Viel Moos, nix los
18.01.2011  | Mohammed Arya   

Branchen / Landwirtschaft
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Ein Großteil der irakischen Felder liegt brach. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass sich die Bauern im Irak eine goldene Nase verdient haben. Unser Autor Mohammed Arya hat die Gründe für den Niedergang der Landwirtschaft gesucht und damit den Open Eye Award gewonnen


Nach kurzer Verhandlung willigt Hadsch Nuraddin Aimanki in einen verlustreichen Handel ein: Über den Vermittler Izzaddin Dosaki hat ihm ein Großhändler im Gemüsemarkt von Dohuk für 800 Kilogramm blauer Trauben 280.000 Irakische Dinar (170 Euro) geboten. Jetzt hat Aimanki den Ertrag eines ganzen Jahres für 350 Dinar (30 Cent) pro Kilo verkauft – wohl kaum ein Anreiz für ihn, seine fünf Dunum (umgerechnet 1250 Hektar) Weingärten weiter zu p?egen. Aber selbst wenn er noch einen Grund fände, sich weiter abzumühen, so würde doch keiner seiner drei Söhne künftig noch dem Wunsch widerstehen können, das Dorf zu verlassen und in der Stadt nach Arbeit zu suchen. Dort kann man ein Mehrfaches dessen verdienen, was die Landwirtschaft abwirft.

Zur PersonMohammad Masser Ariyah wurde 1970 in Wasit geboren und arbeitet zurzeit als Journalist für die Nachrichtenagentur „Aswat al-Iraq“. Der studierte Historiker hat vorher bereits journalistische Erfahrungen bei den Zeitungen „Al-Hadath“, „Az-Zaman Al-Aan“ und „Al-Raqeeb“ gesammelt. Außerdem ist er Redakteur der arabischen Ausgabe der Wirtschaftsplattform Irak und Korrespondent für die Website „Niqash“.

Mit Bedauern sieht Hadsch Aimanki zu, wie 45 Kisten seiner blauen Trauben von Lasten- trägern in einen Kleintransporter umgeladen werden. Er hätte das Kilo sogar für 150 Dinar (ungefähr 10 Euro-Cent) hergegeben, wenn der Handel erst eine Stunde später vonstatten- gegangen wäre. Denn im Zentralmarkt von Dohuk, über den ein Viertel allen Obstes des Irak verkauft wird, gibt es keine Kühlhallen, sodass die Früchte schnell verderben. „Und ich will nicht, dass meine Arbeit eines ganzen Jahres völlig umsonst war“, sagt er und bezahlt auch noch den Vermittler des Geschäftsabschlusses. Dieser bekommt pro Kiste 400 Dinar. Doch Aimanki geht es an jenem Mittag nicht schlechter als seinem Cousin Sardar, der zwei Stunden vorher einen ähnlichen Handel abgeschlossen hat: Für nur 525.000 Dinar (150 Euro) hat er 70 Kisten roter Äpfel verkauft.

Chronische Transportprobleme

Sardar, der zwei Fahrern von Kleintransportern 210.000 Dinar bezahlen musste (3000 pro Kiste), sitzt auf einem Stuhl neben seinen Apfelkisten und wartet jetzt noch auf den Regierungsbeamten, der ihm schriftlich bestätigen soll, welche Menge an Äpfeln er aus Barwari, 90 Kilometer nörd- lich von Dohuk, hierher transportiert hat. Pro Kilo erhält er dafür gerade einmal 50 Dinar (umge- rechnet 3 Euro-Cent) – so viel lässt sich die Regierung die Unterstützung der Landwirte kosten. Sardar und Hadsch Aimanki und mit ihnen Tausende anderer Bauern der Provinz Dohuk im äußersten Norden des Irak, 460 Kilometer von Bagdad entfernt, leiden seit Jahren unter schweren Einnahmeeinbußen. Die Obstpreise auf dem Großmarkt von Dohuk sind so stark gefallen, dass sie in manchen Fällen nicht einmal mehr die Transportkosten decken. Der Zwischenhändler Izzaddin Dosaki fühlt sich selbst unwohl dabei, seit dem Morgen an Dutzenden von verlustreichen Abschlüssen beteiligt gewesen zu sein. „Die gesamte Jahresernte war ein Fehlschlag“, so Dosaki, denn „die meisten Bauern bringen ihre Ernte gar nicht mehr zum Großmarkt. Lieber lassen sie das Obst unter den Bäumen und an den Weinstöcken ver- faulen, als auch noch für den Transport zu bezahlen, der teurer wird, je später es wird.“ Letztlich werde sich Landwirtschaft hier nicht mehr lohnen. Dosaki spricht verbittert von Bauern, die ihre Felder aufgegeben haben und nach Dohuk gezogen sind, um Arbeit bei der Regionalregierung zu finden.

