Arbeit & Bildung / Hochschulen
Was können irakische Hochschulabsolventen? Sollen deutsche Unternehmer auf sie setzen? Unbedingt, sagt der Freiberger Professor Jürgen Bast. Ein Proseminar über die Lehre und Lernerfolge im Irak.
WPI: Herr Bast, viele ausländische Unternehmer zögern, irakische Hochschulabsolventen einzustellen. Sie sind unsicher, ob diese Leute wirklich etwas können. Beginnen wir mit dem Positiven – was sind die Stärken irakischer Mitarbeiter mit Universitätsabschluss?
Jürgen Bast: Ihre Stärke ist ganz klar die theoretische Ausbildung. In den Grundlagen sind die wirklich hervorragend. Es ist das Wissen, das von den Hochschullehrern ordentlich vermittelt werden kann und das auch in Büchern nachzulesen ist.
Sind die Absolventen auch auf dem aktuellen Stand des Wissens?
Das variiert stark zwischen den verschiedenen Hochschulen. Es gibt eine ganze Reihe Privatuniversitäten, die vor allem wirtschaftsbezogene Fächer unterrichten. Die sind auf jeden Fall auf dem aktuellen Stand der Literatur, aber dafür müssen die Studenten auch zahlen.
Und wie ist es in den technischen Fächern, etwa den Ingenieurswissenschaften?
Da ist es nun so, dass man dazu auch in der Ausbildung zwingend Technik benötigt. Also Labore, Messgeräte, Versuchsmaschinen. Diese Ausrüstung in den Universitäten war vor dem Krieg nicht schlecht, aber seitdem ist viel demontiert oder gestohlen worden, so dass ein Großteil der Unis heute nicht mehr über gute industrielle Aggregate verfügt.
Und daraus resultieren dann die typischen Schwächen irakischer Absolventen?
Ja. In den technischen Fächern ist es vor allem die unzureichende praktische Ausbildung. Viele Studenten haben wichtige Maschinen zwar mal auf einer Zeichnung oder einem Foto gesehen, aber noch nie in der Wirklichkeit.
Was heißt das für Unternehmen, die überlegen, solche Absolventen einzustellen?
Wenn sie es richtig machen wollen und diese Leute gewinnbringend einsetzen, dann müssen sie die Absolventen in vielen technischen Dingen zunächst einmal weiterbilden. Das kann soweit gehen, dass sie anfangs an einer Drehmaschine arbeiten müssen, damit sie das, was sie in der Theorie erfahren haben, auch praktisch in der Umsetzung sehen. Es sind ja oft Bachelor-Absolventen, die Arbeiter etwa bei der Maschinenbedienung anleiten müssen, damit die dann auch das Produkt herstellen, das sie herstellen sollen.
Toll. Da engagiere ich eine Fachkraft von der Hochschule und muss sie noch anlernen. Warum sollte ein Unternehmen diese Mühe auf sich nehmen?
Ohne irakische Fachkräfte wird ein ausländisches Unternehmen auf lange Sicht nicht auskommen. Klar, deren Weiterbildung kostet Zeit und man muss deutsches Personal dafür abstellen. Aber ohne diese Mühe können Sie im Irak nicht landen. Und alle hochwertigen Posten mit Deutschen zu besetzen – das kann doch kein Unternehmen auf Dauer bezahlen.
Offenbar müssen Unternehmen die Defizite bei der universitären Ausbildung auffangen. Was müsste vordringlich geschehen, damit diese Ausbildung praxistauglicher wird?
Die Hochschulen brauchen die grundlegenden Gerätschaften. Wären sie vorhanden, würden die Lehrer auch praxisnäher unterrichten. Vor allem die älteren Hochschullehrer kennen das doch noch aus der Zeit vor dem Krieg.
Professor Jürgen Bast, Institut für Maschinenbau der TU Freiberg Professor Jürgen Bast (68) leitete bis September letzten Jahres das Institut für
Maschinenbau an der TU Bergakademie Freiberg. Bis heute verantwortet er im
DAAD- Hochschulpartnerschaftsprogramm mit dem Irak das Projekt „MEGI
–Mechanical Engineering Germany Iraq“. Gemeinsam mit der Technischen
Universität Bagdad und der Salahaddin-Universität in Erbil möchte er einen
länderübergreifenden Master-Studiengang für deutsche und irakische Studenten
einrichten. Bast hat Laborgeräte an die irakischen Hochschulen geliefert und an
seinem Institut diverse irakische Studenten und Professoren weitergebildet. Und er
hat sich immer wieder vor Ort sein eigenes Bild gemacht.
Haben die irakischen Autoritäten und Hochschulen das erkannt und schaffen Abhilfe?
Das ist nicht so einfach. Unsere Kooperationspartner jedenfalls sind sich der Mängel bewusst und bitten uns um Ausrüstung. Da wollen alle alles haben.
