Serie Teil 4: Herr Kurth fliegt in den Irak
26.02.2010  | Christian Sywottek   

Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
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Er hat einen Elektrobetrieb in Köln. Doch was er wirklich will: Im Irak ein Ingenieurbüro aufmachen und mitmischen beim Wiederaufbau. Gerade ist Herr Kurth al Naqib nach Kurdistan geflogen, um im Nordirak zu schauen, welche Geschäfte auf ihn warten


Teil 4: Die Reise


Nur noch ein paar Tage, dann wird Michael Kurth seine Sachen packen und in ein Flugzeug steigen. Wenig später wird er in Arbil landen und nach 22 Jahren endlich wieder irakischen Boden betreten. Herr Kurth schaut aus dem Fenster in den Kölner Regen. „Ich werde 14 Tage im Norden unterwegs sein“, sagt Michael Kurth. „Das gibt ein volles Programm bei Sonne und 30 Grad. Ich brenne darauf, endlich ins Land zu kommen. Und ich werde es genießen.“

Herr Kurth will in den IrakLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Fernweh nach BasraTeil 2: Die PlanungenTeil 3: Der NeustartTeil 5: Nach der ReiseTeil 6: Ich fühle mich veräppelt

Auf diese Reise hat Michael Kurth seit Monaten hingearbeitet. Erst einmal zu Hause die Weichen stellen, dann ab in den Irak – diesem Motto ist er gefolgt. „Jetzt will ich sehen, was das Land hergibt“, sagt Kurth. Er will Kontakte und Aufträge sammeln.

Denn seine „Al Naqib Group“ hat Formen angenommen. Der Internetauftritt ist online, in einem Monat hat Michael Kurth 500 Zugriffe gezählt. „Das ist ganz gut“, meint er. Seit einigen Wochen hat er eine Steuernummer und ordentliches Briefpapier für die neue Firma. Seitdem sucht er in Deutschland Partner, die ihn für seine Dienstleistung mit monatlichen Raten bezahlen.

An seiner Idee hält Michael Kurth unverändert fest: Die Al Naqib Group soll für deutsche Mittelständler den irakischen Markt erschließen. Zunächst als Großhändler für deren Produkte, hauptsachlich für Bauvorhaben. Dann will Michael Kurth kleine Aufträge ergattern und lernen. Anschließend will es sich an das wagen, worum es ihm eigentlich geht: Das Management von Wiederaufbauprojekten. Auch dabei sollen dann seine deutschen Partner zum Zuge kommen.

Nur, Firmen, die mitmachen, die hat er noch nicht. „Zwei Handvoll denken darüber nach“, sagt Michael Kurth, „aber Verträge sind noch keine unterschrieben.“ Deshalb ist seine erste Baustelle Deutschland. Er brauche 25 bis 30 Unternehmen, meint Michael Kurth. Nun lässt er Folder drucken und will rund 150 Betriebe anschreiben, ansprechen, einweben.

Zunächst wollte er erst dann in den Irak reisen, wenn er genügend deutsche Auftraggeber gefunden hat. Nun geht er den umgekehrten Weg. Denn Partner zu finden, ist gar nicht so leicht.

Rund 250 Firmen hat Michael Kurths Frau angeschrieben, hat das Konzept von Al Naqib erklärt. Ein Viertel etwa hat sich zurückgemeldet. „Da war ich positiv überrascht“, sagt Michael Kurth. Interessiert waren sie alle. Nur die Unterschrift unter einen Vertrag – die hat Herr Kurth noch nicht. Ein bisschen enttäuscht ist er schon. „Ich hätte gedacht, die sind entscheidungsfreudiger. Aber die Krise macht sie wohl langsam.“

Michael Kurth – Zur Person:Der 51-Jährige ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elektro-Bettgens. Er hat Informatik und Elektrotechnik studiert und gründete mit Mitte 20 sein erstes Unternehmen. 1988 war er am Bau des Flughafens in Basra beteiligt. Michael Kurth lebt mit seiner Lebensgefährtin, einer gebürtigen Irakerin, in Köln.
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Sie wollen ihn als Vertreter auf Provisionsbasis in den Irak schicken. Sie wollen konkrete Aufträge, bevor sie sich an die Al Naqib Group binden. Die Firmen wollen zuerst etwas sehen – das hat Michael Kurth gelernt. „Und deshalb fahre ich jetzt los. Ich muss liefern. Aufträge oder Ausschreibungen, bei denen ich dann helfen kann, damit ein Partner die Ausschreibung gewinnt. Ich muss beweisen, dass Al Naqib das kann. Vor allem aber ist diese Reise ein Test für mich selbst. Was kann ich bewegen – das ist die entscheidende Frage.“