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Äpfel verfaulen in den Obstgärten

Hadsch Salim Barwari, dessen Äpfel unter den Bäumen liegen, bestätigt, dass die Land- wirtschaft nicht mehr rentabel sei. Was ihn auf seinem Land noch halte, sei „Azwa“, die starke Verbundenheit, sagt er und klaubt Fallobst unter einem großen Apfelbaum auf. Barwari hat in der gleichnamigen Gegend erst vor sieben Jahren 235 Apfelbäume neu gep?anzt. Wie er seinen Wunsch, das Land zu behalten, mit der Summe von 1,5 Millionen Dinar vereinbaren kann, sagt er nicht. So viel Geld bräuchte er, um seinen Obstgarten instand zu halten, der kaum noch etwas einbringt.

Sein jüngster Sohn Adnan, der mühevoll einen Sumach-Strauch (Essigbrotbaum) aberntet, spricht es aus: „Es ist ein emotionales Festklammern, das uns teuer zu stehen kommt.“ Im vergangenen Jahr habe sie der Obstgarten eineinhalb Millionen Dinar gekostet. Dafür hätten sie 40 Kisten Äpfel für gerade einmal 140.000 Dinar verkauft. Und er ergänzt: „Die Kosten für mehr als 40 Fahrten nach Barwari Bala und zurück noch nicht eingerechnet.“

Festhalten an den letzten Feldern

Noch in den 70er-Jahren konnten Obstgartenbesitzer in Kani Masi zu jeder Ernte ein neues Auto kaufen. Doch nach der jüngsten Ernte musste Hadsch Musa aus eben jener Gegend drei kleine Obstgärten für 20.000 Dollar verkaufen, um weitere fünf Gärten halten zu können. Auf diese ist er besonders stolz, weil sie an das Dorf grenzen, aus dem seine Vorfahren stammen. Musa hatte geplant, jeweils einen Teil seiner Gärten zu verkaufen, wenn die Ernte nicht genug einbrächte, um damit wenigstens die Hälfte seiner Verluste auszugleichen. Doch mit jeder verlustreichen Saison muss er nun mehr Land veräußern, um zumindest den einen großen Garten zu halten, an dessen Rand sein Urgroßvater bestattet ist.

Auch für Izzat Mazuri ist das Land seiner Familie nicht mehr attraktiv. Trotzdem fährt er noch immer ein- oder zweimal die Woche die zehn Kilometer aus Dohuk heraus, um ein paar Granatäpfel und Weintrauben zu p?ücken und sie in seine Stadtwohnung zu bringen. „Es ist eine schwierige Rechnung“, sagt Mazuri mit ein paar fast verfaulten Trauben in der Hand. „Man muss sich entscheiden, entweder hier zu bleiben und Landwirtschaft zu betreiben, die einem nur Verluste einbringt, oder sich in der Stadt Arbeit bei der Peschmerga oder im zivilen Bereich zu suchen oder sonst etwas zu arbeiten, was einem mehr als 500 Dollar im Monat einbringt.“

Verlassene Dörfer

Neben Izzats Feldern sieht man schwaches Licht im Dorf Aimanki, das inmitten von Wein- bergen und Granatapfelp?anzungen liegt. Doch Izzat stellt klar: „Dort leben keine Bauern mehr. Alle, die hier noch wohnen, haben entweder eine Anstellung oder sind selbstständig und fah- ren frühmorgens in die Stadt. Erst kurz vor Sonnenuntergang kommen sie wieder nach Hause.“ Nicht nur in Aimanki haben die Bewohner die Landwirtschaft aufgegeben. Immerhin ist das Dorf noch bewohnt, weil es nahe an der Stadt liegt. Aber Tausende weiter entfernt liegende Dörfer wurden bereits vollständig verlassen. In Dosaki, Kazu, Eik Mal und anderen Orten, die von Dohuk weiter weg liegen, sind die Hausdächer deshalb unter der Last des Schnees im Win- ter eingestürzt. Man kann nicht einmal mehr in die noch intakten Häuser hineingehen, die die UNO zu Beginn der 90er-Jahre gebaut hat, um die Bauern zur Rückkehr auf ihre Felder zu bewegen. Zu groß wäre die Gefahr, von Schlangen gebissen zu werden, die sich dort in irgendeiner Ecke verstecken.

