Corporate and Social Responsibility / Transparenz
Deutsche Firmen erhalten Mails von offiziellen irakischen Stellen. Es geht darin um die Anbahnung von Millionen-Geschäften. Doch der Schein trügt. Die Geschichte eines Betrugs mit System
Wie so oft, wenn es um viel Geld und Betrug geht, fängt auch diesmal alles ganz harmlos an: Per Email bekommen zwei deutsche Unternehmer* unabhängig voneinander die Anfrage, ob sie ihre Produkte in den Irak liefern könnten. Für die mittelständischen Unternehmer ist die Frage nicht aus der Luft gegriffen. Aufträge im Ausland sind ihnen nicht fremd. Zudem scheinen die Absender der Email seriös, arbeiten angeblich für das irakische Planungs- und Entwicklungskooperationsministerium, vermitteln Aufträge für die Organisation „Joint Contracting Command – Iraq/Afghanistan“ (JCC I/A).
Millionenschwerer Auftrag der „Class A“
Die deutschen Unternehmer bekunden erst einmal Interesse. Es dauert nicht lange, da bekommen sie Antwort von einem Dr. Ghani beziehungsweise von einem Dr. Khan. Darin ein Fragenkatalog, der dazu dienen soll, die Seriosität des deutschen Unternehmens zu untermauern. Schließlich handele sich um einen millionenschweren Auftrag der „Class A“. Unter anderem steht darin die Frage: „Ist Ihr Unternehmen dazu bereit, den ursprünglichen Preis bei der Abgabe Ihrer Angebotsunterlagen an die JCC-I / A um zehn Prozent anzuheben und die zehn Prozent an uns privat zu zahlen, nachdem der Auftrag an Sie vergeben und die Zahlung für Ihr Unternehmen freigegeben wurde?“
In den Unterlagen, die WPI vorliegen, sollen die zu vergebenden Aufträge ein Volumen von 19,6 Millionen US-Dollar beziehungsweise 90,6 Millionen US-Dollar haben. Kein schlechtes Geschäft also: Die deutsche Firma bekommt ihren Auftrag, die irakischen Vermittler ihre Provision. Dr. Ghani erklärt das Prozedere per Mail so: „Wir sind in erster Linie an der Vergabe des Vertrages an den von uns ausgewählten internationalen Partner interessiert. Dies ist keine unzulässige Anfrage. Es handelt sich um eine normale Geschäftspraxis hier im Irak, vor allem seit das Wiederaufbau-Programm der Amerikaner begonnen hat. Haben Sie bitte dafür Verständnis, dass wir Sie um nichts Illegales bitten. Wir verlangen lediglich eine Ausgleichszahlung dafür, dass wir Ihrem Unternehmen dabei helfen, einen sehr lukrativen Vertrag zu gewinnen. Wir sind in der Lage, die Situation so zu beeinflussen, dass wir dafür sorgen können, welches Unternehmen den Auftrag gewinnt.“
Wer ist Dr. Ghani?
Man kann es auch kürzer sagen: Wer zahlt, kriegt den Auftrag. So wie es eben ist, bei Fällen von Korruption. Kein Wunder, dass auch einer der Unternehmer skeptisch wurde und bei der Deutschen Botschaft in Bagdad nach der Identität Dr. Ghanis fragte. Es stellt sich heraus, dass Dr. Jafar Abdel Ghani tatsächlich Leiter der Investitionsabteilung im Ministerium ist. Besser gesagt: Er war es. Dr. Ghani ist seit vier Jahren pensioniert. Ob nun Ghani oder jemand, der sich als Ghani ausgibt, die Mails schrieb, blieb offen.
