Der Zoo von Bagdad: Knutsverwandte
26.02.2010  | Omaima Al-Omar   

Alltag / Kolumne
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Der Bagdader Zoo ist für viele Iraker ein beliebtes Ausflugsziel und gleichzeitig Spiegel der bewegten Geschichte ihres Landes: In Scharen kommen sie, um Saddams Araberhengste zu bestaunen und die Löwen seines Sohnes Odays, die er in dem prunkvollen Präsidentenpalast gefangen hielt. Ein Zoobesuch mit Fotostrecke


Samir, der Bär, rührt sich nicht von der Stelle. Schon gar nicht wegen der Kameralinse des Fotografen, der gerade versucht, ein Bild von ihm zu knipsen. Sein Weibchen Wanda aber ist aufmerksam geworden. Neugierig tappst sie heran und verfolgt jede Bewegungen des Fotografen mit den Augen, beinahe als ob sie wüsste, dass sie gerade als Model herhalten muss. Offenbar findet sie Gefallen daran. Sie wirft sich schwungvoll auf die Vordertatzen und schaut mit großen Augen in die Kamera.

Slideshow

Auch wenn es hier keine Elefanten und Giraffen gibt: Der Zoo verzaubert die Kinder.

Samir und sein Weibchen Wanda sind Publikum gewohnt. Sie leben im Zoo von Bagdad, und an Feiertagen, Wochenenden oder in den Schulferien kommen Tausende von irakischen Familien hierher, um sich an Glasscheiben die Nase platt zu drücken oder sich mit Kind und Kegel hinter die Zäune zu pressen, zu winken und zu lachen. Der Zoo ist mit dem angrenzenden Zahraa-Park die größte angelegte Grünfläche des Landes und für die meisten Iraker, seien sie aus Bagdad oder den umliegenden Provinzen, seit der Wiedereröffnung 2008 der beste Ort, um die Sorgen des Alltags zu vergessen. Die meisten können sich diesen Luxus auch leisten. Jeder Besucher bezahlt nur einen symbolischen Eintrittspreis von 500 Dinar (30 US-Cent).

Als der Zahraa-Park im Jahr 1973, eingeweiht wurde, zählte er mit seiner Fläche von 88.000 Quadratmetern und seinen über 516 verschiedenen Tierarten zu den größten Tiergärten des Nahen Ostens. Und er machte gute Gewinne damals. Aber mit dem Beginn der Kriege und des Embargos änderte sich alles. Allein während des achtjährigen iranisch-irakischen Krieges starben viele Tiere, vor allem die der seltenen Arten. Es fehlte an Medikamenten und ausreichender Pflege.

Plünderungen im Zoo

Die härtesten Zeiten aber erlebte der Tierpark nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen und dem Sturz des Saddam-Regimes. Nach der Besetzung 2003 wurde der Zoo erst mal geschlossen. Die amerikanischen Streitkräfte richteten sich dort ein, weil er in der Nähe ihres Hauptsitzes in der Green Zone lag. Und dann erlebte der Tierpark dasselbe, was den meisten staatlichen Institutionen widerfuhr: Er wurde beraubt und geplündert, die Diebe nahmen mit, was nicht niet- und nagelfest war - Gazellen, Rentiere, Affen, Ponys, die meisten Ziervögel, darunter Pfauen, Papageien und fast 400 teure und seltene Tauben. Am Ende waren 70 Prozent aller Tiere auf diese Weise verschwunden. Die Plünderer ließen nur zurück, was sie beim besten Willen nicht transportieren oder unterbringen konnten: Zwei Tiger, drei Löwen, zwei Bären, ein Wolf und eine Wildkatze. In den Wirren der ersten Kriegstage blieben sie tagelang ohne Wasser und Futter.