Um die Dörfer von Badihi herum sind hier und da kleine Siedlungen mit modernen Häusern aus Ziegelstein entstanden. Früher, in den vergangenen Jahrzehnten waren die Dörfer reich an Obstgärten aller Art, bis der Wasserpegel des kleinen Flusses sank, der durch die Gärten ?oss. In den 200 Häusern, die die UN-Organisation FAO gebaut und Bauern übergeben hatte, die sich dafür verp?ichten mussten, wieder Landwirtschaft zu betreiben, leben heute aber nur noch drei Familien, die Gemüse anbauen und Mandeln von den Bäumen am Flussufer sammeln. „Alle anderen sind in die Stadt gezogen“, sagt Hadsch Omar, während er Ahornbaumstämme, deren Holz in der Stadt gefragt ist, in einen Kleintransporter am Rand der kurvigen, staubigen Straße verlädt. „Sie kommen nur noch im Frühjahr und zu Newroz zu Besuch. Dann fahren sie wieder in die Stadt und lassen die Felder ihrer Väter zurück, die für sie nur noch Erinnerungswert haben.“

Omar deutet auf einen Berg und sagt, dass unmittelbar dahinter die Türkei beginne. „Früher hat die Leute neben der Landwirtschaft noch der Schmuggel hier gehalten. Heute gibt es hier weder Landwirtschaft noch irgendetwas, was man schmuggeln könnte“, erklärt er.

Arbeitssuche in der Stadt

Farhad hat das Land seines Vaters vor zwei Jahren verlassen und verkauft heute Kleider auf dem Stadtmarkt. Er sagt, der Hauptgrund dafür, dass Bauern in die Stadt strömten, sei der, dass die Arbeit auf dem Land sich nicht mehr lohne. Niemand könne sein Leben neben einem Baum vergeuden, nur weil der von seinen Vorfahren stamme. Verbittert berichtet Farhad davon, wie er sich mit seinem Vater und seinen Brüdern jahrelang auf den Feldern abgemüht habe, ohne damit auch nur das Notwendigste zum Leben zu erwirtschaften. Heute verdiene er mit seinem Kleidergeschäft mehr als 600 Dollar im Monat.

Farhad erinnert sich daran, wie er seinen Vater vor einigen Tagen auf dem Großmarkt getroffen hat. Er habe noch die gleiche Kleidung getragen wie damals, als er das Dorf verlassen habe. Farhad wendet sich grüßend an zwei Kunden, die seinen Laden betreten haben. Dann sagt er noch: „Unsere Generation ist anders. In ganz Kurdistan ändert sich das Leben, aber unsere Väter reden noch immer stolz davon, wie viele Bäume jeder von ihnen besitzt.“

Verlorene Generation

Die Generationen – ein entscheidendes Stichwort für den Forscher Saman Sindschari , um die Beziehungen zwischen Land und Menschen in Kurdistan zu erklären. „Eine ganze Generation zu ersetzen, ist nicht leicht“, sagt er. „In Kurdistan ist durch die Vertreibungen durch das Saddam-Regime ab 1975 eine ganze Bauerngeneration verloren gegangen.“ Diese hätten angedauert, bis der Aufstand von 1991 den Kurden Autonomie brachte. Sindschari erinnert daran, dass die Vertreibungskampagnen über 4000 Dörfer betroffen und die Beziehung der Menschen zu ihrem Land verändert hätten. Als die Bauern 1991 in ihre Dörfer zurückkamen, seien die Lände- reien vom Regime in militärisches Gebiet verwandelt gewesen. Viele Wälder und ertragreiche Obstgärten seien zerstört gewesen.

Vermarktungskrise

Matin Muhammad, Dozent für Lagerung und Vermarktung an der landwirtschaftlichen Fakultät, glaubt nicht, dass die Lösung darin bestehen könne, Kampagnen bei den Bauern zu starten und sie dadurch zu überreden, in ihren Dörfern zu bleiben. Vielmehr müssten die Vermarktung besser geplant und Kühlhäuser bereitgestellt werden, in denen die Bauern ihre Produkte das ganze Jahr über lagern könnten. Dann müssten auch nicht alle zur gleichen Zeit verkaufen und dann auf Grund der niedrigen Preise Verluste hinnehmen.

Er blickt mit wenig Optimismus in die Zukunft der Landwirtschaft in Kurdistan. „Weil die Planungsbehörden nicht mit Forschungseinrichtungen und Universitäten kooperieren“, so Muhammad, „wurden alle Vorschläge zur Landwirtschaft, die wir der Regierung unterbreitet haben, nicht beachtet. Wir haben nicht einmal eine Antwort bekommen.“ Der Direktor der Planungsbehörde in Dohuk, Masoud Abdalaziz, hält dagegen: Die Pläne seiner Behörde bräuchten Zeit, um zu fruchten. Man könne die Situation in der Landwirt- schaft nicht mit improvisierten Konzepten lösen, die innerhalb von ein oder zwei Jahren umgesetzt werden.

