Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
Er hat einen Elektrobetrieb in Köln. Doch was er wirklich will: Im Irak ein Ingenieurbüro aufmachen und mitmischen beim Wiederaufbau. Doch gerade kämpft Herr Kurth mehr mit der deutschen Bürokratie und der irakischen Bürokratie.
Teil 6: „Ich fühle mich veräppelt.“
„Ich bin für die Revolution“, sagt Michael Kurth, und dann nimmt er einen tiefen Schluck aus dem Wasserglas. „Mir geht gerade alles total auf den Geist. Die Griechen, das Wetter, vor allem aber die Bürokratie. Meine Nerven sind im Moment ziemlich dünn. Man will was tun, erkundigt sich, und dann ist es verkehrt.“
Herr Kurth will in den IrakLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Fernweh nach BasraTeil 2: Die PlanungenTeil 3: Der NeustartTeil 4: Die ReiseTeil 5: Nach der Reise
Uff. Michael Kurth war gerade erst in Istanbul. Drei Tage Ausspannen mit seiner Frau. Und schon ist er wieder mittendrin in den Mühen des Alltags. Vor knapp drei Monaten kam er zurück aus dem Nordirak, nach diversen Gesprächen mit wichtigen Leuten. Den Block voller Ideen und Aufträge für seine Al Naqib Group. „Ich bin sprachlos“, hatte er damals gesagt. Jetzt sagt Michael Kurth: „Ich bin dermaßen sauer.“
Was aber eher an Deutschland liegt. Bis Mitte Mai wollte er seine Niederlassung in Erbil gründen. Dafür braucht er deutsche Papiere, mit amtlicher Beglaubigung. Und die hat er immer noch nicht. Denn er muss zu mehreren Ämtern, und die einen glauben offenbar den anderen nicht. Sie schicken ihn von Hinz zu Kunz. „Wo leben wir denn hier“, ereifert sich Michael Kurth. Nun ja, beruhigt er sich, das sei wohl trotzdem nur eine Frage der Zeit.
Über zwei Monate nach dem Nordirak sieht Michael Kurth die Welt wieder etwas nüchterner. Aus einigen avisierten Deals ist nichts geworden. Grundstücke an deutsche Firmen etwa konnte er mangels Interesse nicht vermitteln. Und die Medikamentenlieferung gestaltet sich schwierig. Alles war so schön besprochen, doch plötzlich mischten Leute mit, die mit dem eigentlichen Geschäft nichts zu tun hatten. „Ich fühlte mich regelrecht veräppelt“, sagt Michael Kurth.
Zuerst hat Herr Kurth die Sache beerdigt, dann hat er sie mit den richtigen Leuten wieder ausgegraben. Und er hat daraus gelernt: „Ab sofort wird nicht mehr nur geredet, ich werde mir sofort alles zeigen lassen.“
Das gilt auch für die Sache mit dem Ärztehaus. Es gibt da einen Rohbau – er soll die Mediziner besorgen und die Klinik einrichten. Demnächst will er mit einem deutschen Zahnarzt vor Ort reisen. „Und dann wird Herr Kurth eine Liste mit fünfzig Fragen an seine Partner haben“, sagt Herr Kurth, „und er will auf alles eine Antwort. Und er wird genau schauen, was die Leute auf der Naht haben.“ Michael Kurth grinst. „Ich will auch mal in die Tüten mit den Dollars schauen. Ich brauche Klarheit, um meine Nerven zu schonen. So ein Ding wie mit den Medikamenten brauche ich nicht noch einmal.“
Herr Kurth wäre nicht Herr Kurth, würde er angesichts derartiger Hindernisse aufstecken. Das wäre auch schade, denn an anderer Stelle läuft es recht gut. Wider Erwarten füllt sich sein altes Konzept mit Leben. Nur kurz zur Erinnerung: Die Al Naqib Group soll deutschen Firmen als Großhändler dienen, als Repräsentant. Und wenn Al Naqib Bauaufträge an Land zieht, sollen die deutschen Zulieferer zum Zuge kommen. Herr Kurth als Türöffner in den Irak. Dafür sollen die Firmen ein jährliches „Eintrittsgeld“ zahlen, die Fixkosten werden umgelegt.
Michael Kurth al Naqib – Zur Person:Der 51-Jährige ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elektro-Bettgens. Er hat Informatik und Elektrotechnik studiert und gründete mit Mitte 20 sein erstes Unternehmen. 1988 war er am Bau des Flughafens in Basra beteiligt. Michael Kurth al Naqib lebt mit seiner Frau, einer gebürtigen Irakerin, in Köln.