Aber schon bald realisierten die Amerikaner, auf welchem Areal sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Besonders die Organisation TAO TAO aus Südafrika und andere Organisationen hatte sie darauf aufmerksam gemacht und versucht, zwischen der Zooverwaltung und ihnen zu vermitteln. Die Amerikaner boten bald Hilfe an. Sie besorgten Futter, Medikamente und Ausrüstung für die Tiere, Zoodirektor, Ärzte und Tierpfleger konnten sich wieder an ihre Arbeit machen. Was aber sollten sie arbeiten in einem Zoo, der kaum noch Tiere hat?

Hilfe in kam von völlig unerwarteter Seite. Die amerikanischen Truppen hatten in den von ihnen besetzten Prunkpalästen Saddam Husseins und seiner Schergen in den Ställen 21 Araberpferde gefunden und brachten sie gleich in den Zoo. Die Iraker strömten in Scharen dorthin, ihre Schönheit hatte sich schnell herumgesprochen. Viele kamen immer wieder – wie der Student Qais: „Ich habe mir so sehr das Ende meiner Prüfungen herbeigesehnt, damit ich endlich wieder die Pferde sehen kann. Sie sind so temperamentvoll und gleichzeitig grazil. Ich hätte selbst gerne eines.“

Aber damit nicht genug. Neben den Araberhengsten hatten die Amerikaner in dem Präsidentenpalast auch noch drei ausgewachsene Löwen gefunden, die offenbar Saddam Husseins ältestem Sohn Oday gehört hatten: Ein Männchen und zwei trächtige Weibchen. Vorsichtshalber ließen die Amerikaner diese Tiere aber zunächst an Ort und Stelle und zogen Fachleute zu Rat. Kurze Zeit später brachten die Löwinnen sechs gesunde Löwenbabys zur Welt. Erst nach einem Jahr wurde die gesamte Löwenfamilie in den Zoo gebracht und dort ebenso bestaunt wie die Araberhengste – beide wohl Symbol für das Ende der Saddam-Diktatur und den Anbruch einer neuen Zeit.

Die Amerikaner spendeten auch etwas – ein wenig wohl auch aus schlechtem Gewissen. Im Oktober 2003 hatte ein amerikanischer Soldat einen bengalischen Tiger erschossen, und nun wollten sie den Schaden wieder gut machen. Im August 2008 erhielt der Tiergarten ein bengalisches Tigerpärchen als Entschädigung. Das alles half dem Zoo, aber es reichte nicht.

Tiger vom Schwarzmarkt Um Tiere in den Zoo zu bekommen, war die Zooverwaltung in ihrer Not sogar bereit, mit Schwarzmarkt-Händlern zusammen zu arbeiten. Für mehr als 40.000 Dollar kaufte sie ein Pärchen sibirischer Tiger – inklusive der Spezialkäfige für die Tiere, die an eine kalte Umgebung gewöhnt sind und daher besondere Gehege brauchten. Dr. Wasseem Sareeh Amin, Assistent des Zoodirektors sagt heute, dass dieser Schwarzmarktdeal ein Fehler war, der Vermittler sei nur an dem Gewinn interessiert gewesen. „Die Tiere waren für ihn eine Ware wie jede andere.“ Und so habe man damals buchstäblich die Katze im Sack kaufen müssen. Die Zooverwaltung bekam keine Gesundheitszeugnisse und wusste nicht einmal, wie alt die Tiere waren, welche Krankheiten sie gehabt oder welche Impfungen sie bereits bekommen hatten.

Glücklicherweise gab es auch natürlichen Zuwachs im Zoo, auch bei den bedrohten Tierarten: bei den Bengalischen Tigern, von denen weltweit nur noch 500-600 Tiere existieren, auch bei den Sibirischen Tigern, von denen nur noch ungefähr 1000 in der Region entlang der russisch-chinesischen Grenze leben. Außerdem kamen drei Schimpansen, ein Lama, Nachkommen von drei verschiedenen Gazellenarten und mehre Bären zur Welt.