Zur ThematikFalls Ihnen ähnliches passiert sein sollte, wenden Sie sich bitte an die Redaktion der Wirtschaftsplattform Irak: 030-4849 3020
Für Informationen über Verträge können Sie sich an die Deutsche Botschaft in Bagdad wenden:
Ahmed Al-Juburi (Wirtschaftssachbearbeiter): Tel: 00964-1 5431470, 00964-7813 75 86 30
Fax: 0049-30-500067071
E-Mail:
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Beide Unternehmer lassen sich dennoch auf das Angebot ein. Sie beantworten die Fragen und bekommen beide wieder die exakt gleiche Email. Daran angehängt, folgendes Dokument: „Bitte behandeln Sie dieses Geschäft sehr vertraulich, da es einige andere hohe Regierungsbeamte gibt, die den Vertrag an chinesische Unternehmen vergeben wollen. Ich habe die Unterstützung des ehemaligen Finanzministers des Irak, Herrn Kamil Al-Gailaini. Er hat mir versprochen, mir bei dem Vertrag mit Ihnen zu helfen, weil ich ihm gesagt habe, dass Sie mein Freund seien. Also halten Sie sich in diesem Geschäft bitte stets an meinen Rat.“ Al-Gailaini war Finanzminister des Irak. Aber auch hier bleibt unklar, ob es sich tatsächlich um ihn handelt. Schließlich schlägt Ghani vor, persönlich zum Vertragsabschluss nach Deutschland zu kommen. Im Anhang der Email befindet sich eine Art Vorvertrag, der genaue Zahlungsfristen und weitere Regeln enthält. Die Papiere sehen seriös aus. Doch dann kommt eine weitere Email von Ghani. Leider könne er aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Deutschland kommen. In den Dokumenten taucht zum ersten Mal ein weiterer Name auf: Chris Murthi.
Angebliche Geschäfte unter Freunden
Was folgt sind Mails und Telefonate über die Produkte und die Zahlungsmodalitäten. Dann erreicht beide Unternehmen eine Mail, angeblich gesendet von Usman Fayeed aus dem irakischen Finanzministerium: „Wir haben einige Male vergeblich versucht, Ihnen Ihren Vertrag und die Zahlungsrichtlinien per Fax zukommen zu lassen. Wahrscheinlich liegt das an der schlechten Verbindung zwischen Bagdad und Ihrem Land. Deshalb finden Sie anbei die Dokumente. Wir raten Ihnen, die darin enthaltenen Anweisungen zu beachten, um die Bereitstellung der Gelder aufrecht zu halten. Diese Bereitstellungsfrist endet in einer Woche, wenn Sie nichts unternehmen. Es war uns aufgefallen, dass einige wichtige Dokumente fehlen, die Sie bitte dem Zahlungskoordinator vor Unterzeichnung des Vertrages zukommen lassen.“ Der Name des Zahlungskoordinators: Chris Murthi.
Laut dem Kontaktmann Ghani sei Chris Murthi ein erfahrener Zahlungskoordinator, der schon früher für US-amerikanische Geschäftsfreunde des irakischen Finanzministers Al-Gailaini Zahlungen geregelt habe. Außerdem sei er ein persönlicher Freund Al-Gailainis.
Bald darauf schickt Chris Murthi an beide Unternehmer eine Mail, die Ihnen die Zahlungsmodalitäten erklären sollen. Unter anderem heißt es darin: Da europäische Banken im Hinblick auf Zahlungen aus dem Irak Sicherheiten wollen, müsse entweder die Firma im Irak registriert sein und dort über ein Konto verfügen.
Oder es gebe Möglichkeit Nummer zwei: Nach der müsse eine temporäre Bürgschaft für das Geschäft über das spanische Justizministerium in Valencia gezahlt werden. Das spanische Ministerium würde lediglich ein Prozent der Zahlung als Gebühr einbehalten. Das Minimum der Bürgschaft liege bei 100.000 Euro.
Die deutschen Unternehmer werden skeptisch
Murthi empfiehlt die Option Nummer zwei. Dazu müsse allerdings vorher ein Konto bei der Bank Bankaja Eurocapital Finance A.S. eröffnet werden und dort die Bürgschaft in Höhe von mindestens 100.000 Euro eingezahlt werden. Des Weiteren empfiehlt er, dass man sich vorher privat in einem Hotel treffe, um danach das Konto gemeinsam zu eröffnen. Schließlich müsse noch eine Gebühr an das irakische Handelsministerium in Höhe von 1.600 Euro und eine weitere Gebühr in Höhe von 18.800 Euro an das spanische Justizministerium gezahlt werden.
