Import/Export: Eine Industrie lässt Federn
29.06.2009  | Adel Kamal   

Branchen / Landwirtschaft
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Was brasilianische Hühner mit irakischen Eiern zu tun haben.
Eine kurze Geschichte der Globalisierung

Awni Juma’ hat alle Hände voll zu tun. Sechs Geflügelfarmer haben allein in diesem Jahr im Büro des Immobilienmaklers in Ba’sheeqa angerufen. Ein jeder von ihnen, um seinen Hof zu verkaufen. „Die Besitzer der Farmen schauen sich nach anderen Einkommensquellen um“, sagt der Juma’: „Die Geflügelindustrie bietet keine Perspektive mehr.“

Landwirtschaft im IrakReformprojekt LandwirtschaftEine Einkaufsliste für den AgrarsektorTraum von der Selbstversorger-NationProduktionsindex tierische Produkte

Es ist wie verhext. Die wirtschaftliche Entwicklung im Irak zieht an. Immer mehr Menschen kommen in feste Beschäftigungsverhältnisse. Die Bauindustrie boomt. Straßen und Bahnverbindungen werden besser. Und trotz der Nachrichten in westlichen Medien von Bombenanschlägen: Die Sicherheitslage in den Städten festigt sich. Das bedeutet, die Märkte kehren zurück in die Zentren, Kleingeschäfte machen wieder auf, die Kaufkraft steigt. Trotz dieser landesweit guten Nachrichten gibt es Industrien, die der Aufschwung nicht erfasst. Die Nahrungsmittelindustrie – in diesem Falle der Teil, der sich mit Geflügel beschäftigt – ist nur eine davon.

Denn der Wiederaufbau des Iraks findet nicht in den Siebziger- oder Achtzigerjahren statt, sondern im Zeitalter der Globalisierung. Weltweit gibt es keine Industrie, in keinem Land, die ohne internationale Konkurrenz dasteht.

Schließungen trotz guter Infrastruktur

Die westliche Welt schützt seine Märkte vor allzu drastischen Verwerfungen üblicherweise mit Schutzzöllen. Allein zum Beispiel die Beträge, mit denen Deutschland seine Zuckerindustrie subventioniert, gehen in die Milliarden Euro – vom Zuckerrübenbauern in Lemgo bis zur Haribo-Fabrik bei Köln. Im Irak gibt es diese Subventionen seit dem Einmarsch der Koalitionstruppen nicht mehr. Entsprechend hart trifft es die jeweiligen Branchen.

Gerade steckt Iraks Geflügelindustrie in einer tiefen Rezession. Die Kürzung staatlicher Fördermittel ließ die Produktionskosten explodieren. Die importierte Ware ist deutlich billiger, sie überschwemmt die Märkte. Trotz einer gut ausgebildeten Infrastruktur befindet sich die gesamte Branche in der Krise.

Im Nordwesten haben schon mehr als 60 Prozent der Farmen dicht gemacht

In der Provinz Ninawa im Nordwesten des Landes haben mehr als 60 Prozent der Geflügelfarmer ihre Arbeiter entlassen und ihre Farmen geschlossen. In den nördlichen Regionen um Ba’sheeqa, Khor Sabad, al-Nuran und anderen Industriezentren bahnen sich weitere Farmschließungen an.

Dabei ist die Geflügelindustrie um Ninawa die größte des gesamten Nord-Iraks. Über die Provinz verteilt befinden sich hier mehr als 200 Geflügelfarmen, zwölf Schlachthöfe, zehn Brutstätten, 50 Futtergetreide-Fabriken und zwei Großhandel. Experten zufolge könnte die gesamte lokale Industrie zugrunde gehen, wenn nicht bald Maßnahmen zur Verbesserung der Situation eingeführt werden. Laut Amer Fathi, einem Agraringenieur, steht die Geflügelindustrie in Ninawa vor „dem totalen Kollaps“. Er macht hierfür vor allem die „plötzliche Herabsetzung von staatlichen Subventionen“ verantwortlich.

Keine Überlebenschance – keine Zeit für den Wandel

Vor 2003, dem Einmarsch der Koalitionstruppen, stellte das Agrarministerium den Farmern Subventionen in Form von Küken und Futtergetreide zur Verfügung. Desweiteren wurde die Versorgung mit Medikamenten, Impfstoffen und Brennstoff unterstützt. Viele dieser Subventionen wurden über Nacht gestrichen, wodurch die finanzielle Belastung der Farmer dramatisch gestiegen ist. „Die plötzliche Aufhebung von Subventionen ohne Vorwarnung hat viele Geflügelfarmen in den Ruin getrieben,“ erklärt Fathi. Gleichzeitig befinden sich Farmer durch die Einfuhr brasilianischer, türkischer und syrischer Hühner, die erheblich günstiger als die lokalen Erzeugnisse sind, in einem Wettbewerb, den sie nicht gewinnen können.

Auf dem Großmarkt von al-Jazaer müssen Händler Preise zwischen 2.500 und 3.000 US-Dollar pro Tonne für Hühner aus der Region hinblättern, während Geflügelfleisch aus Brasilien für 1.650 US-Dollar pro Tonne zu haben ist. Hinzu kommt, dass der Preis der importierten Hühner relativ konstant bleibt, während der Preis der einheimischen Erzeugnisse starken Schwankungen unterworfen ist.

Die meisten Bauern haben resigniert. Obwohl sich die Regierung der Probleme der Industrie bewusst ist, sei kaum ein Wille erkennbar, zu helfen.

Regionales Problem, nationales Versäumnis

Jafar Sidiq Said, Chef der Abteilung für Landwirtschaft der Provinzregierung von Ninawa, sieht das anders. Man tue alles, was man kann, um den Farmern zu helfen. 2009 stellte das Ministerium Kredite mit kurzer Laufzeit für Farmer zur Verfügung. Said sagt, dass weitere Hilfsmaßnahmen, die das Überleben der Farmen sichern sollen, in Planung seien. Ein Beamter der staatlichen Stabsstelle für Viehbestand jedoch erklärte auf Anfrage, das Problem liege bei Einfuhrbestimmungen und nicht bei binnenländischen Mechanismen des Agrarsektors. Nach Informationen von dieser Quelle unterliegen demnach Importgüter momentan keinen Auflagen, nur deshalb sind sie in der Lage, die lokale Chicken-Industrie zu überflügeln.

„Wenn die Regierung diese Krise beenden will, muss die Einfuhr strikt unterbunden werden“, sagt er. So wird am Ende dann auch der Irak seine Zölle und Einfuhrbestimmungen verschärfen müssen. Wenn am Ende mehr als nur die Importeure und Immobilienmakler profitieren sollen.

Foto: Sabah Arar (AFP/Getty Images)

Dieser Artikel wurde zuerst auf niqash.org veröffentlicht.