Bagdad-Briefings (Teil 19): Homerisches Gelächter
06.07.2010  | Abu Ghada   

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„Treffen sich zwei politische Führer im Irak…“ und andere Witze, die unser Kolumnist eigentlich gar nicht mehr erzählen mag.


Also das hat uns Irakern gerade noch gefehlt, dass wir zum Gegenstand des Gelächters werden!

Ort und Zeit der Handlung waren der seriöse TV-Sender Arabiya am 22. des vergangenen Monats. Die renommierte, hübsche Nachrichtenmoderatorin Meyssun Azzam brach in ein unaufhörliches Gelächter und Gekicher aus, als sie die Nachricht über den Irak zu dem bereits laufenden Film vom Treffen der einzigartigen und einzigen Führer ihrer Listen vortragen wollte. Minuten später erreichte diese Szene über YouTubes, Twitters und Facebooks Millionen Menschen, die mit der Dame lachen konnten. (Dass die Moderatorin ins Gackern geriet, weil im Studio vor ihr eine Kollegin ausgerutscht und in komischer Weise hingefallen war, konnte natürlich während der Live-Nachrichtensendung niemand wissen).

Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen TeileTeil 1: Saddams Söhne, Honeckers ErbenTeil 2: Der Club der weißen WestenTeil 3: Quo Vadis, Irak?Teil 4: Liebe Leute, bleibt auf dem Boden!Teil 5: Zu Risiken und NebenwirkungenTeil 6: Alles wird gut - InschallahTeil 7: Befreiung oder Besetzung?Teil 8: Hibhib und kein Hurra!Teil 9: Sag mir, wo die Millionen sindTeil 10: GhostbomberTeil 11: Du stirbst nur zweimalTeil 12: HimmelfahrtskommandoTeil 13: Spätkapitalistischer SalonbolschewismusTeil 14: Die ReisfrageTeil 15: Checkpoint Ali Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter Bagdad-Briefings (Teil 20): Zauberserum gegen Machtgier

Die beiden unersetzbaren Führer ihrer Listen, die in Anwesenheit ihrer Unterführer wegen eines Patzers einer unaufmerksamen, zu Boden gefallenen Dame zum Gelächter der Welt wurden, debattierten derweil 45 Minuten über alles Mögliche, nur nicht über die Bildung des neuen Kabinetts.

Wie dem auch sei. Nach dem 45-minütigem Treffen kamen auch die Unterführer und -Strategen beider Bündnisse zu Wort, um das unwissende Volk darüber aufzuklären, dass bei solchen hochstrategischen Treffen die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Listen und nicht die Differenzen erörtert werden.

Falls es aber auf der Konferenz des runden Tisches an Gemeinsamkeiten fehlen sollte, dann ist das selbstverständlich kein Problem, denn beide Seiten kennen sich seit Jahren und brauchen überhaupt keinen Tisch, nicht einmal einen Esstisch, da sie schon zu Zeiten der Opposition friedlich im Schneidersitz auf dem Boden ihre üppigen Mahle verschlangen und sich dabei die besten Witze erzählen konnten.

Dann, nach den gemeinsamen Gastmahlen im Schneidersitz, warten sie auf ihre Sekretärinnen, die die Journalisten und Kameraleute einmal in den Korridoren, ein anderes Mal im Empfangssaal oder auf dem Garten des Palastes anmarschieren lassen, damit die einzigartigen, unersetzlichen Führer mit vollen Bäuchen fröhlich verkünden können, dass sie dies und jenes erörtert haben und die ernsthaften Gespräche in den kommenden Tagen beginnen könnten, um auf der Grundlage des Anrechts der größten Liste auf Nominierung des neuen Premierministers zu realistischen Lösungen aller Probleme zu gelangen. Wer nun die größte Liste ist, weiß selbstverständlich niemand.

Da nun die erste Sitzung des Parlaments als offen und unbegrenzt erklärt wurde, bleibt auch die Lösung der Probleme offen und unbegrenzt. 
Trotzdem laufen die Vorbereitungen laut den Sprechern unserer weisen Politiker auf Hochtouren, sodass die Bildung des Kabinetts alsbald erfolgt und nicht unter „ferner liefen“ rangiert.

Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.

Gleich nach der Beendigung solcher zukunftsweisenden Pressekonferenzen der einzigartigen Führer der beiden Listen kommen dann ihre Berater, offiziellen, halboffiziellen und nichtoffiziellen Sprecher, Verwandten ersten, zweiten und dritten Grades sowie jene der Berater und Sprecher und selbst die Fahrer und deren Nachbarn, um mit einem Kichern der hübschen Moderatorin des TV-Senders Arabiya auf die Frage, ob die schwebenden Fragen erörtert wurden, zu erwidern, dass die Schwebe keine Sache der einzigartigen Führer, sondern eine Sache der ernsthaften Gespräche sei, die die Unterhändler erörtern werden.

Und falls es einem naiven Journalisten einfallen sollte zu fragen, ob die Angelegenheit der Nominierung eines Kandidaten für das Amt des Premierministers zur Sprache gekommen sei, dann erhält er die Antwort, dass diese Frage nicht zu den Gemeinsamkeiten gehört. Und nach der Erörterung der Gemeinsamkeiten und den Gastmahlen im Schneidersitz könne man sich getrost daran machen, das Problem, genauer gesagt das kirgisische Problem, zu lösen.

Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.

 

Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)