Serie Teil 9: Herr Kurth ist im Irak
28.06.2011  | Christian Sywottek   

Deutsche für Irak / Deutsche im Irak
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Zwei Jahre lang haben wir Herrn Kurth auf seinem Weg in den Irak begleitet. Er hat in dieser Zeit einige Rückschläge einstecken müssen. Jetzt ist er angekommen und ein wenig stolz darauf. Der Serie letzter Teil


Teil 9: Das Ende vom Anfang


Michael Kurth sieht gut aus. Anders kann man das nicht sagen. Er steht in der Sonne an diesem Maitag, auf dem Hof seiner Firma Elektro-Bettgens in Köln. Wie müde seine Augen oft waren, jetzt sind sie hellwach. Die Gesichtszüge sind frisch, und das Lächeln ist breit. „Ich hab` eigentlich nichts zu erzählen“, sagt Herr Kurth.

Genau deshalb sieht Herr Kurth so gut aus. Denn er meint nicht, dass in der letzten Zeit nichts passiert wäre mit ihm und dem Irak. Eher ist das Gegenteil der Fall. „Ich habe jetzt so viele Projekte, die kurz davor stehen zu zünden“, sagt Herr Kurth, „aber darüber zu reden wäre kontraproduktiv.“

Herr Kurth will in den IrakLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Fernweh nach BasraTeil 2: Die PlanungenTeil 3: Der NeustartTeil 4: Die ReiseTeil 5: Nach der ReiseTeil 6: Ich fühle mich veräppeltTeil 7: Endlich in ErbilTeil 8: Lodernde Feuerchen

Es ist viel passiert, bis Michael Kurth sich in diese Position geschafft hat, so gut drin im Irak, mit Projekten und Beziehungen und Kontakten, die so wertvoll sind, dass er sie nicht gefährden möchte. „Es ist jetzt alles so verquickt“, meint Herr Kurth, und dann hebt er ein wenig verzweifelt die Arme, und dann ist klar: Dies wird unser letztes Treffen sein.

Herr Kurth gießt Wasser in ein Glas, zeigt Fotos auf seinem Computer. Da steht er in Erbil inmitten von Uniformträgern oder umringt von anderen Leuten, guckt in die Kamera mit einem Tuch um den Hals. Auf einer Demonstration im März war das, zum Gedenken an den kurdischen Freiheitskampf, und Herr Kurth war mittendrin – „ich will ja immer wissen, was los ist.“ Im Anschluss sei er wieder Karpfen essen gegangen, in dem Restaurant, in das er immer geht, wenn er in Kurdistan ist. Nun sei er schon 16-mal dort gewesen, sagt Michael Kurth. „Ich könnte da leben.“

Herr Kurth sagt das nach zwei Jahren Irak. Er spricht noch immer nur ein paar Worte Kurdisch, aber er hat gelernt, wie man Fische aufgespießt an Stöcken über der offenen Glut röstet. Er hat seine Leute, seine Plätze. Und nichts hat ihn erschüttert in seinem festen Glauben, dass es eine gute Sache sein wird mit ihm und dem Land.

Auch wenn er wieder Rückschläge einstecken musste. Seine fünfzig Gegensprechanlagen vom Februar musste er wieder zurücknehmen – nun verkauft er sie Stück für Stück als Einzelposten. Er hätte so gern die Ausschreibung für einen Autotunnel an der türkischen Grenze gewonnen, aber da war mal wieder jemand anders billiger. Mit der Finanzierung von „Novesia“, einer „German Town“ in Erbil, ist er auch noch nicht weiter gekommen.

Herr Kurth macht es wie immer: Er steckt ein und macht weiter. Mit seinen Architekturpartnern feilt er weiter an den Novesia-Plänen – im Herbst will er damit auf die Erbil Trade Fair und Investoren finden. Demnächst fährt er wieder in die Stadt und stellt sein mit der Firma Trilux überarbeitetes Beleuchtungskonzept für eine Moschee vor. „Waren ja nur Kleinigkeiten“, sagt Michael Kurth, „ich hoffe, wir bekommen den Auftrag, Inschallah.“

Und überhaupt, die Kooperation mit Trilux nimmt Formen an. Kurz zur Erinnerung: Herr Kurth will im Irak möglichst als Generalunternehmer Infrastrukturprojekte stemmen und dann auch deutsche Unternehmen zum Zuge kommen lassen. Seine Al Naqib Group soll dafür Stützpunkte im Land errichten, die „Competence-Center“. Ohne Partnerfirmen gibt es freilich keine Stützpunkte. Mit Trilux aber hatte Herr Kurth ein renommiertes Schwergewicht gewonnen, und ganz offenbar brachte das auch andere Firmen auf den Gedanken, mit Herrn Kurth gemeinsame Sache zu machen. Sechs Unternehmen hat Herr Kurth jetzt an der Hand, dazu noch einige weitere Interessenten, demnächst werden sie sich treffen und versuchen, die Sache endgültig festzuklopfen. Wenn ihnen das gelingt, meint Herr Kurth, hätte er wirklich was zu bieten. „Lautsprechersysteme, Türen, Fenster, Decken, Elektrik – wir können dann aus einer Hand alles leisten, was man für ein Zimmer oder ein Haus braucht. Und wissen Sie was: Das klappt auch.“ Für das erste Competence-Center in Erbil habe er schon lokale Mitarbeiter an der Hand. Und nicht so komische Vögel, die sich manchmal immer noch bei ihm bewerben. „Leute, die 8000 Euro im Monat wollen, dazu eine Wohnung und ein Auto. Naja, solche Gespräche vertiefe ich dann nicht weiter.“

Michael Kurth al Naqib – Zur Person:Der 51-Jährige ist Inhaber und Geschäftsführer der Firma Elektro-Bettgens. Er hat Informatik und Elektrotechnik studiert und gründete mit Mitte 20 sein erstes Unternehmen. 1988 war er am Bau des Flughafens in Basra beteiligt. Michael Kurth al Naqib lebt mit seiner Frau, einer gebürtigen Irakerin, in Köln.