Die deutschen Unternehmer werden immer skeptischer. Sie warten ab. Einer der beiden stellt Recherchen über die spanische Bank und Murthi an – ohne Ergebnis. Kurz bevor die Frist für die Freigabe der Gelder verstrichen ist, erhalten beide wiederum die gleiche Email – diesmal eine angeblich automatisch erstellte Nachricht der spanischen Bank, in der die Verlängerung der Frist angekündigt wird. Hier haben die Betrüger unsauber gearbeitet: Nicht nur der Text ist exakt der gleiche, sondern auch der genannte Betrag: 90,6 Millionen US-Dollar. Zur Erinnerung: Nur bei einem der zwei Unternehmen hatte der Auftrag dieses Volumen. Bei dem zweiten lag es lediglich bei 19,6 Millionen US-Dollar.
„Wir verlangen lediglich eine Ausgleichszahlung“
Der Unternehmer, der den kleineren Auftrag hätte erhalten sollen, fordert umgehend, ihm sämtliche Unterlagen per Post zukommen zu lassen. Außerdem lässt er die vermeintlichen Geschäftspartner wissen, dass er hinter dem ganzen Deal einen Betrugsversuch vermute. Es folgen die letzten Emails von Murthi und Ghanis. Darin reagieren sie verständnislos auf die Bitte, Unterlagen per Post zu versenden, da schon so viel Zeit und Mühe in das Geschäft investiert wurde. Dennoch beeilen sie sich, den Kontakt zu beenden.
Plötzlich läuft der Deal in Spanien
Aus der Sicht des zweiten Unternehmers gab es nach wie vor keine eindeutigen Indizien, die seine Zweifel bestätigen. Die Summe in der Email der spanischen Bank war korrekt, die Dokumente sahen seriös aus. Er informiert sich noch einmal bei Murthi, was genau er zu zahlen habe. Der antwortet umgehend und schlüsselt die Zahlungen auf: 100.000 Euros für die temporäre Bürgschaft, 1.600 Euros Gebühr ans irakische Handelsministerium, 18.800 Euros Gebühr ans spanische Justizministerium. Und er fordert den Unternehmer auf, sich zu beeilen, weil er bald für einen großen Auftrag in dreistelliger Millionenhöhe mit Exxon in die USA reisen müsse.
Der deutsche Geschäftsmann möchte sich auf die Zahlung der Bürgschaft nicht einlassen und teilt deshalb Dr. Ghani mit, dass er das Geld nicht habe. Großzügig lässt Ghani ihn wissen, dass er und seine Kollegen die Bürgschaft übernehmen können – es bleibe also nur noch die Zahlung der Gebühren in Höhe von insgesamt 20.400 Euro.
Doch dem Deutschen ist das Geschäft noch immer nicht geheuer. Um alle Zweifel zu beseitigen, wendet er sich an die Deutsche Botschaft in Bagdad, um die Verträge überprüfen zu lassen. Außerdem schickt er die vermeintlichen Dokumente des ‚Joint Contracting Command Iraq / Afghanistan‘ zur Überprüfung an die US-amerikanische Investitions- und Wiederaufbaubehörde im Irak. Die Antwort der Deutschen Botschaft lautet: „Beiliegender Vertrag ist gefälscht. Auch die in den anderen E-Mails angehängten Anlagen. Das irakische Finanzministerium bittet normalerweise um Übermittlung von Informationen über diejenigen, die hinter solchen unechten Verträgen stehen, damit sie juristisch verfolgt werden könnten! Bitte also nicht unterzeichnen!“ Auch die US-amerikanische Stelle lässt den Geschäftsmann wissen, dass die Dokumente nicht echt sind.
Auch der zweite deutsche Unternehmer bricht daraufhin umgehend den insgesamt einen Monat dauernden Kontakt mit Ghani, Murthi & Co. ab. Es ist vorbei. Bis es wieder einmal im Email-Programm eines deutschen Unternehmers heißt: „Sie haben Post.“
*auf Bitten der Unternehmer behandelt WPI ihren Fall anonym
Foto: Brent Stirton (Getty Images)














