Serie Teil 8: Herr Kurth will in den Irak
21.02.2011  | Christian Sywottek   

Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
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Er hat einen Elektrobetrieb in Köln. Doch was er wirklich will: Im Irak mitmischen beim Wiederaufbau. Eine neue Geschichte voller Chancen, nur hie und da zwickt ein kleines Problem


Teil 8: Lodernde Feuerchen


„Was machst du noch einmal für Musik“, fragt Herr Kurth, nachdem er die Tür seines neuen Büronachbarn aufgerissen hat. Drinnen steht ein junger Mann vor zwei Plattenspielern, einen Drink in der Hand. „House und so was“, sagt der Mann. „Alles klar“, erwidert Herr Kurth, „ich mach` jetzt Feierabend, du kannst loslegen.“ Herr Kurth schließt sacht die Tür, dahinter geht das Gebolze los. „Die jungen Leute hier ringsum“, sagt er, „das ist doch eine schöne Sache. Und endlich haben wir auch genug Parkplätze und ein Lager, in das wir mit dem Auto hineinfahren können.“

Herr Kurth will in den IrakLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Fernweh nach BasraTeil 2: Die PlanungenTeil 3: Der NeustartTeil 4: Die ReiseTeil 5: Nach der ReiseTeil 6: Ich fühle mich veräppeltTeil 7: Endlich in Erbil

So richtig doll sehen die neuen Büroräume von Michael Kurths Firma Elektro-Bettgens noch nicht aus. Kisten stapeln sich, Papierberge hier und da, der Flur ist noch nicht gestrichen. Michael Kurth ist in Köln auf die andere Seite des Rheins gezogen, in ein altes backsteinernes Bürogebäude der Deutz AG. Im November war das, Herr Kurth musste viele Aufträge ablehnen, keine Zeit. „Totales Chaos“ sei das gewesen. „Aber jetzt sind wir wieder gut dabei.“ Zwei neue Meister hat Michael Kurth eingestellt, im Februar kommt der dritte. Sein erster Azubi hat es mittlerweile zum Gesellen gebracht. „Darauf bin ich wirklich stolz“, sagt Michael Kurth. Kein Wunder, Herr Kurth braucht gute Leute bei Bettgens, sollte wirklich eintrudeln, was er sich so sehr wünscht: Dass seine zweite Firma, die Al Naqib Group, Aufbauprojekte im Nordirak akquiriert und Bettgens bei Elektroarbeiten zum Zuge kommen kann.

Herr Kurth setzt sich an seinen vollen Schreibtisch, nimmt ein Glas Wasser. Die irakische Sonne hat sein Gesicht gebräunt, er sieht gut aus, wenngleich er ein bisschen müde ist. Elfmal war er mittlerweile im Irak, vor wenigen Tagen erst ist er von seiner jüngsten Reise zurückgekehrt. „Alles musst du dreimal checken“, stöhnt Michael Kurth, „bis man alles sortiert hat…, da gehen viel Geld, Muße und Nerven übern Tisch.“

Michael Kurth hatte einen prima Auftrag – fünfzig Gegensprechanlagen für Türen sollte er liefern. Das hat er auch gemacht. Nur dass seinen Abnehmern erst danach einfiel, dass sie ihre Besucher auf den dazugehörigen Bildschirmen gern in Farbe sehen wollen und nicht in schwarzweiß, so wie bei Michael Kurths Anlagen. „Toll oder“, sagt Michael Kurth, „ich hatte denen doch zuvor das Datenblatt gegeben, da stand alles drauf. Naja, es ist eben alles anders als in Deutschland. Habe ich also wieder ein neues Problem – das ich selbstverständlich lösen werde.“

Viele neue Chancen, hier und da ein kleines Problem – Herrn Kurths Bilanz für die letzten Monate fällt so schlecht nicht aus. Im Oktober war er mit drei Ständen für sich und seine deutschen Partner auf der Erbil Trade Fair, sehr gut sei das gewesen. Viele Besucher, viele Gespräche – „da hat sich die Spreu vom Weizen getrennt“, sagt Herr Kurth. „Da plätscherte was rein.“ Bis heute arbeitet er seine damaligen Kontakte ab, will aus Anfragen Aufträge formen.

Ganz so einfach sei das allerdings nicht, sagt Herr Kurth. Eine Universität brauchte zwei Physiklabore – Michael Kurth hat sich das angesehen, hat gemessen und geplant. Die Sache scheiterte letztlich an deutschen Lieferanten – der eine wollte partout nicht in den Irak, der andere konnte erst zu spät liefern. „Da war der Auftrag weg.“ Oder die Sache mit der Shoppingmall. Herr Kurth hätte Sicherheitstechnik liefern können, „Kameras, Feuerschutz, der ganze Pipapo.“ Er hat ein Angebot geschickt und verloren – zu teuer. „Die Leute dort vergleichen oft Äpfel mit Orangen“, meint Michael Kurth, „sie wollen deutschen Standard, wollen das aber nicht bezahlen.“ Sein Angebot nachbessern aber will Herr Kurth nicht. „Ich habe meinen eigenen Stil, dabei bleibe ich. Ich bin Made in Germany, ich mache keinen Chinakram.“

Statt frustriert herumzuhängen, hat Herr Kurth auch aus dieser Niederlage wieder seine Schlüsse gezogen. „Ich werde nicht mehr an unkonkreten Ausschreibungen teilnehmen. Wenn der Auftrag ist, nur irgendwas zu machen, kommen deutsche Firmen nicht zum Zuge, da gewinnt immer der Chinese. Da kann ich mir die Mühe auch sparen. Wir können nur Sachen machen, die andere wirklich nicht können. Ein Jahr habe ich gebraucht, um das zu lernen.“

Michael Kurth al Naqib – Zur Person:Der 51-Jährige ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elektro-Bettgens. Er hat Informatik und Elektrotechnik studiert und gründete mit Mitte 20 sein erstes Unternehmen. 1988 war er am Bau des Flughafens in Basra beteiligt. Michael Kurth al Naqib lebt mit seiner Frau, einer gebürtigen Irakerin, in Köln.

