Serie Teil 5: Herr Kurth will in den Irak
26.03.2010  | Christian Sywottek   

Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
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Er hat einen Elektrobetrieb in Köln. Doch was er wirklich will: Im Irak ein Ingenieurbüro aufmachen und mitmischen beim Wiederaufbau. Gerade ist Herr Kurth aus der Region Kurdistan zurückgekommen und platzt vor Tatendrang


Teil 5: Nach der Reise


Er hat dunkle Ringe unter den Augen, und irgendwann fallen sie ihm fast zu. „Ich müsste mich mal richtig auspennen“, meint Michael Kurth, „aber nach dieser Reise geht das nicht. Es ist zuviel Positives passiert.“

Herr Kurth will in den IrakLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Fernweh nach BasraTeil 2: Die PlanungenTeil 3: Der NeustartTeil 4: Die ReiseTeil 6: Ich fühle mich veräppelt

Vor einigen Tagen ist er zurückgekehrt aus dem Nordirak. Seine erste Reise nach vielen Monaten Vorbereitung hat ihn nach Arbil geführt, nach Dohuk, in die Gegend dazwischen. Kontakte wollte Michael Kurth suchen, Aufträge finden. Vor allem aber wollte er sich selbst testen. „Was kann ich bewegen, das war die wichtigste Frage“, sagt er. Und das Ergebnis nach zwölf Tagen Nordirak? „Ehrlich gesagt bin ich sprachlos“, meint Michael Kurth. „Ich wollte immer in den Irak, aber nun überrollt mich mein Wunsch. Ich habe Leute getroffen – das gibt`s gar nicht. Auf dieser Reise haben sich so viele Möglichkeiten ergeben. Aber jetzt muss ich es auch reißen. Dafür muss ich meine bisherigen Pläne ändern. Ich bin jetzt am Zug, da hilft alles nichts.“

Ende Februar ist er gestartet, mit seiner jungen Begleiterin, einer Exil-Irakerin mit großer Familie und vielen Kontakten. Sie hat ihm die Reise organisiert und Gesprächspartner gesucht. Ministeriale, Amtsleiter, Bürgermeister, Geschäftsleute – Menschen, die Aufträge vergeben oder zumindest bei der Vergabe beteiligt sind. „Die haben wir abgeklappert“, sagt Michael Kurth. „Jeden Tag zwei bis vier Gespräche, bis spät in die Nacht. Zum Glück gab es keinen Alkohol. Sonst hätte ich das gar nicht durchgehalten.“

Michael Kurth hat offenbar einen guten Eindruck hinterlassen. „Eines war schnell klar“, sagt er. „Die Leute dort haben die Nase voll von irgendwelchen Abenteurern.“ Ihm haben sie zugehört und gemerkt: Er meint es ernst. Er will die Leute vor Ort einbinden, als Geschäftspartner oder Subunternehmer. Er will, dass jeder seinen Vorteil hat. „Ich wurde durch eine bekannte Familie vermittelt“, sagt Kurth, „auch das war wohl entscheidend. Sich einfach auf den Marktplatz zu stellen und zu rufen, bringt gar nichts. Da schenkt einem niemand eine Banane.“

Michael Kurth ist sich sicher, dass er den Boden hat bereiten können für künftige Geschäfte. „Alle haben gesagt: Wenn Sie hier im Nordirak Ihre Firma gegründet haben, sind Sie drin im Wirtschaftskreislauf. Ich werde an Ausschreibungen teilnehmen und auch andere Aufträge bekommen.“ Michael Kurth erzählt noch von einem Wohnpark mit 500 Häusern, einer Shoppingmall. Aber das sei noch in der Schwebe.

Aber er kann es kaum glauben: Die ersten Aufträge hat er schon jetzt in der Tasche. Er wird Medikamente in Deutschland besorgen und in den Nordirak exportieren. Er wird deutsche Unternehmen suchen, denen ein Iraker Grundstücke zur Verfügung stellen will. Für eine neue Poliklinik wird er Ärzte organisieren und ihnen die Räume nach Wunsch gestalten. Das kommt seinem ursprünglichen Wunsch schon ziemlich nahe: Management bei Wiederaufbauprojekten. Die Klinik ist heute noch ein Rohbau. Michael Kurth wird sie schlüsselfertig zu Ende bauen, die medizinische Ausstattung gewährleisten, das Personal rekrutieren. „Ich coache das ganze Ding“, freut er sich, „die Sache ist mit Handschlag besiegelt. Und es ist ein überschaubares Projekt, das ist ganz gut für den Anfang.“

Denn all das ist nicht ohne Risiko. Eigentlich wollte Michael Kurth mit seiner Firma Al Naqib Group mit deutschen Mittelständlern und deren Geld im Rücken den Irak erobern. Erst als Großhändler, dann als Manager bei Bauprojekten. Diese deutschen Firmen hat er aber noch nicht, und er kann nun auch nicht auf sie warten. Er wird selbst vorfinanzieren müssen, lokale Handwerker beschäftigen, einheimische Lieferanten nutzen. „Das ist schon `ne Nummer“, sagt Michael Kurth. Angst hat er nicht. Er hat sich durch den Souk treiben lassen, durch die Geschäfte. „Ich hätte das ja nie gedacht, aber da gibt es alles, was ich brauche. Nein, die Leute dort leben nicht auf Bäumen.“

