Regionen / Irak im Porträt
Ein Arbeiter erntet Datteln: Frucht des Südens und Symbol des Irak.
Bagdad gilt als Kopf, der Süden als das Herz des Iraks. Die Region ist reich an Erdöl, Spiritualität und Streit. Die Konfliktlinien verlaufen entlang politischer Interessen und religiöser Orientierung. Für alle Parteien geht es um dieselbe Frage: Wie soll der Irak der Zukunft aussehen?
1. Einleitung
2. Nadschaf
3. Basra
4. SIIC – der Hohe islamische Rat im Irak
5. Die Tugendpartei Fadila
6. Die Sadr Bewegung und die Mahdi-Armee
7. Die Dawa Partei des Premierministers
8. Armut im reichen Süden
Als irakischer Süden wird eine Region bezeichnet, die sich vom Süden Bagdads bis zum südlichsten Zipfel von Basra, dem Hafen Fao, erstreckt und die neun von achtzehn Provinzen umfasst. Urbane Zentren der Region sind Basra und Nadschaf.
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Teil 2: Kurdistan
Obwohl die südlichen Provinzen überwiegend von Schiiten bewohnt wird, trügt der landläufige Eindruck konfessioneller Eintracht: seit 2003 dominiert eine oft blutige Rivalität der schiitischen Kräfte um Macht und Einfluß die Realität im Süden Iraks.
Im Kern sind es vier große schiitische Parteien, die hier im Wettbewerb um politische Macht stehen: die Dawa Partei des Premierministers Nuri al-Maliki, der Oberste Islamische Rat im Irak (SIIC), die Sadr Bewegung (unter Führung des jungen Klerikers Muqtada al-Sadr) und die islamische Tugend Partei
(Fadila), die erst kurz nach der Invasion 2003 gegründet wurde. Diese vier Strömungen repräsentieren tiefe Spaltungen innerhalb der schiitischen Gemeinde. Konflikte entzünden sich an unterschiedlichen Vorstellungen über Form und Aufbau des Staates, an wirtschaftlichen Interessen und an theologischer Uneinigkeit zwischen konkurrierenden religiösen Autoritäten. Zentraler Streitpunkt sind unterschiedliche Auffassungen darüber, wie eine mögliche Autonomie des Südens gegenüber der Zentralregierung geografisch und politisch gestaltet werden sollte. Die Verortung der beiden Städte Nadschaf und Basra in den jeweiligen Föderalismuskonzepten spielt eine zentrale Rolle in diesem Konflikt.
Nadschaf hat für die Schiiten eine traditionell tiefe religiöse und politische Bedeutung. Die Stadt am Eufrat gehört zu den spirituellen Zentren der schiitischen Glaubensgemeinschaft weltweit. Hier sind die religiösen Führer versammelt, die das theologische Seminar der Schiiten (die Hawze) vertreten.
Die Zahlung des „Fünften“
Eine der bedeutendsten Züge der schiitisch-islamischen Wirtschaftsordnung ist der Khums – die Abgabe des Fünften. Alle schiitischen Gläubigen sind aufgefordert ein Fünftel ihres Einkommens über die schiitischen Gelehrten zu entrichten, die dieses Geld für die Religionsgemeinde verwalten. Die Einkommen aus dem Fünften werden verwandt um religiöse und soziale Institutionen zu finanzieren.
Sie stehen für religiöse Autorität, gehören zur Familie des Propheten Mohammad, und sie besitzen große finanzielle Ressourcen aus den Einnahmen des Khums (des Fünften) und spenden. In der Altstadt von Nadschaf wetteifern die schiitischen Parteien um die größte Nähe der Parteizentrale zum Grabmal des Imam Ali, des heiligsten Imams der Schiiten. Auch der Ayatollah Ali al-Sistani, höchste geistliche Autorität der Schiiten, hat seinen Sitz in Nadschaf. Sistani stammt ursprünglich aus Iran und nimmt seit 2003 aus Nadschaf auch auf politische Entscheidungen in der Hauptstadt Bagdad Einfluß. Nadschaf ist eine der wichtigsten religiösen Pilgerstätten der Schiiten weltweit. Jährlich kommen zehn Millionen Pilgertouristen aus verschiedenen Ländern in die Stadt. Sie bringen Spendengelder mit sich, persönlich Geschenke und entrichten Khums-Gelder, die an die geistlichen Führer (Maradscha) gezahlt werden.
