Branchen / Konsumgüter

Ministerpräsident al-Malikis Agrarinitiative verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: die Eigenständigkeit des Landes bis 2017. Bis dahin braucht der Irak alles, was deutsche Hersteller zu bieten haben: Saatgut, Pestizide, Maschinen, Geflügelfarmen und vor allem Know-how. Es gibt sogar eine Einkaufsliste
Seit Monaten reist Landwirtschaftsminister Dr. Ali al-Bahadli um die Welt und lädt zum landwirtschaftlichen Technologietransfer, zu Handel und Investitionen im irakischen Agrarsektor ein. Die Einladung fällt auf fruchtbaren Boden. Ausländische Delegationen der Agrarbranche geben sich im Irak die Klinke in die Hand. Erst Ende März 2009 fanden Gespräche zwischen al-Bahadli und einer französischen Delegation über eine mögliche Kooperation statt. Die französische Seite soll Sprühflugzeuge und Impfstoffe für Geflügel liefern, Geflügelschlachthäuser bauen, Trainingskurse durchführen, beim Bau von Gewächshäusern sowie bei der Professionalisierung der Dattelwirtschaft beraten.
Ein paar Wochen zuvor war eine US-amerikanische Delegation zu Gast. In den Gesprächen ging es um Kooperationsprojekte in den Bereichen Landwirtschaft und Wasserressourcen. Im Januar 2009 unterzeichnete die Investitionskommission der Provinz Maysan eine Absichtserklärung mit einer kanadischen Firma über zwei Projekte im Agrarbereich. Eine italienische Firma wird 80.000 Stauden und Setzlinge für die Förderung des Obstanbaus in Bagdad und den Provinzen liefern. Iran stellt 32 Millionen Euro an Krediten für den Kauf von iranischen Landmaschinen zur Verfügung.
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Agrarentwicklung made in Germany
Auch deutsche Delegationen haben den Irak bereist. Im Sommer 2008 besuchte al-Bahadli seinen Amtskollegen in Berlin. Horst Seehofer vereinbarte mit ihm damals die Gründung einer Arbeitsgruppe für Agrarwirtschaft. Beim Besuch des Außenministers Frank-Walter Steinmeier im Februar 2009 wurde es noch konkreter. Abdul-Hussein al-Hakim, Experte im irakischen Landwirtschaftsministerium, hatte eine Einkaufsliste ausgearbeitet. Unter anderem wurden für eine mögliche irakisch-deutsche Zusammenarbeit die Bereiche Forschung, Landmaschinen, Ausbildungsprogramme und Studienplätze, Tiergesundheit, Pflanzenschutz, Tierproduktion sowie die Pflanzenproduktion genannt (zur vollständigen Einkaufsliste).
Doch so schwungvoll und aussichtsreich die Iraker auf die Deutschen zugingen, so schnell gerieten die Verhandlungen auch wieder ins Stocken. Grund dafür war unter anderem der irakische Staatshaushalt 2009, der wegen sinkender Öl-Einnahmen nach unten korrigiert werden musste. „Dementsprechend versucht die irakische Regierung vermehrt ausländische Investoren ins Land zu holen“, erklärt Hans Rau, der mehrmals mit Delegationen im Irak war. „Weltweit reden die Politiker von der Wichtigkeit der Landwirtschaft. Die finanzielle Unterstützung wird aber vernachlässigt. Im Irak wird vorrangig in die Ölindustrie und die Baubranche investiert.“
Hinzu kommt der Preiskampf deutscher Technologieprodukte mit denen aus Schwellenländern: „Bei Verkaufsverhandlungen steht der Preis der Ware im Vordergrund. Man weiß die Qualität deutscher Produkte zu schätzen, die Aufträge gehen aber meist in die Türkei, nach Italien oder China. "

Das erklärte Ziel der irakischen Regierung, bis 2017 die Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln sicherzustellen, also innerhalb von zehn Jahren nach Start der Initiative, ist sehr ehrgeizig. Ministerpräsident Nuri al-Maliki weiß, dass er auch auf der politischen Ebene etwas verändern muss. Deshalb rief er eigens ein Komitee ein, das Higher Agricultural Initiative Committee. Es soll die strategischen Schritte der Initiative planen und mit Hilfsorganisationen und Firmen über Kooperationen verhandeln.