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Und nun hat Michael Kurth endlich einen dicken Fisch geangelt. Trilux macht mit. Die Traditionsfirma aus dem Sauerland produziert hochwertige Leuchten für Innen und Außen, erzielt einen Umsatz von rund 400 Millionen Euro. „Hurra“, sagt Michael Kurth, „jetzt müssten doch andere Firmen nachziehen.“ Auch zwei österreichische Lampenhersteller hat er davon überzeugt, dass er keine Pfeife ist. Die eine baut gigantische Lüster, die andere gute Normalware für den Katalog. Für beide konnte sich Michael Kurth den Nordirak als Vertriebsgebiet sichern. „Diese Sachen verkaufen sich von selbst“, ist er überzeugt, „das bringt endlich mal Kohle.“
Geht alles glatt, wird Michael Kurth bald pendeln zwischen Deutschland und dem Nordirak. Im Juni hat einer seiner Bettgens-Mitarbeiter den Meisterbrief in der Tasche, das wird ihn auf dieser Seite entlasten. Für die Arbeit im Irak hat er den Vater und den Onkel seiner Begleiterin als Berater an sich gebunden, sie selbst wird General-Managerin der Al Naqib Group. Michael Kurth sind die Spielregeln vollkommen klar. „Natürlich möchte jeder sein Stück vom Kuchen abhaben. Das ist legitim, und ich bin ein Meister im positiven Verteilen.“ Ohnehin sei es ja so: Wenn jeder für sich seine Geschäfte sucht, die anderen aber daran beteiligt, hätten schließlich alle etwas davon.
Michael Kurth hat die Kurve im letzten Moment genommen. Bis Mitte Mai hatte er sich Zeit gegeben, Partner für die Al Naqib Group zu finden. So viele Schreiben hatte er verfasst, doch jetzt machte seine Frau Termine mit Unternehmen auf der „Light+Building“ und auf der Hannover Messe. Michael Kurth trat in Aktion. „Wo ist denn hier der Exportmanager“, erinnert sich Herr Kurth an seine jeweils erste Frage, noch immer angetan von der positiven Resonanz. Auf einer Messe würde man nicht so schnell abgewimmelt, meint er. „In Zukunft läuft meine Aquise nur noch so.“
Wobei er eigentlich nicht mehr groß keulen möchte. Ziemlich satt hat er das Anspruchsdenken. „Ich werde für niemanden mehr arbeiten, der glaubt, ich renne für ihn wie blöd kostenlos herum“, sagt Michael Kurth, „das bringt nichts, das habe ich gelernt.“ Wer auf ihn zukomme, sei willkommen – solange man fair miteinander umgehe.
Michael Kurth hat jetzt klare Prioritäten. Der Medikamentendeal, die Niederlassung in Erbil, die Arbeit für Trilux und die anderen Firmen. „Das ist doch eine gute Basis“, meint er. Die Familie seiner irakischen Geschäftsführerin warte nur darauf, ihre Aquise- und Vertriebsaktivitäten aufzunehmen. Sogar einen Lampenhändler hat Michael Kurth aufgetan.
Die großen Wiederaufbauprojekte sind das noch nicht – eigentlich wollte Michael Kurth genau diese betreiben. Herr Kurth winkt ganz entspannt ab. „Ach, wir werden das klein und fein entwickeln. Überschaubare Projekte. Stromerzeugung wäre ganz schön. Ich mache alles außer Waffen. Und vielleicht werde ich doch nur Händler? Mal sehen. Das muss sich entwickeln.“
Für den Fall, dass doch jemand mit ihm Straßen, Wohnblocks oder ähnliche Großprojekte stemmen will, hat er über WPI Kontakte zu drei ukrainischen Baufirmen geknüpft. Unternehmen zwischen 10000 und 1000 Mitarbeitern. Im Paket musste Michael Kurth sogar eine Omnibusfirma mitnehmen. „Dabei will ich doch keine Knöpfe verkaufen“, lacht er. „Natürlich ist das ein bisschen groß für mich, aber wenn es dazu kommt, brauche ich Maschinen und Leute, die sie bedienen können.“
Im Irak, hat Michael Kurth gelernt, muss man selbst vor Ort sein. Es sei denn, man hat absolut vertrauenswürdige Helfer. Noch im Juni würde er gerne wieder reisen, kleine Baufirmen finden. „Und Schrauber und Schlosser und so. Einfach klassische Unternehmen.“ Bis zum Jahresende hätte er seine Leute gerne beisammen.
Seine Frau zumindest hat er fest an seiner Seite. Sie stammt aus dem Irak, auf der nächsten Reise wird sie ihn begleiten. Seit er die Sache mit dem Irak ernsthaft betreibe, sagt Michael Kurth, werde ihr Heimweh immer stärker. „Sie hat sich sogar schon nach der deutschen Schule in Erbil erkundigt. Eventuell will sie hinziehen.“ Ihm ist anzusehen, dass er es mag, wenn seine Frau träumt. „Aber ich kann doch gar nicht weg.“
Denn er muss sich auch noch um seine Kölner Firma „Elektro-Bettgens“ kümmern. Erst jüngst habe er erkannt, wie wichtig sie auch für seine Irak-Aktivitäten sei – als Beleg seiner Seriosität, etwa für Banken. Er hat wie wild aquiriert. „Die Auftragbücher sind voll, alle Probleme im Sack.“ Im Juli endlich wird auch sein zukünftiger Meister die Prüfung ablegen, das soll ihn entlasten.
„Ich sehne den Tag herbei, an dem ich mich nicht mehr so zerreißen muss“, sagt Michael Kurth. Er habe das Gefühl, seit der Rückkehr aus dem Irak ganz viel und zugleich ganz wenig getan zu haben. Ihm gefällt, dass er mittlerweile merkt, wenn ihm etwas zuviel wird. Ihm missfällt, dass er dann mitunter etwas harsch reagiert.
Herr Kurth ist ein bisschen überarbeitet. Sobald Zeit sei, sagt er beim Abschied, fahre er mit seiner Frau nach Rom.
Foto: Thekla Ehling