Der Friedhof von Nadschaf – nach Ohlsdorf der größte Friedhof der Welt – bringt der Stadt durch Beerdigungsgebühren zusätzlich enorme Einkünfte ein. Der stellvertretende Gouverneur von Nadschaf Abd al-Hussein Abtan bestätigt, dass „die Provinz durch den religiösen Tourismus an normalen Tagen 600.000 US-Dollar täglich einnimmt“ – nicht eingerechnet die Einnahmen durch die Zahlung des Fünften, dessen Höhe nicht offen gelegt wird. Der religiöse Tourismus könnte Nadschaf bald zur reichsten Provinz des Landes machen.
Die religiösen Führer, die Maradscha, behalten die Einkünfte aus dem Fünften und Spenden zu ihrer Verfügung ein, obwohl die heiligen Stätte in Nadschaf, Kerbala, Bagdad und Samarra offiziell im Verantwortungsbereich des irakischen Awqaf-Ministeriums für religiöse Angelegenheiten liegen. Das Geld wird für den Bau von Krankenstationen und Schulen sowie für die Unterstützung sozialer und medialer Netzwerke in verschiedenen schiitischen Regionen zur Verfügung gestellt – eine Ausgabenpolitik, die auch den großen Einfluss der Maradscha erklärt. Nadschaf bildet damit das geistliche Gegengewicht zur ölreichen Hafenstadt Basra, die ihrerseits die Vormachtstellung im Süden beansprucht.
In und um Basra konzentrieren sich die größten Ölvorkommen des Irak, insgesamt fünfzehn große Ölfelder. Diese Felder verfügen laut Berichten der (staatlichen) Southern Oil Company Ölreserven über 65 Milliarden Barrel, was etwa 60 Prozent der irakischen Erdölvorkommen entspricht.
Von den bereits erschlossenen Ölfeldern ist das nördliche al-Rumaila-Feld das größte. Es gilt als neuntgrößtes Ölfeld weltweit. Das Öl aus dessen nahezu 660 Bohrlöchern ist von höchster Qualität. Darüberhinaus sprudeln aus den beiden gigantischen Feldern Majnun und Gharb al-Qirna täglich zusammen nochmals 400.000 Barrel Rohöl. Würden sie weiter erschlossen, würde ihre tägliche Gesamtproduktion 1,3 Millionen Barrel betragen. Andere große Felder umfassen das südliche Rumaila-Ölfeld Rumaila Al-Janubi, Majnun, Gharb Al-Qirna, Zabir, Nahr Omar, Lahis, Subb und Tuba. Nach Basra haben die beiden Südprovinzen Maysan und Dhi Qar mit
zwölf Prozent der irakischen Erdölvorkommen die größte Bedeutung für die Ölwirtschaft im Irak. Ein Zusammenschluß dieser drei Provinzen zu einer föderalen Region könnte den Reichtum von beispielsweise Dubai in den Schatten stellen.
Zudem ist Basra der Palmengarten des Irak. Hier stehen allein sechs der insgesamt zwölf Millionen irakischen Dattelpalmen, deren Früchte in die Golfstaaten, Syrien und Jordanien exportiert werden. In Basra konzentrieren sich darüber hinaus die Fabriken der Stahl-, Papier und Düngemittelindustrie sowie der petrochemischen Industrie.
Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Bedeutung der Hafenstadt am Shat-al-Arab gilt: wer in Basra regiert, regiert im Süden. Das Verhältnis der wirtschaftlichen Hauptstadt zu Nadschaf als spirituellem Zentrum der Schiiten ist distanziert. Anders als in den Provinzen des mittleren Euphrat pflegen die Schiiten von Basra keine feste Bindung an die religiöse Führung von Nadschaf. Die Schaikhiya-Glaubensgemeinschaft, eine der wohlhabendsten schiitischen Glaubensgruppen, akzeptiert beispielsweise weder die Autorität des Ayatollah noch die Hawze in Nadschaf als Stellvertreter des erwarteten Imams. Abgesehen von der Unabhängigkeit der Schaikhiya sind auch die insgesamt 176 in Basra ansässigen Stämme für ihre religiöse Flexibilität und Liberalität bekannt. Doch die religiöse Offenheit ist in den letzten Jahren zunehmender Islamisierung gewichen. Mehr als 22 islamische Parteien und Milizen zwingen heute Muslime jeglicher Provenienz - aber auch andere religiöse Minderheiten - unter die Herrschaft einer streng islamischen Lehre.














