Humboldt-Universität fördert Integration
12.06.2009  | Lilli Oberndorfer   

Arbeit & Bildung / Arbeitsmarkt
E-mail   Print    

 


Die Fakultät für Rehabilitationswissenschaften treibt eine ganz besondere Kooperation voran: Sie schenkt dem Irak ein Erziehungsprojekt für körperbehinderte und traumatisierte Kinder

Bei der Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung in der Humboldt-Universität Berlin am 11. Juni waren sich der irakische Botschafter Alaa al-Hashimy und der Vizepräsident für Studium und Internationales der Berliner Humboldt-Universität Prof. Uwe Nagel einig: Das Projekt stellt eine Aufbauhilfe der besonderen Art dar. „Die Förderung und Integrierung körperlich eingeschränkter und von Krieg und Gewalt traumatisierter Kinder und Heranwachsender hat immense Bedeutung für den Wiederaufbau des Irak“, sagte Prof. Uwe Nagel und fügte hinzu: „Für die Humboldt-Universität ist die Unterzeichnung der Vereinbarung zudem ein erfreulicher Anlass, da es das erste Abkommen mit dem Irak ist“.

Im Auftrag des irakischen Hochschulministeriums war Hak al-Hakim, der Berater des irakischen Premierministers Nuri al-Maliki, als Unterzeichnungsberechtigter eigens angereist. Im Beisein der irakischen Botschaftsdelegation, Vertretern der verantwortlichen Fakultät für Rehabilitationswissenschaften, unterzeichneten Hak al-Hakim und Uwe Nagel die Absichtserklärung. Al-Hakim erklärte die Beweggründe für die Kooperation: „Unser Land hat schwere Zeiten erlebt. Es geht aufwärts, aber besonders im Gesundheitssektor fehlen uns Erfahrung und neue Erkenntnisse. Deshalb freue ich mich sehr über die Kooperation mit der Humboldt-Universität.“

Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt und auf Bagdad begrenzt. Für den Wissenstransfer sind hauptsächlich Schulungen von Fachleuten vorgesehen. Prof. Krista Mertens, Leiterin des Instituts für Rehabilitationswissenschaften und Projektleiterin, erklärt die inhaltlichen Schwerpunkte: „Wir wollen in den Schulungen vier Hauptbereiche abdecken:  die häusliche Pflege, Therapiemöglichkeiten, Erziehungsstrategien und die berufliche Integration körperlich eingeschränkter und psychisch traumatisierter Jugendlicher. Im Bereich der Berufsausbildung ist beispielsweise die Tele-Arbeit eine erfolgversprechende Option.“
Besonderes Augenmerk soll beim Wissenstransfer auf die Behandlung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen gelegt werden. Weitere Themengebiete wie zum Beispiel die Verwaltungsarbeit im Gesundheitssektor runden das Ausbildungsprogramm ab.

Zunächst sollen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Behindertenförderung an fünfzehn ausgewählte Fachleute vermittelt werden. Diese Schulungen sollen zwischen einer und mehreren Wochen dauern und im Irak, in Deutschland und der Türkei stattfinden. In einer späteren Phase des Projekts wird voraussichtlich ein praktisches Training in der alltäglichen Arbeit mit körperbehinderten und traumatisierten Heranwachsenden folgen.
Krista Mertens, Mitarbeiter ihres Instituts und Ammar Mizban, der irakische Diplomand der Rehabilitationswissenschaften und früherer Student bei Prof. Mertens, sollen die Realisierung des Vorhabens betreuen.

Der Initiator des Projekts, Ammar Mizban, ist nach der Unterzeichnung sichtlich gelöst: „Während meines Studiums der Rehabilitationswissenschaften habe ich immer wieder gedacht, dass man dieses Fachwissen irgendwie an sein Heimatland weitergeben sollte. Ich bin froh, dass die Kooperation mit allen Beteiligten in Deutschland und im Irak funktioniert und wir viel Unterstützung für das Projekt erhalten.“

Nach der endgültigen Bewilligung der Fördermittel durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) − erst dann ist die Kooperationvereinbarung in Kraft − wird Ammar Mizban im Oktober in den Irak reisen, um weitere Schritte mit den zuständigen Ministerien der Ressorts Gesundheit, Hochschulbildung und Arbeit und Soziales zu besprechen. Mit ihrer Unterstützung wird er die fünfzehn Personen auswählen, die als Multiplikatoren in ihren Disziplinen fungieren sollen.  Das sind beispielsweise Professoren und Universitätsdozenten in den einschlägigen Forschungsdisziplinen, Psychologen und Leiter von Heimen und Behinderteneinrichtungen, die ihr neues Wissen an Studenten oder Angestellte weitergeben können.

Basis für die Unterzeichnung der Absichtserklärung stellt der Rahmenvertrag zwischen Deutschland und dem Irak im Bereich Hochschulbildung und Wissenschaftstransfers dar.  Die Koordinierung, Auswahl und Finanzierung von Projekten obliegt dem DAAD. Dem Austauschdienst stehen insgesamt sechs Millionen Euro für fachspezifische Wissenstransfer-Projekte und studienfachunabhängige Austauschprogramme mit dem Irak zur Verfügung. Erst im Mai waren die ersten irakischen DAAD-Austauschstudenten nach Deutschland gekommen. Weitere Projekte wie der Aufbau einer deutsch-irakischen Universität sollen folgen.

 

Foto: Henrik Ahrens (WPI)