Meinung & Analyse / Meinung & Analyse

Heute: Warum Impfungen gegen Typhus und Hepatitis im Irak nur bedingt weiterhelfen
Quellen des Bagdader Gesundheitsamtes teilten kürzlich mit, dass mobile Teams des Gesundheitsministeriums eine Impfkampagne in der Grünen Zone gegen Typhus und Hepatitis erfolgreich durchgeführt haben. Alle in dieser Zone ansässigen Politiker seien diesen Impfungen unterzogen worden.
Trotz ihrer Knappheit verführte mich diese Meldung zu weitreichen Gedankengängen und wohl nicht abwegigen Schlussfolgerungen. Ohne Zweifel – so kombinierte ich wohl richtig – sind die Grüne Zone und ihre Politiker nicht gegen die Krankheiten der Armen gefeit. Dies allein ist doch schon beruhigend und erfreulich, denn es beweist, dass unsere Politiker genauso wie wir auch nur aus Fleisch und Blut sind! Weiter heißt dies, dass die Politiker, die ihr Dasein in der Grünen Zone fristen, genauso wie wir in der Roten Zone erkranken und leiden, sich vor Krankheiten fürchten und daher auch gegen ansteckende und nicht ansteckende Viren impfen lassen.
Bagdad-Briefings von Abu GhadaLesen Sie auch die anderen Teile Bagdad-Briefings Teil 16: Konstituierende Bananenrepublik Bagdad-Briefings Teil 17: Hundejagd Bagdad-Briefings Teil 18: Hiob im Dunkeln Bagdad-Briefings Teil 19: Homerisches Gelächter
Der Teufel in mir trieb mich dazu, meine Gedankengänge weiterzuspinnen, bis ich zu der Wahnvorstellung gekommen bin, dass ein irakisches Genie einen Impfstoff gegen infektiöse politische Krankheiten erfinden müsste, darunter gegen konfessionellen Proporz und den Konfessionalismus an sich, gegen engstirnigen Parteien- und Regionen-Partikularismus, Machtgier und krampfhaftes Festhalten am Machtstuhl, gegen Korruption und Vetternwirtschaft, ja eigentlich eine Art Superserum gegen alle Krankheiten und Viren unserer heutigen Politiker. Das Problem bei diesen Krankheiten ist, dass sie sich nicht wie bei allgemein bekannten Viren von unten nach oben ausdehnen, sondern von oben nach unten. Außerdem verbreiten sich normale Krankheiten langsam und ihre Symptome sind den Ärzten bekannt. Selbst widerspenstige Viren dieser Krankheiten können durch Labortest entdeckt und bekämpft werden. Bei den oben genannten politischen Krankheiten verhält es sich anders. Größtenteils ist es fast unmöglich, sie zu erkennen, weil sie sich unter einem dunkelschwarzen, also intransparenten Schleier verstecken. Manchmal benutzen sie auch einen farbigen Schleier und ändern die Farbe gleich einem Chamäleon; wenn die Umgebung grün ist, wird der Schleier grün und bei einer roten Umgebung wird auch er rot.
Wer soll bei diesen Krankheiten und Farben noch durchblicken. Die Detektoren, die unsere korruptionsbefallenen Politiker und Militärs zum Aufspüren von Sprengsätzen und Autobomben importiert haben, werden uns wohl bei diesen Krankheiten auch nicht weiterhelfen. Sie haben sich bereits zu ihrem eigentlichen Zweck als untauglich erwiesen haben; trotzdem übrigens müssen die armen Soldaten und Polizisten mit diesen Detektoren, die wegen ihres Aussehens bei uns „Gasanzünder“ heißen, an den Kontrollposten immer hin- und herlaufen müssen, weil die Dinger angeblich im Stehen nicht funktionieren. (Das sollte sich der verehrte Leser einmal bildlich vorstellen).
Über den AutorDer Verfasser dieses Tagebuches gehörte nie einer politischen Partei an, weder zu Zeiten Saddam Husseins noch nach dem Sturz. Dennoch ist er parteilich, seine Partei ist das irakische Volk. Als es dem Irak und den Irakern in den Sechzigerjahren gut ging, studierte er im Ausland. Als die Diktatur herrschte, als das irakische Volk in Kriege verwickelt wurde und unter Staatsterrorismus und Embargo an Hunger litt und zehntausende Menschen das Land verließen, kehrte Abu Ghada zurück, um seinen Beitrag zu leisten, als Mensch.
Ein Freund sagte mir, eine durchgreifende Therapie der Krankheiten unserer Politiker bedürfe einer Observierung und Erforschung der politischen Bühne sowie der Analyse der politischen Ereignisse und einer weitsichtigen Schlussfolgerung. „Die politischen Seren, die wir aus den USA und dem Iran erhalten, könnten uns nicht weiterhelfen“, erklärte mir mein Freund weiter, „weil sie entweder imperialistisch-satanisch oder persisch-mullahkratisch und somit für unsere rein irakischen Endemien untauglich“ seien. Ja, meinte ich verwundert, dann bräuchten wir ja nicht nur ein irakisches Genie, sondern ein ganzes Heer irakischer Genies.
Die Antwort meines Freundes kam genauso prompt wie gut gemeint: „Mein Lieber, diese Genies zu finden. Sie befinden sich überall vor Deinen Augen. Blicke auf die Straßen, Felder, Universitäten, Fabriken oder ganz einfach auf die Sammelstellen für Arbeitssuchende, Altstoffsammler oder Bettler. All diese Menschen besitzen das Zauberserum namens „Nationalgefühl“, das das Volk gegen Konfessionalismus und Partikularismus immunisiert und den Politikern in der Grünen Zone statt der Impfstoffe gegen Typhus und Hepatitis dienlicher gewesen wäre.“
Der Autor unserer Kolumne lebt in Bagdad, wo er in politischen Kreisen verkehrt. Sein Name soll hier nicht verraten werden. Denn nur so kann er ehrlich und ungestört über Politik, Gesellschaft und Kultur berichten.
Fotos: Wathiq Khuzaie (1) (Getty Images), Sabah Arar (1) (Getty Images)











