Alltag / Kolumne
Die Nachrichten aus dem Irak sind geprägt von Meldungen über Gewalt und Terror. Die Menschen, ihr Leben und ihr Alltag verschwinden dahinter. Der Irak, das ist eine große Unbekannte. Was beschäftigt die Iraker? Worüber reden sie? Was ärgert sie? Worüber lachen sie? In unserer Kolumne "Email vom Euphrat" erzählen irakische Autoren kleine Geschichten aus ihrem Alltag. Heute: Warum die Iraker gerade auf die Dächer ihrer Häuser flüchten
Ich wählte die Telefonnummer meines Nachbarn Abu Ali, des Seemannes, der in Frührente gegangen war, nachdem die irakische Handelsflotte zerstört und seine Schiffe in den vergangenen zwei Jahrzehnte in den Häfen der Welt verloren gegangen waren. Vielleicht hatte ich einfach Lust, ihn ein bisschen zu ärgern. Wo ich mich doch immerzu über ihn ärgere.
Meine Freude war groß, als ich letztens über mein altes Mückennetz stolperte, das noch aus meiner Jugendzeit stammte. Das habe ich dem Hobby meiner Schwester zu verdanken, Dinge aus dem Hausrat unserer Familie für immer und ewig aufzubewahren: etliches an Schmuck und Antiquitäten. Und eben mein Mückennetz. Es besteht aus einem weichen Stoff, und im Volksmund nennen wir es „Kella“. Die „Kella“ ist Teil der hiesigen Tradition.
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Sie ist nämlich das unentbehrliche Stück, das man braucht, wenn man in glücklichen Zeiten auf dem Dach oder im Schatten der Parks übernachten will. Die Frauen versehen die „Kella“ mit schönen Stickereien oder goldenen Borten. Man spannt sie über zwei überkreuzte Schilfrohre und klemmt den Stoff an den Rändern unter seine Matratze. Dann wird das Tuch noch mit duftendem Rosenwasser besprenkelt. So schützt die „Kella“ Jung und Alt vor Mückenstichen und Insekten. Auch für frisch vermählte Paare baut man so eine „Kella“. Wie Könige aus Tausend und einer Nacht haben wir damals darunter genächtigt.
Dann kam der Segen der Klimaanlagen in die irakischen Zimmer, und die „Kella“ geriet bei den Menschen in Vergessenheit. In letzter Zeit jedoch haben sich diese Zimmer wegen der ständigen Stromausfälle in regelrechte Saunen verwandelt. Nichts ist im Moment luxuriöser, als auf dem Dach zu schlafen.
In unserem Viertel eilt nachts alles auf die Dächer: Männer, Frauen, Kinder, Katzen, Vögel. Nur mein Nachbar Abu Ali nicht. Er weigert sich, sein Zimmer überhaupt zu verlassen.
Dabei bietet sich doch das Schlafen auf dem Dach als idealesTraining für die Sinne an, zur Abhärtung gegen allerlei nächtliche Störungen: den Lärm der Nachbarn, das Geschrei hunderter Gebetsrufer, verstärkt durch modernste Lautsprechertechnik, ganz zu schweigen von den Abgasen der Stromgeneratoren, an denen man fast erstickt, dem feuchten Meereswind oder dem beißenden Westwind aus der Wüste, der sich immer erst nach Mitternacht beruhigt.
Doch die wahre Folter kommt von den Mückenheeren, die ganze Wohnviertel anfallen. Dann und wann schreit jemand auf, weil er von einer Mücke gebissen worden ist, und man hört nur noch ein irrsinniges Klatschen, das jeden in der unmittelbaren Umgebung aus dem Schlaf reißt.
In früheren Jahrzehnten hatte die Regierung die Stadt und die Parks aus Flugzeugen und Militärwagen mit dem Insektizid DDT besprüht, dessen Rauchschwaden Kinderscharen nachjagten. Und in den Flüssen von Basra schwammen Scharen schwarzer Fische, die sich von Mückenlarven ernährten. Heute sind die schwarzen Fische wegen all der Umweltverschmutzung verschwunden. Die Mücken dagegen erleben gerade ihre besten Zeiten.
Und so kommt es wohl, dass so mancher, wie unser dickköpfiger Seemann, die Hitze der Zimmer dem Luxus der Dächer vorzieht.
Allein die Vorstellung, dass da jemand in seinem stickigen Zimmer bleiben könnte, macht mich wütend. Also rief ich den alten Seemann an, um ihm von der süßen Brise und der romantischen Atmosphäre auf dem Dach vorzuschwärmen. Vergebens. Er wiederholte einfach seine Ansichten mit seiner trockenen Logik: „Mein Freund, ich weiß deine Fürsorge wirklich sehr zu schätzen. Aber jetzt solltest du wirklich zurück in dein Zimmer gehen und tapfer die Hitze ertragen. Denn was du da oben machst, ist ja ein Rückschritt ins Beduinen-Dasein!“
So viel war in diesem Moment klar: Meine Wort und die Kella-Mückennetze ließen ihn völlig ungerührt.
Foto: STAN HONDA/AFP/Getty Images














