Grillen mit Goethe
06.09.2011  | Lilli Oberndorfer   

Arbeit & Bildung / Hochschulen
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Irakische Germanisten haben in diesem Sommer an Hochschulsprachkursen in Deutschland teilgenommen - vier von ihnen an der Humboldt-Universität Berlin. Sie lernten jede Menge über Brechts Mutter Courage, den korrekten Genitiv und viel über typisch deutsches Wetter


Das Angebot war so interessant wie ambitioniert: Walter Benjamins Erinnerungen an die „Berliner Kindheit um 1900“, Wolf Biermanns Ballade „Preußischer Ikarus“, Bertolt Brechts „Mutter Courage“ – um nur drei der Themen des Internationalen Hochschulsprachkurses für Germanistik an der Humboldt-Universität Berlin zu nennen. Den Sommer über haben sich dort Germanisten aus aller Welt fortgebildet – unter ihnen auch vier Iraker von der Universität Bagdad.

Ihr Aufenthalt wurde vom Sonderprogramm Iran/Irak des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD).. Mit diesem Programm waren die vier Germanisten im vergangenen Jahr schon einmal in Deutschland ­– und es hatte ihnen so gut gefallen, dass sie in diesem Jahr nach Berlin gekommen sind: der Assistenzprofessor Dr. Mohammad Shibib, Leiter der Sektion Germanistik, die Germanistik-Dozenten Fadhel Miklif und Muthanna Al-Bazzaz und Al-Nuaimi und der Betreuer des Dialogpunktes Goethe-Institut an der Universität Bagdad. In diesem Jahr kamen noch fünf weitere irakische Dozenten und sechs Studenten hinzu – sie nahmen an Sommerkursen in Kassel und Aachen teil.

Und so sah das Programm in Berlin aus: Fünf Tage in der Woche bekamen die Teilnehmer jeweils vormittags Sprachunterricht, jeden zweiten Nachmittag besuchten sie Vorlesungen oder nahmen an literarischen Exkursionen teil, die von Professoren der Universität organisiert und betreut wurden. Besonders anspruchsvoll wie beliebt war der Germanistenkurs Literatur, mit zum Angebot gehörten zudem ein Landeskundekurs und ein Kurs Kunst und Film. Auch am Abend waren die Gäste gut beschäftigt: Es gab eine Grillparty, eine Bootstour auf der Spree, ein Besuch des Reichstags und ein Film im Open-Air-Kino.

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Es war wohl kein Zufall, dass alle Teilnehmer aus Bagdad kamen. Die Universität der irakischen Hauptstadt hat das umfassendste Angebot des Landes im Fach Germanistik. 400 Bachelor-Studenten studieren dort im Haupt- und Nebenfach, zusätzlich gibt es Sprachkurse in Kooperation mit dem Goethe-Institut Erbil. Und schon liegen Pläne in der Schublade, von 2012 an einen Master-Studiengang Germanistik einzuführen. Die Universität kooperiert auch mit dem germanistischen Seminar der Universität Marburg, wo ein irakischer Dozent gerade einen Forschungsaufenthalt absolviert.

Offenbar haben die irakischen Wissenschaftler in Berlin auch das gefunden, was sie gesucht hatten. Mohammad Shibib etwa schwärmte von den Lehrmethoden im Germanistenkurs Literatur. „Das ist neu für uns, es gibt kaum Frontalunterricht, alles ist interaktiv und reißt einen mit“, sagt er. „Der Stoff wird oft mit Landeskunde und Geschichte verknüpft und bleibt besser im Gedächtnis. Ich wünschte mir, wir könnten einen Didaktik-Kurs machen, in dem die Dozenten unserer Universität gezielt in diesen Lehrmethoden geschult werden.“ Mustafa Al-Nuaimi aus dem Sprachkurs Deutsch ist mit dem Angebot ebenfalls sehr zufrieden. „Ich hoffe, auch nächstes Jahr wieder dabei zu sein“, sagt er.

Die Sommerkurse an der Humboldt-Universität gibt es bereits seit zehn Jahren. Die Idee hatte Beate Ramin-Getter, die bis heute die Koordinatorin ist. Meistens nehmen ausländische Studenten und Dozenten teil, manchmal auch ältere Gasthörer. Sie zahlen privat oder bekommen Stipendien wie zum Beispiel die vom DAAD. Während ihres Aufenthaltes werden sie von studentischen Hilfskräften betreut, die 250 Teilnehmer waren in diesem Jahr in vier Kurse aufgeteilt. „Wir würden gerne mehr anbieten, aber die Kapazitäten reichen leider nicht,“ sagt Beate Ramin-Getter.

Der Germanistik–Dozent Muthanna Al-Bazzaz war ebenfalls sehr angetan. „Der Aufenthalt ist sehr wichtig für uns, da wir hier das Gelernte auch nach Unterrichtsschluss anwenden und üben können“, findet er. Allerdings hat er auch ein kleines Problem. „Ich war das letzte Mal vor dem Mauerfall 1989 in Berlin. Jetzt erkenne ich die Stadt nicht mehr. Ich habe keine Orientierung mehr, meine Kollegen mussten mir helfen“, sagt er. Von der angeblichen Unfreundlichkeit der Einheimischen indes hat er nichts mitbekommen: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Berliner so hilfsbereit sind, vor allem, wenn man in den U-Bahn-Schächten umherirrt.“

Überhaupt ist Deutschland für Muthanna Al-Bazzaz ein Vorbild. „Unsere beiden Länder haben vieles gemeinsam: Kriege, Besatzung, Zerstörung, Diktatur, aber auch den Wiederaufbau“, sagt er. „Wir Iraker müssen wieder zu uns finden, genau wie Deutschland das getan hat. Das Land war ganz unten und jetzt ist es Weltspitze in Technologie, Wirtschaft und Know-how.“ Der Germanistik-Dozent glaubt, dass die Iraker schon viel von Deutschland lernen konnten. „Es gab Delegationen, zum Beispiel über die Aufarbeitung der Geschichte, der Akten und Archive. Es ist bewundernswert, dass Deutschland so viel tut, was nichts mit Eigennutz und Wirtschaft zu tun hat.“

Bei so viel Lob hatte Muthanna Al-Bazzaz für die nächste Sommeruni auch ein paar Verbesserungsvorschläge parat. Schön wäre es, wenn nicht alle Iraker in einem gemeinsamen Appartement untergebracht wären, sondern mit anderen ausländischen Teilnehmern, „damit wir nicht nur arabisch sprechen“. Einen anderen Wunsch wird Koordinatorin Beate Ramin-Getter wohl nur mit einer gewissen Ratlosigkeit zur Kenntnis nehmen können: Absolut nicht gefallen, da waren sich alle vier Teilnehmer einig, hat ihnen das Berliner Wetter.

 

Foto: BARBARA SAX (AFP/Getty Images)