Er verweist darauf, dass die Landwirtschaftsbehörde in diesem Jahr knapp 18 Milliarden Dinar (15 Millionen Dollar) zur Unterstützung der Bauern ausgegeben habe und Unterstützungs- kredite aufgelegt habe, die zu 60 Prozent ausgeschöpft seien. Viele Bauern jedoch hätten Bewässerungsanlagen und Traktoren, die ihnen zu günstigen Preisen verkauft worden seien, weiterverkauft.

„Alle machen die Landwirtschaftsbehörde für die Probleme verantwortlich und übersehen die übrigen Institutionen“, fährt Abdalaziz fort. „Es gibt gemeinsame Projekte mit den Ministerien für Industrie und Handel, die noch nicht umgesetzt wurden. Es sollten Fabriken zur Abfüllung von Agrarprodukten in Konservendosen in der Nähe von Farmen errichtet werden, was nicht geschah. Und die Vermarktungspläne stecken auch noch in den Anfängen. Deshalb müssen die Bauern direkt an die Großmärkte verkaufen, wo sie der Willkür der Händler ausgeliefert sind.“

Kein Vertrauen in die Händler

„Aber wo sind die Händler überhaupt?“, fragt Izzaddin Dosaki, der seinen Arbeiter gerade angewiesen hat, Hunderte Kisten mit Äpfeln, Birnen, Granatäpfeln und Kartoffelsäcken in die ungekühlte Lagerhalle zu tragen, die nur ein Blechdach hat. „Morgen verkaufen wir das meiste davon zum halben Preis. Das holen sich dann die Besitzer der Läden in ärmeren Gegenden“, erklärt er, während er mit seinem älteren Bruder Masoud die Abrechnung macht.

Masoud erinnert sich an einen Bagdader Kaufmann, der früher allein die Hälfte der Waren des Großmarktes von Dohuk aufgekauft habe. „Er rief uns an und sagte, schickt mir einen LKW Weintrauben und zwei mit Äpfeln und P?aumen. Am nächsten Tag bekamen wir unser Geld und schickten ihm noch mehr Waren. Aber der Mann ist mit den Waren verschwunden, und mit ihm Dutzende andere erfolgreiche Kaufmänner, die landwirtschaftliche Erzeugnisse aus dem Norden gekauft haben.“ Izzaddin sagt, dass sein Nachbar Hadsch Robar vergangenes Jahr Waren im Wert von über 200 Millionen Dinar nach Bagdad, Mosul und andere Städte geschickt habe. Bis heute warte er auf das Geld der Händler, die bei ihm bestellt hatten und denen er vertraute.

Gewalt als Hindernis

Izzaddin räumt ein, dass auch die Gewalt und die ethnischen und konfessionellen Spaltungen im Irak den Binnenhandel zwischen den Städten in den letzten Jahren beeinträchtigt haben. „Wir könnten unsere Waren auch in Mosul, Basra oder Nadschaf verkaufen, wenn die Situation sicherer wäre“, sagt er. Doch auch sein Nachbar Hadsch Robar könne gegenwärtig nicht nach Mosul oder Bagdad fahren, um seine Außenstände einzutreiben, weil es dort zu gefährlich sei. „Handel basiert auf Vertrauen, vor allem bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die man sofort verkaufen muss“, sagt Izzaddin. „Deshalb haben wir im Vertrauen auf die Händler im Voraus geliefert.“

Importe zu Lasten einheimischer Produkte

„In zwei oder drei Jahren, fürchte ich, werden die kurdischen Felder ohne Bauern sein“, prophezeit Izzaddin und blickt sorgenvoll auf den Großmarkt, der – nun ohne Händler und Bauern – im Dunkeln daliegt und über dessen blechgedeckte Dächer der Wind pfeift. „Wer weiß“, sagt er, während er das Lager abschließt, „vielleicht bin ich in ein paar Jahren selbst gezwungen, mir eine Anstellung zu suchen, wenn mir kein Bauer aus der Umgebung mehr zur Erntezeit etwas liefert.“

Izzaddin befürchtet, dass importiertes Obst und Gemüse in den kommenden Jahrzehnten lokale Produkte verdrängen könnte, und spottet: „Vielleicht wird dann der Ladenbesitzer das Einzige sein, was noch kurdisch ist zwischen all den libanesischen Äpfeln, iranischen Gurken, syrischen P?aumen und türkischen Kartoffeln.“

 

Übersetzung aus dem Arabischen: Günther Orth

 

Foto: Ed Darack (AFP/Getty Images)