WPI-Workshop in Erbil: Let’s write about business!
07.06.2010  | Sven Recker   

Corporate and Social Responsibility / Bildung
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Von Enten, Karpfen und dem Problem mit den ganz hohen Tieren: Im kurdischen Erbil trafen sich irakische Journalisten zu einem einwöchigen Workshop mit deutschen Redakteuren der Wirtschaftsplattform Irak


Neulich schickte die irakische Nachrichtenagentur Aswat al-Iraq folgende Neuigkeit um die Welt: „Irak plant den Bau von 150 Millionen Wohneinheiten.“ Nun sind Wohnungen wirklich nötig im Irak – aber diese Nachricht war dann doch eine Spur zu optimistisch. Der Irak hat nur knapp 30 Millionen Einwohner. Wer nun wen mit der Fehlinformation versorgte und wie es die Ente letztendlich bis auf den Ticker der renommierten Nachrichtenagentur schaffte – das ließ sich im Nachhinein nur schwer recherchieren. Fakt war, die Falschmeldung war im Umlauf und wurde weiter und weiter verbreitet.

Das Phänomen, dass Journalisten unreflektiert voneinander abschreiben, ist zwar auch in Deutschland verbreitet, im Irak hat es jedoch ganz andere Ursachen. Es hat dort nichts zu tun mit Faulheit oder Kürzungen redaktioneller Etats, die eine sorgfältige und zeitaufwändige Recherche verhindern. Eines der großen Probleme irakischer Journalisten ist der Umgang mit Informationen: Wer sagt mir was? Wer verschweigt mir was? Und warum? Wer gibt mir Informationen unter dem Mantel der Verschwiegenheit und was fange ich damit an?

Insbesondere Wirtschaftsjournalisten hatten im Irak bis vor wenigen Jahren lediglich die Aufgabe, die Erfolge des Fünf-Jahres-Plans der Regierung zu veröffentlichen. Deswegen ist es nicht überraschend, dass sie so unsicher sind im Umgang mit den mehr oder weniger frei zugänglichen Informationen. Vor allem„Der Journalist ist noch immer das schwächste Glied in der Kette.“ irakische Ministerien betreiben auch heutzutage noch eine, positiv formuliert, äußerst defensive Öffentlichkeitsarbeit. Und wenn staatliche Stellen Informationen publizieren, dann oftmals widersprüchliche.

Was darf, was soll der Journalist da nur schreiben? Was ist die Wahrheit? Wie kommt er ihr näher? Klar, die auf Journalistenschulen gelehrte Weisheit, dass es drei Quellen braucht, um eine Nachricht zu speisen, gilt auch im Irak. Doch die Brunnen sind zu oft vergiftet.

„Auf die Juristen und Journalisten kommt es beim Wiederaufbau der irakischen Gesellschaft besonders an“, sagte der deutsche Generalkonsul Dr. Oliver Schnakenberg bei einem Hintergrundgespräch mit irakischen Korrespondenten der Wirtschaftsplattform Irak. Es war das passende Schlusswort einer Woche in Erbil, deren Ziel es war, den irakischen Kollegen ihre schwierige Aufgabe in Zukunft ein wenig zu erleichtern, ihnen Handwerkszeug mit auf den Weg zu geben für ihre Geschichten aus Basra, Bagdad, Nadschaf, Erbil oder Hilla.

Ob bei der Vertiefung der journalistischen Grundformen Nachricht, Kommentar, Interview und Reportage, ob beim Vortrag des taz-Redakteurs Martin Reichert über die deutsche Presselandschaft und die Sonderrolle seines Hauses darin – Ziel der Kurse war es, den zehn irakischen Kollegen Wege aufzuzeigen, wie sie sich als Journalisten auch unter widrigen Umständen ihre Unabhängigkeit bewahren können. Dabei mussten die deutschen Kollegen aber auch realisieren, wie schwer gerade das ist in einer noch immer stark von Kriegen zerrütteten Gesellschaft, in der laut dem Vorsitzenden des Journalistenverbandes Basra, Haider Al-Mansori „der Journalist noch immer das schwächste Glied in der Kette ist.“

Dennoch ist es den irakischen Korrespondenten der Wirtschaftsplattform Irak im vergangenen Jahr immer wieder gelungen, den deutschen Lesern neue Einblicke in die wirtschaftliche Dynamik des Standorts Irak zu geben. Insbesondere bei der abschließenden Themenkonferenz wurde klar, dass dem irakischen Wirtschaftsjournalismus beim Wiederaufbau eine Rolle mit Vorbildcharakter zukommt: Er muss Brücken bauen zwischen ausländischen Investoren und einheimischen Unternehmern, ohne sich dabei nicht vereinnahmen zu lassen, sprich: in die PR-Falle zu tappen. Denn wo im Irak Geld verdient wird, sind Probleme wie Bestechung und Vetternwirtschaft nicht weit.

Die irakischen WPI-Korrespondenten haben einen Weg gefunden, diesen Spagat zu meistern. Anstatt eindimensional über die Zukunft der Staatsbetriebe zu schreiben, schlug etwa die Bagdader Korrespondentin Mayada Dawoud vor, die Probleme im Irak mit Public Private Partnership anhand einer Softdrink-Firma zu erzählen. Ihre Kollegin Ibtisam Al-Khafaji aus Babil wird sich in den kommenden Wochen der Frage annehmen, warum der irakische Karpfen (gegrillt das irakische Nationalgericht Masgouf) noch lange einen amerikanischen Nachgeschmack haben wird. Kurz: Auch in Zukunft werden sie und ihre Kollegen für WPI sauber recherchierte Geschichten aus dem Irak erzählen, die ein anderes Bild vermitteln als das, das man in Deutschland aus den Nachrichten kennt. „Denn die Nachricht“, sagte Zuheir Al-Jazari, Gründer der Nachrichtenagentur Aswat al-Iraq bei seinem Vortrag vor den Korrespondenten der Wirtschaftsplattform Irak, „ist immer nur ein Teil der Geschichte.“

 

Foto: Faris Haram (WPI)