Masterplan Müll
05.07.2010  | Uta Schwarz   

Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
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Das Ingenieurbüro Vössing baut in der Provinz Dohuk gerade eine Müllsortieranlage. Bis sie fertig ist, schafft der Gouverneur ein grünes Gewissen.

Eduard Metze und Hans-Theo Kühr haben sich vorgenommen, den Nordirak grüner zu machen. Der Geschäftsführer und der Prokurist des Ingenieurbüros Vössing bauen in der Provinz Dohuk gerade eine Müllsortieranlage, die noch diesen Dezember ihren Betrieb aufnehmen wird. Wofür Deutschland ganze Jahrzehnte gebraucht hat, nämlich ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass getrennter Müll und Recycling zu einem modernen und umweltbewussten Land dazu gehören, das soll in den kurdischen Provinzen nun sehr viel schneller gehen.

Metze und Kühr waren in den vergangenen sechs Jahren schon so oft im Nordirak, dass sie die genaue Zahl ihrer Reisen gar nicht mehr nennen können. Ihre Begeisterung für die kurdischen Provinzen ist jedoch ungebrochen. Mit leuchtenden Augen erzählt Kühr, der Geschäftsführer, von der landschaftlichen Schönheit: den Bergen, Seen und Flüssen in Kurdistan. Von einer klassischen Sommerfrische spricht er: „Halb Bagdad flieht im Sommer in den kühleren Norden“. Metze ist Prokurist bei Vössing und als solcher etwas zurückhaltender. Er betont lieber, wie sicher er sich von Beginn an im Nordirak gefühlt habe. Beiden gemeinsam ist ein fokussierter Geschäftssinn gepaart mit einer großen Menge Enthusiasmus. Einer Goldgräberstimmung, wenn man so will, aber im positiven Sinne.

Alles begann mit einer Karte

Nun gehört eine Müllsortieranlage nicht zum eigentlichen Kerngeschäft der Firma Vössing, dass sie den Auftrag dennoch bekommen haben, erklärt Eduard Metze mit dem Vertrauen, das sich Vössing über die Jahre in Kurdistan erarbeitet hat. „Wir waren 2004 eines der ersten Unternehmen, das sich in den Nordirak getraut hat. Unser erster Auftrag war die Planung einer Kanalisation in Erbil. Ein schwieriges Unterfangen, da es überhaupt keine Karten des Gebietes gab. Wir mussten Erbil deshalb erst einmal vermessen. So etwas geht am besten mit Luftbildern. Wir haben also 2005 Flugzeuge gechartert, die teilweise im Tiefflug nah an der türkischen Grenze Fotos aufgenommen haben. Ein damals nicht ganz ungefährliches Unterfangen.“

Das Unternehmen ist geglückt, Karten mit einer Genauigkeit von bis zu zehn Zentimetern sind gezeichnet worden. Daraus entwickelten sich Folgeaufträge für die Kartographierung der Städte Dohuk, Zahko, Akre und Amedia. Vössing erstellte in den vergangenen Jahren so genannte Masterpläne für quasi die gesamte nordirakische Region. Wo werden Wohngebiete, wo Gewerbegebiete entstehen? Wie soll die Kanalisation verlaufen, wo die Kläranlagen stehen? Was für den Nordirak eigentlich eine Katastrophe ist, nämlich die völlig fehlende Infrastruktur, ist für Ingenieure „ natürlich ein Traum“, sagt Kühr.„Der Nordirak fängt bei Null an, was Infrastruktur und Stadtentwicklung anbelangt. Es gibt keine Energieversorgung, keine leistungsfähigen Straßen, Nahverkehrssysteme, von Schienennetzen ganz zu schweigen. Saddam Hussein wollte das für die kurdischen Provinzen nicht und hat es auch erfolgreich zu verhindern gewusst“, sagt Metze.

Aber ist dann eine Müllsortieranlage wirklich das dringlichste Projekt? Metze sagt ja. Und steht damit nicht allein da. Seit Mai 2010 gibt es in Basra ein gemeinsames Projekt amerikanischer Soldaten und der Regierung, die immensen Müllansammlungen auf den Straßen und in den Kanälen zu beseitigen. Da es seit den 70er Jahren keine nennenswerte Müllabfuhr gibt, wird der Müll einfach auf der Straße entsorgt. Das verschreckt nicht nur potentielle Investoren und stört das Stadtbild, es ist auch einfach unhygienisch und führt zu vermeidbaren Krankheiten. Die Stadt Basra kann heute weniger als die Hälfte der 2700 Tonnen Müll, die täglich entstehen, entsorgen.

„Wir werden unsere Einwohner trainieren.“

Das Müllproblem wurde im Nordirak deshalb als eines der dringlichsten identifiziert. Und in der Provinz Dohuk sieht es nicht anders aus. Tamar R. Fattah, der Gouverneur, erzählt, dass bei weitem die meisten Beschwerden, die an ihn von Bürgern herangetragen werden, um das Müllproblem kreisen. Das sei auch der Grund dafür gewesen, die Firma Vössing mit dem Bau der Anlage zu betrauen. Es ist ein Pilotprojekt für die Region und Fattah möchte Vorreiter sein: „Eine Müllsortieranlage und Recycling gehören zu einem modernen Staat einfach dazu“, sagt er. Glaubt er denn daran, dass die Einwohner Dohuks ein Bewusstsein dafür haben, dass man Müll nicht nur entsorgen, sondern auch trennen muss? „Noch nicht“, sagt er ehrlich, „aber wir werden Werbung dafür machen und unsere Einwohner trainieren.“

Auch Metze und Kühr sind optimistisch. Wenn die Anlage Ende des Jahres ihren Betrieb aufnimmt, ist das erste Ziel, Kompost aus dem Müll zu machen. „70 Prozent des nordirakischen Mülls sind organisch“, sagt Metze, „der daraus gewonnene Kompost wird zur Wiederaufforstung der kurdischen Provinzen genutzt. Da kommt es zunächst nicht so genau darauf an, ob in dem Müll auch einmal eine Batterie gelandet ist. Wenn das Bewusstsein der Bürger für eine Mülltrennung erstmal erwacht ist, kann man nach einer chemischen Analyse als langfristiges Ziel den Kompost auch für die Landwirtschaft nutzen.“ Wird das Pilotprojekt in Dohuk ein Erfolg, so plant Vössing weitere Anlagen im Nordirak. Einen Masterplan Müll haben sie schon erarbeitet.

Fotos: Vössing GmbH