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+ Webseite der Al-Naqib Group

Herr Kurth ist auf solche Leute nicht mehr angewiesen. Er hat sich festen Boden geschaffen. Zuhause in Köln mit seiner Firma Elektro-Bettgens, die so gut läuft wie schon lange nicht mehr. So gut, dass Herr Kurth jetzt zusätzliche Büros mieten will und Mitarbeiter einstellen. Er möchte in die Arbeitnehmerüberlassung einsteigen, „zusätzliche Kunden und Geschäftsfelder erschließen“. Und in Kurdistan, wo sein Netz aus Freunden, Helfern und Familie immer fester wird, auch dank seiner jungen Exil-Irakerin aus Westfalen, die ihm vor vielen Monaten die ersten Türen in Kurdistan öffnete und die ihm noch heute wichtige Angelegenheiten vor Ort regelt.

Er hat sie zusammengebracht, die beiden Welten. Bettgens und Al Naqib. Kurth und Kurdistan. „Ich habe mein Ziel erreicht“, sagt Herr Kurth. „Ich bin verschiedene Wege gegangen und bin doch nie abgerückt. Und jetzt bin ich mit beiden Füßen über der Ziellinie.“ Zwar reißt er noch immer nicht die dicken Dinger, fließen keine Millionen in seine Taschen. Aber darum, sagt Herr Kurth, gehe es jetzt auch nicht. „Der Kokon ist durchtrennt und ich habe nun die Möglichkeiten, wirklich an den Dingen teilzunehmen. Ein Ziel in Mark und Pfennig habe ich mir nie gesteckt. Ich wollte mir aber selbst etwas beweisen, wollte sehen, was ich schaffen kann. Und ich bin sehr zufrieden mit mir.“

Herr Kurth hat viel geschafft. Aber knapp zwei Jahre Irak liegen hinter ihm, und er ist nicht mehr derselbe Herr Kurth wie am Anfang. „Ich habe mich verändert“, sagt er. „Doof war ich nie, aber ich habe meine unternehmerischen Fähigkeiten deutlich verbessert. Ecken und Kanten habe ich mir abgestoßen, bin klarer in meinen Entscheidungen geworden und insgesamt belastbarer.“ Es gibt wenig, was ihn heute noch irritiert. Er ist zwar immer wieder überrascht darüber, wer in Kurdistan wirklich die Strippen zieht. Es schmerzt ihn, wenn er von Menschen belogen wird, die er vorher ganz anders eingeschätzt hatte. Aber er könne mittlerweile damit umgehen, mit diesem Widerspruch aus Herzlichkeit und leeren Worten. „Man darf sich einfach nicht blenden lassen und muss vorsichtig sein, wem man Vertrauen schenkt“, sagt Michael Kurth. Dann hält er kurz inne. „Dumm wäre aber, niemandem mehr zu vertrauen. Ich habe durch Vertrauen so viel gewonnen.“

Herr Kurth ist angekommen, doch erst jetzt bekommt er es richtig mit. Es ist, als habe er sich durch eine dicke Wand geboxt und reibe sich gerade den Staub aus den Augen. Je fester sein Stand im Irak, desto mehr sieht Herr Kurth auch sich selbst und tut sich etwas Gutes. Er arbeitet seit einiger Zeit zwei Tage die Woche zuhause, dann kann er aus dem Bürofenster auf einen kleinen See schauen. Er geht wieder golfen, hat sich ein Fahrrad gekauft und trainiert regelmäßig in einem Fitnessstudio namens „Eisenschmiede“ – 18 Kilogramm hat er schon verloren, und er ist darauf stolz wie Oskar, auch wenn man ihm den Verlust, wie er ungefragt anmerkt, kaum ansieht.

Im Spätsommer wird Herr Kurth wieder auf Reisen gehen. Raus aus Kurdistan, rein in den großen Irak. Mit dem Auto will er nach Basra fahren, ganz normal über Land und sich einen Traum erfüllen. „Ich will Babylon sehen, will teilhaben an der alten Schönheit des Irak. Das hat mich doch schon bei meinem ersten Besuch hier in den 80er Jahren gefesselt.“ Angst verspüre er nicht, sagt Herr Kurth. „Ich will ohne Scheuklappen reisen, will das Land aufsaugen. Wie leben die Leute, was denken sie? Ich will endlich mal gucken. Das habe ich bislang doch gar nicht geschafft.“

Dass er am Ende auch ein paar Termine in Basra hat, versteht sich natürlich von selbst.

 

Foto: Thekla Ehling