Michael Kurth al Naqib – Zur Person:Der 51-Jährige ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elektro-Bettgens. Er hat Informatik und Elektrotechnik studiert und gründete mit Mitte 20 sein erstes Unternehmen. 1988 war er am Bau des Flughafens in Basra beteiligt. Michael Kurth al Naqib lebt mit seiner Frau, einer gebürtigen Irakerin, in Köln.
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„Es wird sich alles fügen“, sagt Michael Kurth, „ich schwinge mich ein. Hauptsache ist, dass ich immer noch alles steuern kann. Ich will mir keine Fehler leisten.“ Er muss jetzt aufpassen, dass es ihn nicht zerreißt. Soviel ist gleichzeitig zu erledigen. Er muss die Firma in Arbil gründen – für den Papierkram hat er einen einheimischen Rechtsanwalt eingespannt, „denn da fische ich sonst komplett im Trüben“. Im Mai soll das Unternehmen stehen. Er muss weiter versuchen, deutsche Firmen für sein ursprüngliches Konzept zu rekrutieren – „denn das schmeiße ich doch nicht einfach weg, nur weil sich jetzt andere Wege ergeben haben“. Und er muss seine Kölner Firma „Elektro-Bettgens“ auf Kurs halten. Denn soviel steht mittlerweile fest: Er wird sie nicht verkaufen. „Das bin ich meinen Leuten einfach schuldig“, sagt Michael Kurth. Vor seiner Reise hat er sie zusammengetrommelt und ihnen von seinen Plänen erzählt. „Seitdem können meine Mitarbeiter damit umgehen“, meint Kurth, „und manch einer hat gesagt: Alle Achtung, der traut sich was.“

Geht alles glatt, wird Michael Kurth bald pendeln zwischen Deutschland und dem Nordirak. Im Juni hat einer seiner Bettgens-Mitarbeiter den Meisterbrief in der Tasche, das wird ihn auf dieser Seite entlasten. Für die Arbeit im Irak hat er den Vater und den Onkel seiner Begleiterin als Berater an sich gebunden, sie selbst wird General-Managerin der Al Naqib Group. Michael Kurth sind die Spielregeln vollkommen klar. „Natürlich möchte jeder sein Stück vom Kuchen abhaben. Das ist legitim, und ich bin ein Meister im positiven Verteilen.“ Ohnehin sei es ja so: Wenn jeder für sich seine Geschäfte sucht, die anderen aber daran beteiligt, hätten schließlich alle etwas davon.

Trotzdem: Warum ihm die Iraker so wohlwollend begegnet sind, versteht Michael Kurth nicht wirklich. Sie haben mehr getan, als sie hätten tun müssen. Schließlich ist er derjenige, der sich einklinken will in den Kreislauf aus Geben und Nehmen. Sie haben ihm die Jackentaschen mit süßen Mandeln gefüllt. In Bagdad darf er in einer Villa ein Büro eröffnen, ohne dafür Miete zu zahlen. Seine Gastgeber haben mit ihm angeregt diskutiert, über Religion, über die Rolle der Frauen. Durchaus kontrovers sei das zugegangen, sagt Michael Kurth. „Ich habe einige Gesprächspartner gefragt, warum sie mich unterstützen wollen. Viele sagten mir, sie wüssten es auch nicht. Aber ihnen sei klar, dass sie es tun müssen.“

Vielleicht liegt es auch daran, dass Michael Kurth mit dem Irak mehr verbindet als nur einen Platz zum Geld verdienen. So etwas kann man spüren. „Ich habe das ganze Land wie ein Stück Löschpapier in mich aufgesogen“, sagt Michael Kurth. „Wasser, Berge, Menschen, die Wärme. Ich wollte mein eigenes Bild bekommen. Und ich habe mich schnell heimisch gefühlt.“ An der Grenze, wo er ohne Visum ankam und einen Tee später trotzdem einreisen durfte. Morgens beim Frühstück, mit Büffelquark, selbstgebackenem Brot und Honig. „Und die Tomaten schmeckten wirklich wie Tomaten“, schwärmt Michael Kurth, „das Essen fehlt mir schon jetzt.“ Auf dem Markt hat er sich frischen Passionsfruchtsaft pressen lassen, obwohl man ihn gewarnt hatte. Durchfall und so. „Scheiß drauf“, sagt Michael Kurth, „das war einfach super.“

Michael Kurth meint, sein Puls sei nach wie vor ruhig. „120 zu 80, da kann man nicht meckern.“ Von seinem Kölner Hinterhofbüro aus betrachtet erscheint der Irak weit weg. In Kurths Kopf ist er ganz nah. „Endlich geht es los. Gott sei Dank.“

 

Foto: Thekla Ehling