Einen Knut hatte Bagdad bislang noch nicht. Es gab zwar eine Bärin, über den die Medien berichteten, allerdings nicht, weil sie flauschig war, weiß und drollig, sondern alt, blind und krebskrank. Die Zooverwaltung rief zu Spenden auf, um ihr eine Behandlung zu ermöglichen. Die Amerikaner schickten einen ihrer Tierärzte, einen Ägypter. Doch ein Happy End gab es nicht: Die Bärin starb nach kurzer Zeit im Jahr 2005. Ihre Geschichte ging durch die Nachrichten und rührte die Iraker.

Samir, der Bär und sein Weibchen Warda haben von dieser Aufregung nichts mitbekommen. Sie wurden erst nach ihrem Tod gekauft. Sie lassen sich gerade verwöhnen. Die beiden Pfleger Ali und Dargham haben das Gehege betreten, stellen einen Futternapf ab und schaffen ein wenig Ordnung. Abgenagte Äste, Müll, der hineingeworfen wurde, Kot. Die Menschen hinter dem Gitter halten den Atem an. Bären sind unberechenbar, das wissen alle hier, aber Samir und Warda rühren sich nicht von der Stelle. Als die beiden Pfleger das Gehege schließlich verlassen, geht ein erleichtertes Gemurmel durch die Menge.

Ein paar Gehege weiter albert Tierpfleger Saif mit dem bengalischen Tigerbaby Sally herum. Saif robbt auf allen Vieren, Sally schnappt nach seinen Hosenbeinen. Einige Hosen hat es ihn schon gekostet, aber was soll’s, die Spielstunde will sich er nicht entgehen lassen. Ammar, der sich um die Sibirischen Tiger Zorro und Rose und ihren Nachwuchs Caspar kümmert, steht daneben und schaut amüsiert zu.

 

Zwei Tierärzte verwalten den Mangel

So engagiert die Mitarbeiter sich ins Zeug legen, im Zoo fehlt es an vielem. Elefanten und Giraffen, die noch mehr Publikum locken könnten, gibt es nicht. Der Zoo kann keine geeigneten Gehege beschaffen und dafür ausgebildete Pfleger und Ärzte finden. Überhaupt hat er viel zu wenig Mitarbeiter: Er beschäftigt lediglich 30 Tierpfleger, die sich um 700 bis 800 Tiere von 40 verschiedenen Arten kümmern müssen. Die Pfleger verdienen pro Tag zwischen fünf und sieben Euro und ihre Arbeit beschränkt sich auf das Reinigen der Gehege, Aquarien und Käfige und das Füttern der Tiere. Für die medizinische Betreuung gibt es nur zwei Tierärzte.

Auch bei der Ausstattung sieht es düster aus. Seit einiger Zeit versucht die Zooverwaltung, Ersatzteile und Mittel für das einzige Betäubungsgewehr, das der Tierpark besitzt, zu kaufen. Die Zooleitung schrieb die deutsche Herstellerfirma an und wunderte sich nicht schlecht über die Antwort: Das deutsche Unternehmen lehnte die Bestellung ab. Der Irak stehe noch unter dem UN-Embargo, hieß es, und die bestellten Waren unterlägen dem Einfuhrverbot. Die Information, dass das Embargo bereits im Juli 2004 aufgehoben worden war, schien auch Jahre danach noch nicht in Deutschland angekommen zu sein.

Der sibirische Tiger Zorro streckt und räkelt er sich genüsslich in seinem gekühlten Gehege und zeigt beim Gähnen sein wildes Gebiss. Die Zuschauer gruseln sich ein wenig, Yazen, ein Stammbesucher, ist ganz fasziniert. „Ich kann gar nicht genug von den wilden Raubtieren bekommen.“ Seine Schwester Melek zieht die Augenbrauen hoch. Löwen und Tiger sind für sie nichts. Sie schaut lieber den blau-grün schillernden Pfauen zu, wie sie stolz ihr Rad schlagen. „Ihr Anblick beruhigt mich.“

 

Fotos: Faeq Al-Ahmad (WPI)