„Mein Puls ist ganz ruhig“, sagt Michael Kurth. Er fährt nicht allein in den Irak. Über WPI hat er Ende 2009 eine junge Exil-Irakerin aus Westfalen kennen gelernt. „Sie hat Architektur studiert, oder Bauwesen. So genau weiß ich das gar nicht. Aber darauf kommt es auch nicht an.“ Siebzig Emails haben sie einander geschrieben, sie haben sich getroffen. „Die Frau weiß, was sie will“, sagt Kurth, „und das finde ich gut. Aber vor allem: Sie hat ein breites Netzwerk im Irak. Bei der Hochzeit ihres Bruders kamen 800 Gäste. Mit ihr kann ich dieses Netz nutzen. Und ihr Vater arbeitet in der Immobilienbranche – das passt prima.“

Die junge Frau hat die Reise für Michael Kurth organisiert. Auf seiner Fahrt wird er mit Bürgermeistern sprechen, mit Stadträten, Ministerialen, Geschäftsleuten – „und sicher auch mit dem Onkel vom Onkel“. Am Ende will er wissen, welche Bauprojekte im Nordirak geplant sind. Und ob er die Leute überzeugen kann, ihm einen Auftrag zu geben.

Es geht ihm jetzt nicht um Zusagen für klar definierte Projekte, die sofort umzusetzen sind. „Den konkreten Sachen misstraue ich am meisten“, sagt er. „In der Vergangenheit entpuppte sich gerade das Konkrete am Ende als heiße Luft. Dafür aber habe ich mir mein Flugticket nicht gekauft.“

Michael Kurth will das Terrain sondieren, er will gute Beziehungen knüpfen. Er will das alles auf sich zukommen lassen. „Wir gucken herum, alles andere entscheiden wir vor Ort.“ Er hat eine klares Abkommen mit seiner Helferin geschlossen: Wenn sie es schafft, dass er Aufträge bekommt, wird sie seine Managerin im Irak. „So sind wir beide am Erfolg dieser Reise interessiert. Nein, ich fühle mich ihr nicht ausgeliefert.“

Angst, meint Michael Kurth, die habe er nicht. Nicht wegen der möglichen Unruhen im Irak, nach den Wahlen am 7. März. „Ich bin ja im Norden, das wird schon gehen.“ Eine fremde Kultur mit ganz eigenen Regeln - dass er während seiner Reise jede Nacht bei einer anderen Familie unterkommt, findet er ausgesprochen spannend. „Ich bin völlig schmerzfrei“, meint Michael Kurth. „Den Ball immer schön flach halten, so findet man sich schon zurecht. Ich genieße es, bei fremden Leuten schlafen zu dürfen. Ich möchte schließlich mit diesen Menschen etwas bewegen. Ich will sie kennen lernen, und sie sollen mich kennen lernen. Natürlich werde ich ein angenehmer Gast sein.“

Auch wenn er es sich nicht anmerken lässt: Es hängt viel ab von dieser Reise. Einige Zehntausend Euro hat Michael Kurth bereits in sein Irakabenteuer gesteckt, seine alten Kontakte lässt er im Moment ruhen. Er hat Einladungen nach Kerbala, nach Nadschaf. „Aber ich muss mit meinen Kräften haushalten. Und da ist natürlich die Frage, wer das alles bezahlt.“

Im April, sagt Michael Kurth, da wolle er nach Bagdad reisen. Er kenne da einen irakischen Professor in Berlin, der wolle ihn begleiten. Vielleicht könne er ja dann auch ein Büro in Bagdad eröffnen, die Räume habe er schon. Er will nicht mehr warten. „Wenn ich gehen muss, ja dann muss ich eben gehen.“

Zum Glück sei er mit seiner Frau „auf einer Linie“, sagt Michael Kurth. Auch wenn sie ihn auf der Reise in den Irak nicht begleiten wird, ist sie bei ihm. Herr Kurth unterschreibt mittlerweile all seine Post mit seinem neuen Namen: Michael Kurth al Naqib. „Muss man doch auch, wenn man so heißt, oder?“ Herr Kurth lacht. „Außerdem sieht eine solche Unterschrift doch viel bedeutungsvoller aus als ein kurzer „Kurth“.

Noch wenige Tage bis zur Reise in den Irak. „Es sieht wirklich gut aus für mich“, sagt Michael Kurth al Naqib. „Ich bin mal gespannt, was ich hinterher zu erzählen habe.“

 

Foto: Thekla Ehling