Jemanden um etwas zu bitten ist recht einfach…
Ja, aber die andere Seite ist die: Das Geld muss von den Ministerien bereitgestellt werden. Und da sehe ich eine Schwäche. Viel Geld fließt in die Weiterbildung im Ausland, auch für Studiengebühren. Aber es wird zuwenig getan, um die irakischen Hochschulen selbst adäquat auszurüsten, und sei es mit Kleingeräten wie einem Lichtmikroskop, damit man eine anständige Metallografie machen kann.
Haben Sie Einfluss auf solche Entscheidungen?
Wir liefern Geräte an die Universitäten und können nur hoffen, dass unserer Partner den Entscheidern in den Ministerien klar machen, dass es das ist, was sie brauchen. Und dass das bezahlt werden muss.
Internationale Kooperationen könnten helfen, die Ausbildung irakischer Hochschüler zu verbessern. Sie wollten zum Herbst diesen Jahres einen länderübergreifenden Masterstudiengang in „Mechanical Engineering“ für deutsche und irakische Studenten starten. Das mussten Sie nun verschieben – warum?
Die Sicherheitslage lässt manchen deutschen Professor zögern, in den Irak zu reisen. Vor allem aber passen irakische Studiengänge nicht so recht zu den deutschen, und das haben wir ein wenig unterschätzt. Bei Bachelor-Gängen ist es noch einfach – Mathematik, Physik, Wärmelehre, das ist auf der Welt überall gleich. Mastergänge aber sind spezialisierter, und im Irak gibt es andere Kombinationen. Wir versuchen das zurzeit zu bündeln und fokussieren uns auf Energietechnik. Antriebe, erneuerbare Energie – das spielt in beiden Ländern eine Rolle. Wenn die irakischen Ministerien diesen Studiengang absegnen und die Finanzierung gesichert ist, könnten wir vielleicht im nächsten Jahr die gemeinsame Ausbildung beginnen.
Was haben denn irakische Ministerien mit Studieninhalten zu schaffen?
Das läuft eben anders als bei uns. In Deutschland entscheiden die Hochschulen selbst über ihre Lehrpläne, im Irak sind es die Ministerien. Und das ist ein weiteres Problem - bei uns ist unklar, welches Ministerium zuständig ist. Das verzögert Entscheidungen.
An den irakischen Partnerhochschulen aber liegen die Verzögerungen nicht.
Nein. Die Zusammenarbeit läuft sehr professionell. Unsere Partner waren mehrfach in Freiberg, sie wissen, wie das hier läuft und was wir von ihnen erwarten. Ich habe auch einen langjährigen irakischen Mitarbeiter, der die Mentalität kennt und Forderungen bei Bedarf mit Nachdruck durchsetzt. Etwa bei unseren Laboren. Die müssen abgeschlossen sein, da darf nicht jeder Hinz und Kunz rein. Die Mentalität ist eigentlich: Was geht uns das an? Aber nein, das gibt`s nicht, und so ist nun der Dekan selbst dafür verantwortlich. Er hat die Schlüsselgewalt, und wenn das nicht klappt, holen wir die Geräte eben wieder ab. Und ganz bewusst haben wir im Irak ausgewiesene Techniker für den Unterhalt engagiert, und nicht etwa Studenten, die nach drei Jahren wieder weg sind. Oder Hochschullehrer, die das Labor eventuell als ihre persönliche Spielerei betrachten.
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Sie hatten mehrfach irakische Professoren zu Gast. Das sind ja nun diejenigen, die guten Nachwuchs ausbilden sollen. Welchen Eindruck haben sie bei Ihnen hinterlassen?
Die sind unglaublich wissbegierig. Sie graben sich durch die Bibliothek, wollen Labore und Werkstätten sehen. Hobeln, drehen, fräsen – all das gibt´s doch in der irakischen Hochschule nicht. Sie wollen erfahren, wie ein modernes Studium aussieht.
Das klingt engagiert, aber jeder Mensch hat Schwächen…
Das ist wieder die Technik. Sie lehren mitunter über Maschinen, die sie noch nie gesehen haben. Ihre Vorlesungen aber halten sie genau wie ihre Kollegen in Deutschland.
Nun ist Hochschullehre mehr als Vorlesungen zu halten. Es geht um Betreuung, Motivation, eine gute Lernatmosphäre.
Ja, und das ist noch nicht im rechten Maß gegeben. Die Studenten haben eine große Ehrfurcht vor dem Lehrkörper. Und der Lehrkörper legt darauf auch großen Wert. Man achtet auf Distanz, Besuchs- und Anwesenheitszeiten sind absolut festgeschrieben. Da kann keiner mal eben außer der Reihe an der Sekretärin vorbei zum Professor. Das ist nicht gerade hilfreich für ein Studium. Aber das wird sich ändern. Mitarbeiter aus dem Ausland oder Studierende mit Auslandserfahrung werden darauf drängen, und spätestens wenn mehr Forschung gemacht wird, ist das alte System nicht mehr zu halten. Denn es sind die jungen Leute, die die Forschungsarbeit machen, man muss mit ihnen zusammenarbeiten.
