Corporate and Social Responsibility / Bildung
Bei der ersten WPI-Redaktionskonferenz in Erbil suchten irakische und deutsche Journalisten zwei Tage lang nach Geschichten. Und fanden auch dank einer Messe für Baumaschinen Stoff ohne Ende
Die Jungs von Baykal frästen an einer riesigen Maschine Teilchen im Miniaturformat, die syrischen Anzugträger von der Al-Haydar Group Palma priesen die Vorzüge ihrer Bagger und auch die Türken von Oz Fatihler Crane gaben alles: Sie verkauften Maschinen in Prinzessin-Lillifee-Pink und lagen damit bei der Erbiler Messe Machinex vollauf im Trend. Überall Maschinen zum Baggern, Bohren und Sägen, vorzugsweise in Gelb, grün, lila und alles schön knallig in Neon getunkt.
Mochte da draußen der Staub das Licht der frühlingshaften Sonne noch so sehr dimmen, in den Hallen der Erbil International Fair präsentierten sich die Messebesucher in der kurdischen Hauptstadt wie eine Horde Teenager auf Klassenfahrt: laut, bunt, ein wenig überdreht und irgendwie hektisch. Schon vor den Toren der Messe-Hallen umarmten und streichelten erwachsene Männer das Plakat eines Geländewagen-Herstellers und fotografierten sich dabei. Wie überhaupt die Disziplin des sich gegenseitig vor Messeständen zu fotografieren hier zur Kunstform erhoben wurde. Der Freund, der Sohn, der Nachbar wurde vor den neuesten Modellen von Nissan, Jaguar, Mercedes, Hyundai oder BMW eifrig ins Bild gesetzt, ein wahrer Gentleman filmte gar die eigene Frau beim Betrachten eines Videos von einem neongrünen Ding, das tonnenweise Müll zerschreddert. Es spritzt, es knallt und am Ende sieht man komischen Brei.
Erbil so scheint es, ist mitten in der Konsumgesellschaft angekommen. Und als ob es dafür noch eines Beweises bedurfte, berichtete der WPI-Korrespondent Laith Ahmad Hasan nach dem Besuch der Messe, dass die neugegründete Mercedes Niederlassung Erbil auf der Machinex zwei Fahrzeuge verkauft hat: eines für 80 000 Euro, das andere für 120 000 Euro. Über die Käufer erfuhr er trotz mehrmaligem Nachfragen nichts.
Die Spekulationen darüber, wer sich im Irak eine Luxuslimousine leisten kann und woher das Geld dafür stammt, war der perfekte Einstieg für die Themenkonferenz am Tag nach dem gemeinsamen Messebesuch. Acht irakische und zwei deutsche WPI-Mitarbeiter hatten sich vergangene Woche für drei Tage in Erbil getroffen, um gemeinsam neue Geschichten, Kommentare und Analysen für die Wirtschaftsplattform Irak zu erarbeiten.
Woher also hat ein Iraker 120 000 Euro für einen Benz? Aus Geschäften mit Öl? Aus dem Handel mit Baustoffen? Oder doch aus den Schmiergeld-Kanälen des Landes? Fragen, aus denen sich zwangsläufig neue Fragen ergeben: Gibt es Einkommensunterschiede zwischen Bagdad und Basra? Wie sicher ist der Dinar? Wird die Regierung Al-Maliki tatsächlich, wie versprochen, in 100 Tagen die Korruption bekämpft haben? Wie bekommt man die Lizenz für eine Mercedes-Niederlassung? Und was für ein Auto fährt eigentlich Otto Normalbürger im Irak? Aber vor allem: Taugen die Antworten für einen WPI-Artikel? Und wenn ja, welche journalistische Form eignet sich dafür am besten?
Ohne zu viel zu verraten: Die acht irakischen WPI-Korrespondenten aus allen Teilen des Iraks haben aus diesen Fragen Themen und Geschichten herausgearbeitet. In den kommenden Tagen werden sie recherchieren und schreiben. Für immer ein Geheimnis wird wohl nur eines bleiben: die ganz spezielle Erotik des Werbeplakate-Streichelns auf der Messe in Erbil.
Foto: ESSAM AL-SUDANI (AFP/Getty Images)