Um die Kapazitäten der Verwaltung und Wissenschaft zu stärken und die Versäumnisse der zentralistischen Wirtschaft aufzuholen, plant al-Maliki die Gründung einer Akademie für Agrar- und Wasserwissenschaft. Sie soll am Schnittpunkt zwischen den Ministerien für Landwirtschaft und Wasserressourcen entstehen und wissenschaftliche Forschung bündeln. Das Geld dafür kommt aus Italien. Vergangenen Herbst hat die italienische Regierung für diesen Zweck einen Kredit in Höhe von 100 Millionen Euro an den Irak gebilligt.
Aber auch die altgedienten Universitäten tragen zur Entwicklung der Landwirtschaft bei. Die agrarwissenschaftliche Fakultät in der Provinz Dhi Qar macht immer wieder durch erfolgreiche Experimente mit Neuzüchtungen von Nutzpflanzen in der irakischen Presse von sich reden. Die neuesten Forschungserkenntnisse werden durch den Fakultätsdekan Prof. Salem Hussein, der gleichzeitig im Landwirtschaftskomitee der Provinz sitzt, in die Praxis umgesetzt. Vor einigen Wochen wurde ein Experiment mit einer neuen holländischen ertragreicheren Hybridkartoffel gestartet. Auch Hybridweizen, der toleranter gegenüber salzhaltigen Böden ist, wurde mit großem Erfolg getestet.
Der Wissens- und Technologietransfer zahlt sich auch für die Wirtschaft aus
Internationaler Wissenstransfer und Schulungen vor OrtEbenso soll der Wissensaustausch mit agrarwirtschaftlich weiter entwickelten Ländern stärker gefördert werden. Australien bot daher vergangenes Jahr 150 Stipendien für Studienplätze in Masterstudiengängen in agrarwissenschaftlichen Fächern für irakische und kurdische Bachelorabsolventen an.
Der Wissens- und Technologietransfer zahlt sich auch für die Wirtschaft aus. Das Landwirtschaftsministerium der spanischen Provinz Murcia entsendet Experten in die Föderale Region Kurdistan-Irak, um dort Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums in neuen agrarwissenschaftlichen Methoden zu trainieren. Im Gegenzug verspricht das Abkommen den Spaniern bevorzugte Behandlung bei der Vergabe von Investitionslizenzen.
Auch die Deutschen engagieren sich auf dem Gebiet der landwirtschaftlichen Weiterbildung. Hans Rau, Gesellschafter der Mittelstandsinitiative Irak (MIAD), wirbt im Moment in Arbil für die Einführung von Deula-Schulen. Zusammen mit Deula Baden-Württemberg hat MIAD ein Konzept für den Irak ausgearbeitet. In Deutschland sind diese Schulen seit Jahrzehnten eine feste Institution bei Landwirten und Behörden. Daher setzt sich das deutsche Landwirtschaftsministerium für dieses Konzept bei den Amtskollegen im Irak ein. Dort stößt die Idee des Fortbildungssystems auf großes Interesse. Allerdings laufen die Verhandlungen zäh, "weil auch Verhandlungspartner wie Minister und hohe Beamte öfter wechseln." Darüber hinaus gibt es für Hans Rau noch andere Hürden: "Geschäfte im Irak brauchen viel Geduld und Zeit. Die bürokratischen Mühlen mahlen langsam. Selber müssen wir noch lernen mit der arabischen Mentalität umzugehen."
Deula-SchulenVor 50 Jahren wurde das Deula-Schulsystem in Deutschland eingeführt. In den Deula-Ausbildungszentren werden Landwirte in der Anwendung von Landtechnik nach der Learning-by-Doing-Methode geschult. Neben dem Unterricht gibt es meistens an das Zentrum angegliederte Landmaschinenverleih- und Verkaufsstationen mit Ersatzteillagern und Serviceeinrichtungen. Hier werden Weiterbildungen zu Schweißtechnik, Motorenwartung und dem Umgang mit Landmaschinen durchgeführt. Zusätzlich können sich Landwirte im integrierten Handelsbetrieb mit Düngemitteln, Saatgut und Pflanzenschutzmitteln versorgen.