Welche Erfahrungen haben Sie denn mit diesen jungen Leuten gemacht?
Irakische Masterstudenten haben hier in Freiberg den experimentellen Teil ihres Studiums absolviert. Die kamen früh und gingen spät, waren wissbegierig wie ihre Professoren. Manchmal haben wir uns zwar gefragt, ob die jemals eine Schraube eingeschraubt haben, aber sie haben sich sehr schnell eingearbeitet. Und mitunter waren sie sogar besser als unsere deutschen Studenten. Wenn die Iraker mit der Praxis warmwerden, können sie ihr theoretisches Wissen sehr gut damit verbinden und neue Lösungen finden. Das ist bei deutschen Studenten nicht immer so ausgeprägt.
Aber was nützt den irakischen Studenten die praktische Ausbildung in Deutschland, wenn sie zuhause wieder eine quasi technikfreie Zone vorfinden?
Viele von ihnen gehen ja dann auch in die Ministerien, und wir haben die stille Hoffnung, dass mit ihrer Hilfe möglichst bald verstärkt in die eigene Hochschulausbildung im Irak investiert wird. Ich bin da zuversichtlich. Früher hatte ich Projekte in Algerien, da war es genauso.
Nun bilden technische Hochschulen nicht vorrangig für Ministerien aus, sondern für die Wirtschaft. Und kaum ein Iraker wird sich um ein gutes Studium bemühen, wenn er im Anschluss nicht auch einen guten Job findet. Gute akademische Ausbildung ist ohne einen guten Arbeitsmarkt langfristig nicht möglich. Stoßen wirklich gute Hochschulabsolventen im Irak überhaupt auf Resonanz?
Die ist durchaus durchwachsen, aber uns geht es darum, dass die Leute überhaupt Bildung haben. Sie müssen nicht direkt einen Job finden, der ganz eng ihrem Ausbildungsprofil entspricht. Ausgebildete Leute finden Arbeit, auch in kleinen Betrieben und im Handwerk. Und im Irak ist der Handel ganz wichtig, da kann man gute Geschäfte machen.
Aber eine Hochschule bildet nicht aus, nur damit ihre Absolventen später irgendwelche Sachen verscherbeln. Es geht doch auch um anspruchsvolle Tätigkeiten in der Industrie.
Natürlich. Das Problem ist nur, dass es im Irak noch viel zuwenig Industrie gibt. Da ist nicht die Abnehmermasse. Also gehen die Leute ins Ausland oder bleiben in Deutschland. Wir haben Kontakte zu Firmen im Irak geknüpft, und die stellen auch gern gute Absolventen ein. Aber es gibt einfach zuwenig Industrie.
Wie ließe sich das ändern?
Es müssten schlichtweg mehr Unternehmen gegründet werden, da ist es gut, dass sich zunehmend ausländische Unternehmen im Irak ansiedeln. Denkbar wäre auch, dass man die vielen kleinen, unproduktiven Firmen zusammenfasst und alles im größeren Maßstab macht, auch mit besseren Maschinen. Wenn sich die Leute von den Wirtschaftsfakultäten mit denen aus den Industriefächern zusammentun, müsste da doch was gehen.
Das ist allerdings auch eine Mentalitätsfrage, oder?
Klar. Aber wenn ich etwa als Wirtschaftsingenieur mein Wissen zielgerichtet einsetzen will, bietet sich eine Betriebsgründung in einem Entwicklungsland doch geradezu an.
Aber ist in Deutschland erworbenes Wissen im Irak überhaupt anwendbar? Innovationskultur, Sorgfalt – so etwas muss der Markt auch goutieren, Arbeitgeber müssen es ermöglichen.
Ich denke, all das ist insbesondere bei Neugründungen anwendbar. Wenn ich heute eine Firma gründe, kann ich die Regeln aufstellen. Und dann ist das eben so. Jenseits dessen ist ein entsprechendes Wirtschafts-Klima aber nur noch eine Frage der Zeit. Die Leute werden begreifen, welche Art zu arbeiten erfolgreich ist, und sie werden sich darauf einstellen. Das wird auch Einfluss haben auf die Hochschulausbildung.
Sie sagen, entsprechende irakische Fachkräfte sind zurzeit noch selten, aber es gibt sie durchaus.
Ja, und ein ausländisches Unternehmen wäre gut beraten, sich diese Absolventen frühzeitig zu sichern. Sie sind vielfältig einsetzbar. Genau zu wissen, wie sich der Kolben in einer bestimmten Maschine bewegt – darauf kommt es wirklich nicht an.
Foto: Spencer Platt/ Getty Images