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+ Webseite der Al-Naqib Group

Es ist ja nicht so, als hätte Michael Kurth dank der Messe nicht auch andere Baustellen. Für eine Moschee in Erbil hat er mit seinen Partnern der Firma Trilux ein Beleuchtungskonzept gemacht, in seiner Projektstudie leuchten Kuppel und Minarette in die Nacht. „Wir haben die Zwiebeln blau gemacht“, sagt Herr Kurth und freut sich sichtlich. „Die Studie ist fertig, mal sehen, ob daraus ein Auftrag wird.“

Und dann zieht er einen weiteren Papierstapel aus dem Wust auf seinem Schreibtisch und sagt: „Dieses Ding hier, das wird mich in der nächsten Zeit begleiten. So weit wie mit diesem Projekt waren wir noch nie.“

Herr Kurth fährt mit dem Finger über detaillierte Baupläne für „Novesia“, eine Wohnsiedlung mit 453 Häusern auf 645000 Quadratmetern, mit einer Klinik, einer Schule; mit Einkaufszentrum, Hotel, eigener Energieversorgung, Pflanzenkläranlage und Moschee. All das gruppiert um den „Berliner Platz“, denn Novesia sei eine „German Town“ mit entsprechenden Standards. Michael Kurth hat die Sache mit einem Düsseldorfer Architekturbüro entwickelt, mit einer Bausumme von 964 Millionen US-Dollar ist das ein dickes Ding, das er gern in Erbil realisieren würde. Baugrundstücke gäbe es schon, sagt Herr Kurth, die Finanzierung stehe zu 75 Prozent. Für den Rest sucht er nun Investoren, die eine mit jährlich zehn Prozent fest verzinste und fünf Jahre laufende Anleihe kaufen. „Wir wollen etwas bauen, das hält“, sagt Herr Kurth, „wo es nicht in die Betten regnet und der Sand durch die Ritzen ins Wohnzimmer pfeift.“

Natürlich ist auch dieses Projekt zurzeit nur eine mögliche Zukunft, aber für Michael Kurth ist es schlicht „rund“. „Wir gehen unseren Weg.“ Dieser Weg soll ihn wegführen von Dingen, die ihn eigentlich nur aufhalten, ohne ihm wirklich zu nützen. „Es geht darum, Müll zu reduzieren. Nehmen wir mal einen Auftrag für 500 Kopierer: Früher wäre ich dafür noch herumgereist, heute kümmere ich mich nur noch darum, wenn ich ein Angebot in einer halben Stunde erstellen kann.“ Michael Kurth will sich konzentrieren. „Dann kommt was rein oder auch nicht. Das ist dann schon in Ordnung so.“

Große Pläne – man kann das Wagemut nennen. Oder ist es schlichtweg waghalsig? Michael Kurth spricht von der „Normalität“, die sich langsam entwickle. Er kenne sich mittlerweile besser aus im Irak. Er könne Taxifahrer dirigieren. Er wisse, dass man im „Deutschen Hof“ in Erbil ein Schnitzel bekomme, wenn auch aus Huhn. Er hat seinen Lieblingsplatz im Erbiler Sami-Rahman-Park, zwischen Rosen, Wasser und Wald; bei Menschen, die tanzen, singen oder ein Picknick halten. Da sitzt Michael Kurth dann im Hemd unterm blauen Himmel und atmet tief durch. Überhaupt, er sei jetzt etabliert im Nordirak, sagt Herr Kurth, in einem festen Kreis von Leuten, die er kenne und denen er vertraue. Leute, die etwas zu entscheiden haben. Leute, die ihm helfen werden, wenn er Aufträge ganz konkret abarbeiten muss. Er wisse mittlerweile, wann ihn jemand anlüge, auch dank einiger Fangfragen, die er regelmäßig stelle. Er habe sogar Verständnis für die vielen „Halbwahrheiten“, die er immer wieder höre. „Nach 30 Jahren Krieg und Embargo – wie würde ich mich denn da verhalten?“ Auch das ist ein Grund dafür, dass er heute weniger Aufgaben delegiert als früher, was er aber nicht als Misstrauen bewertet sehen möchte.

Für Geschäfte im Irak brauche man Freunde, und damit, sagt Michael Kurth, sei „alles bestens“. Noch nie habe er in einem Hotel schlafen müssen, einheimische Freunde und deren Familien nähmen ihn auf. Enttäuscht sei er eigentlich nur von sich selbst: „Ich habe mich lange von meiner Euphorie mitreißen lassen und habe deshalb Lehrgeld bezahlt. Aber das musste vielleicht so sein, um zu lernen und dahin zu kommen, wo ich heute bin. Ich habe viele Feuerchen entfacht, und einige lodern ganz gut.“

 

Foto: Thekla Ehling