Strategie ist alles
Während es bei manchen noch schleppend vorangeht, machen viele deutsche Firmen schon längst Geschäfte im Irak oder haben dort Filialen eröffnet. So wie die Firma Terramar, die Zweigstellen in Arbil, Bagdad und Basra unterhält. Das Unternehmen handelt mit technischem Equipment und Anlagen zur Verpackung und Lebensmittelverarbeitung.
In der Tierproduktion engagiert sich das deutsche Unternehmen Big Dutchman bei der Ausstattung von Geflügelfarmen. Auch der Landmaschinenhersteller Claas hat eine eigene Irakabteilung ins Leben gerufen. Die Unternehmen wollen wieder an die alten lukrativen Geschäfte anknüpfen. Claas und Terramar treiben schon seit den Siebziger- und Achtzigerjahren überaus erfolgreich Handel mit dem Irak. Doch die Konkurrenz schläft nicht. Der amerikanische Traktoren- und Landmaschinenhersteller New Holland, der zum Konzern CNH International gehört, hat über seinen lokalen Importeur MICTA mehr als 2.800 alte Traktoren der Eigenmarke im Irak reparieren lassen. Die Mittel für das Projekt stammten von USAID und dem italienischen Außenministerium. Neben der Reparatur längst nicht mehr produzierter Modelle wurden auch Trainingskurse für Techniker des Landwirtschaftsministeriums durchgeführt. Mehr als 100 Traktoren und 30 Mähdrescher aus indischer New-Holland-Produktion hat der Irak daraufhin 2007 eingekauft. Geplant ist nun, dass die wieder eröffnete Landmaschinenfabrik in Iskandariya Komponenten von New-Holland-Traktoren vor Ort zusammensetzt und somit den Marktanteil von New Holland im Irak noch weiter steigert.
Subventionen und Patentrechte
Vom Big Business spüren die Kleinbauern im Irak aber bisher noch nichts. Um den Bauern nötiges Startkapital für ihren Betrieb zur Verfügung zu stellen, wird das Filialnetz der irakischen Landwirtschaftsbank landesweit stark ausgeweitet. Die Banken versuchen mit Kleinkrediten und Krediten für größere Investitionen die Agrarwirtschaft zu fördern. Auch die Regierung der Föderalen Region Kurdistan-Irak plant die Eröffnung einer Landwirtschaftsbank für 2009. Die Regionalregierung hat dafür ein umfassendes Budget für den Ankauf von landwirtschaftlichen Transportfahrzeugen bereitgestellt. Mehr als 200 neue Traktoren und 100 Mähdrescher wurden schon beschafft, um sie subventioniert an die Landwirte weiterzuverkaufen.
Die Landwirte im Irak sind zu großen Teilen noch immer auf Subventionen angewiesen. Pestizide, Düngemittel und Saatgut werden von staatlichen Stellen daher verbilligt abgegeben. Diese Subventionierungspolitik, die aus den Zeiten des Baath-Regimes stammt, wird auch noch weiter bestehen müssen. Während eine Tonne subventioniertes Saatgut im vergangenen Herbst in Kirkuk umgerechnet 180 Euro kostete, betrug der Preis auf dem freien Markt 475 Euro − ein Preis, den viele irakische Kleinbauern nicht aus ihren Erträgen finanzieren können.
Es steht sogar zu befürchten, dass Saatgut in Zukunft noch teurer wird. Der Zivilverwalter der Koalitionsregierung, Paul Bremer, hatte im Jahr 2004 einen bis heute umstrittenen Erlass angeordnet. Der Erlass Nummer 81 zum Patentrecht auf Pflanzensorten könnte zum Fallstrick für einheimische Landwirte werden. Seit dem Beschluss können sich Firmen Patente auf einheimische Pflanzen und deren genetisch leicht veränderte Varianten sichern und so die Verwendung durch Kleinbauern untersagen. Würden die Landwirte patentiertes Saatgut einsetzen und wie traditionell üblich einen Teil ihrer Ernte für die nächste Aussaat benutzen, müssten sie Lizenzgebühren zahlen.
Quellen:
+ Aswat al-Iraq
+ New-Holland-Fallstudie Irak 2008
+ Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
Fotos: Qassem Zein (AFP/ Getty Images), Wathiq Khuzaie (Getty Images)











