhin das Hauptziel von Michael Kurth: Management bei Wiederaufbauprojekten. „Ich will im Irak nicht selbst schrauben, sondern Aufträge akquirieren und die Ausführung organisieren. Dabei kommen meine deutschen Partnerfirmen als Lieferanten zum Zuge. Ich öffne für sie die Tür in den Irak, ohne dass sie eigenes Personal schicken müssen oder Sicherheitsproblemen ausgesetzt sind. Der Nachteil ist natürlich, dass es schiefgehen kann. Aber das kann ihnen auch mit eigenen Leuten passieren. Wobei viele Mittelständler das allein ohnehin nicht reißen könnten.“ Bleibt die Finanzierung. Auch dafür hat sich Michael Kurth ein neues Modell ausgedacht. Die Al Naqib-Group soll keine fremden Teilhaber anlocken. „Ich verkaufe den deutschen Firmen meine Dienstleistung für ein jährliches „Eintrittsgeld“, und die Fixkosten werden umgelegt.“ Firmen können einfach wieder aussteigen, und Michael Kurth muss sein Irakabenteuer nicht aus eigener Tasche vorfinanzieren. „Das Konzept hat doch Charme, oder?“. Vor kurzem war er in Berlin auf einer Investorenkonferenz und hat sich umgehört. „Da habe ich gemerkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

Nur, Firmen, die mitmachen, die hat er noch nicht. „Zwei Handvoll denken darüber nach“, sagt Michael Kurth, „aber Verträge sind noch keine unterschrieben.“ Deshalb ist seine erste Baustelle Deutschland. Er brauche 25 bis 30 Unternehmen, meint Michael Kurth. Nun lässt er Folder drucken und will rund 150 Betriebe anschreiben, ansprechen, einweben. Im Januar soll die Finanzierung stehen.

Erst dann will Michael Kurth in den Irak fahren. „Ich muss alles mit Bedacht machen. Wenn man zu viele Eisen im Feuer hat, verglühen sie nur. Wenn ich aufbreche, muss ich etwas Konkretes in der Hand haben. Für Tralafitti habe ich keine Zeit, und so würde man auch schnell zum Spinner. Ich aber muss immer alles steuern können.“

Der Irak, meint Kurth, werde der schwierigere Teil seines Engagements. Denn er braucht Mitarbeiter, die vor Ort für sein Unternehmen arbeiten. Aber woher sollen die kommen?

Seine alten Kontakte lässt Michael Kurth zurzeit ruhen. Er hat viele neue gewonnen. Exiliraker haben auf WPI von ihm erfahren und angerufen, aus Deutschland, Belgien, Schweden. Mit dem einen oder anderen hat er sich schon getroffen „Das waren gute Leute“, sagt Michael Kurth. „Ingenieure, Rechtsanwälte, Informatiker, Handwerker. Die haben sich im Exil etwas aufgebaut und suchen jetzt trotzdem einen Weg, wie sie zurückkehren können in ihre Heimat. Sie brauchen eine gute, aussichtsreiche Arbeit. Vielleicht finden wir ja zusammen.“ Doch aktiv Personal rekrutieren will er erst, nachdem die Finanzierung steht.

Er sei doch oft ziemlich müde, sagt Michael Kurth. Die Sache mit dem Irak, dazu seine Elektrofirma in Köln – „das ist mehr als ein Vollzeitjob“. Mit dem Verkauf seines Unternehmens hat es noch nicht geklappt, aber er will sich freischaufeln. Einen zusätzlichen Meister will er einstellen, und ein Mitarbeiter soll zum Betriebsleiter aufsteigen.

Im Dezember hat Michael Kurth geheiratet. Seine Freundin stammt aus dem Irak, er hat ihren Namen angenommen. Ein sehr bekannter Name im Irak, wie er auf der Berliner Investorenkonferenz feststellen konnte. „Ich liebe meine Freundin“, sagt Michael Kurth, „deshalb heirate ich sie. Aber dass ich nun Kurth al Naqib heiße, ist natürlich auch von Vorteil.“

Er fühle sich gut jetzt, meint Michael Kurth al Naqib. Mit seiner Frau, mit seinem neuen Plan, der ohne fremdes Geld von Banken auskommt. Er habe seine bisherigen Firmen auch niemals fremdfinanziert. „Ich arbeite jetzt so, wie ich immer gearbeitet habe. Das gibt mir ein sicheres Gefühl. Ich habe meinen Weg gefunden.“

 

Foto: Thekla Ehling