Was kostet im Irak eine Beerdigung?
01.11.2011  | Maral Jekta & Henrik Ahrens   

Alltag / Kolumne
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„Ein würdevoller Abschied muss nicht teuer sein“, lautet der Werbeslogan eines deutschen Billigbestatters. Das Geschäft mit der günstigen Entsorgung von Verwandten läuft, denn die Kosten können die finanziellen Möglichkeiten der Hinterbliebenen schnell übersteigen: Bestattungsgrund- und Grabnutzungsgebühr, eventuelle Kremierung, Benutzung der Friedhofseinrichtungen, Gebühren für Behörden und Kirche, Sarg oder Urne, Blumenschmuck, Trauerdrucksachen, Redner, Träger, ärztlicher Leichenschauschein, Grabstein, Grabpflege, Leichenschmaus, Entfernen des Grabmals nach Ende der Ruhezeit.

„Für eine nach derzeitigem Verständnis als „würdig“ anzusehende Erdbestattung werden in Deutschland ab 1800 € bis weit über 10.000 Euro aufgewandt“, klärt Wikipedia auf. Mit 10,92 Todesfällen im Jahr pro 1.000 Einwohner hat Deutschland mit (noch) 81 Millionen Einwohnern ein Marktvolumen von 1,5 bis 8,8 Milliarden Euro. Trotz Bombenattentaten, schlechter Gesundheitsversorgung und hoher Kindersterblichkeitsrate liegt der Irak mit nur 4,82 Sterbefällen im Jahr pro 1.000 Einwohner auch in dieser Statistik auf den hinteren Plätzen.

Und selbst bei einer höheren Rate würde sich im Irak im Geschäft mit dem Tod kein interessanter Markt entwickeln. Denn nach wie vor gilt die Unterstützung im Todesfall für Muslime im Irak als religiöse, gute Tat, „Kheir“, die freiwillig und unentgeldlich geleistet wird. In jedem Stadtteil gibt es Gruppen von ungefähr fünf Männern, die im Sterbefall kontaktiert werden können. Sie beraten dann auf dem Friedhof mit der betroffenen Familie, wo das Grab ausgehoben werden soll und machen sich an die Arbeit. Es gibt mittlerweile aber auch Kleinunternehmer, die sich für ihre Dienste bezahlen lassen. Denn besonders in den heiligen Stätten übersteigt die Nachfrage die Angebote pflichterfüllter Totengräber. Der Friedhof Wadi al-Salam in Najaf gilt als Wunschruhestätte für schiitische Muslime. Dort befindet sich das Grab von Ali, dem ersten schiitischen Imam und vierten sunnitischen Kaliphen.

Auf einer Fläche von mehr als sechs Quadratkilometern liegen mehrere Millionen Tote begraben; jährlich kommen ungefähr eine halbe Million Leichen dazu. Damit gilt der Wadi al-Salam als die größte Ruhestätte der Welt. Für Ortsfremde gibt es dort eine Vielzahl von Dienstleistungen. Das Ausheben eines Grabes kostet beispielsweise 200 US-Dollar. Die kommerziellen und religiös-eifrigen Totengräber müssen schnell arbeiten und flexibel sein. Denn die Achtung vor den Toten hat Vorrang vor allen anderen Geschäften: Im Idealfall erfolgt die Bestattung noch am Sterbetag. Vorher findet eine rituelle Waschung statt, die für Männer von männlichen Leichenwäschern in der Moschee, für Frauen von Frauen zu Hause vorgenommen wird. Anschließend werden die Leichen in Tücher gewickelt und ohne Sarg ins Grab gelegt, mit dem Blick gen Mekka.

Da es ebenfalls ein Gebot ist, dass die Familie sich auf die Trauer konzentriert, wird die Trauerfeier im Umfeld der Familie organisiert und finanziert. Auch die Liegeplatznutzungsgebühr entfällt, da Muslimen die ewige Ruhe gewährleistet sein muss. Und die ist unbezahlbar. Was der deutsche Billigsbestatter zu Werbezwecken behauptet, trifft im Irak also zu: Ein würdevoller Abschied muss nicht teuer sein, denn Würde hat keinen Preis.

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Maral Jekta und Henrik Ahrens leben und arbeiten in Erbil. Neben ihrer Arbeit für die Wirtschaftsplattform Irak beziehungsweise an der Media Academy Iraq genießen sie das irakische Leben in vollen Zügen. Welchen Preis das hat? Darüber berichten die zwei in ihrer wöchentlichen Kolumne: Was kostet im Irak...?

 

Foto: Henrik Ahrens (WPI)