Trickbetrug: Die Diebe von Bagdad
08.02.2011  | Protokoll: Lilli Oberndorfer   

Corporate and Social Responsibility / Transparenz
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Wo Licht ist, ist bekanntermaßen auch Schatten: Die boomende Wirtschaft im Irak zieht immer mehr Betrüger an, die gezielt deutsche Unternehmen ansprechen. Der deutsch-irakische Geschäftsmann Maher Zellner erklärt, worauf man achten muss, um nicht zum Opfer zu werden


Konrad Schmidt* aus einer Kleinstadt in Bayern wunderte sich nicht schlecht, als im Juni vergangenen Jahres ein Millionenauftrag aus dem Irak für sein mittelständisches Unternehmen auf seinem Schreibtisch landete. Das irakische Finanzministerium wollte per E-Mail Waren im Wert von mehreren Millionen US-Dollar bestellen – für die Firma wäre das der größte Auftrag der Unternehmensgeschichte gewesen.

Doch nach der ersten Freude über den unverhofften Deal kam Konrad Schmidt die Sache spanisch vor. Besonders, als die angeblichen Beamten für ihre „Vermittlung“ dieses Großauftrages einige Prozente des Auftragsvolumens in Vorkasse haben wollten und die Geldübergabe in Spanien stattfinden sollte. Die Vermittler drängten, wollten das Geld schon in ein paar Tagen haben. Schmidt wurde hellhörig und recherchierte. Es stellte sich heraus, dass er beinahe Opfer von Betrügern geworden wäre. Der Gang zur örtlichen Polizeidienststelle brachte kein befriedigendes Resultat; der vorgeschriebene Dienstweg erwies sich als zu behäbig, um die angeblichen Geschäftspartner im Ausland schnell dingfest zu machen.

Immer häufiger erhalten deutsche Unternehmen Emails und Schreiben von vermeintlich irakischen Adressaten, in denen lukrative Geschäfte angeboten werden. Sie sind meistens verlockend genug, um Begehrlichkeiten zu wecken. Der Empfänger träumt von satten Gewinnen, wird aber am Ende selbst abgezockt.


Wie erkennt man unseriöse Angebote? In welchen Fällen sollte man zumindest vorsichtig sein?

1. Millionen-Aufträge von irakischen Ministerien
Ministerien oder andere seriös wirkende Institutionen im Irak „bestellen“ direkt und exklusiv sehr große Mengen an Produkten bei den Unternehmen, ohne zuvor mit diesen in Kontakt gewesen zu sein.

2. Exklusive Vergabe von Ausschreibungen
Vermeintliche Mitarbeiter irakischer Institutionen behaupten, durch ihre guten Kontakte zu Ministern Einfluss auf Ausschreibungen nehmen zu können. Sie präsentieren fingierte Ausschreibungen und versprechen dem Unternehmer, ihm die Aufträge zuzuschanzen  natürlich gegen eine „Vermittlungsgebühr“. Selbst wenn es sich hier um echte Geschäfte handeln würde, liefe solch eine Praxis unter Korruption.

3. Exklusiv-Dienstleistungen in kürzester Zeit
Es wird versprochen, innerhalb weniger Tage eine ausländische Firma im Irak registrieren oder dort ein Tochterunternehmen gründen zu können. Die Betrüger verlangen hohe Provisionen und Honorare von den geköderten Unternehmen. Dabei unterschlagen sie, dass es auch im Irak Gesetze und Dienstwege gibt, die genau eingehalten werden müssen und Zeit brauchen.

Mehr zum ThemaAufträge: Vorsicht krumme Dinger!Kontaktbörse: Vorsicht Nebelgefahr!Firmenregistrierung im Irak: So wird's gemacht

4. Klassischer Vorschuss-Betrug
Beim Vorschuss-Betrug nach dem Vorbild der so genannten „Nigeria-Connection“ sind eher Privatpersonen als Unternehmen im Fokus. Ihnen werden in Anschreiben große Gewinne in Aussicht gestellt, die sie aber erst nach einer finanziellen Vorleistung erhalten können. Die angeblichen Geschäftspartner erfinden immer neue Gründe, warum vorab etwas gezahlt werden sollte; die versprochene Gegenleistung erbringen sie nie. Aber sie locken geschickt: beispielsweise mit angeblichem Diebesgut aus dem irakischen Nationalmuseum wie etwa babylonischen Sakralgegenständen. Oder einem angeblich echten Van Gogh für nur 100.000 Euro, der im Besitz Saddam Husseins gewesen sein soll. In einer anderen Variante stellen sie dem Opfer großzügige Vergütungen in Aussicht, wenn er ein Konto bereitstellt, um „illegale Gelder“ aus dem Irak oder Kapital der ehemaligen Herrscherfamilie am Fiskus vorbei zu schleusen. Hier kommt zur finanziellen Abzocke möglicherweise noch der Tatbestand der Geldwäsche.


Acht Anhaltspunkte, die Sie alarmieren sollten:

1. Der Adressat wird gezielt angesprochen
Dem Empfänger flattern vermeintlich lukrative Angebote aus dem Nichts heraus und ohne jegliches Zutun in den Posteingang.

2. Schlechte Übersetzungen
Die Texte sind in schlechtem Englisch geschrieben, manchmal auch in holprigem Deutsch. Vermutlich übersetzen die Absender sie mit Hilfe von Computerprogrammen, was den Text entsprechend rätselhaft macht, wie folgendes Beispiel zeigt:
„...In Anerkennung Ihrer Unterstützung, habe ich den Austausch-Verhältnis für diese Transaktion gearbeitet wie folgt: 70% für meine Investitionen in Ihrem Land unter Ihrer Aufsicht und Richtungen, 20% für Ihre Mühe [Hilfe und Unterstützung] andshall beiseite 10% für aller Nebenkosten.“

3. Hohe Angebotssummen und Gewinnversprechen
Die angebotenen Summen sind ungewöhnlich hoch, sie bewegen sich häufig im Millionenbereich, wie in folgendem Beispiel:
„Ich brauche einen ehrlichen Ausländer, der mir hilft, US $ 35,5 Millionen, die mir mein verstorbener Vater hinterlassen hat, auf ein ausländisches Konto zu transferieren. Diese Transaktion ist völlig legal und Ihr Anteil für Ihre Hilfe von 20% können Sie dem Gesamtbetrag entnehmen...“

4. Seriös klingende Absender
Das Angebot scheint dem Absender nach von staatlichen Institutionen oder bekannten seriösen Akteuren zu kommen: von der Investitions- und Wiederaufbaubehörde der US Armee im Irak, der Wiederaufbaubehörde der Vereinten Nationen UN im Irak, irakischen Ministerien oder auch der Nationalen Investitionskommission. Die Briefköpfe und Stempel sind für den Laien nicht vom Original zu unterscheiden.
Um weiteres Vertrauen zu erwecken, arbeiten die Betrüger teilweise zusätzlich mit Namen von ehemaligen hochrangigen Beamten und sogar Ministern. Ob diese Personen mit den Betrügereien zu tun haben oder ob ihre Namen dafür missbraucht werden, ist unklar. Wahrscheinlicher ist, dass die Namen gezielt genutzt werden, um Seriosität zu vermitteln.

Zur PersonMaher Zellner ist Berater und Vermittler für die Bagdader Firma Mesopotamia for Contracting and General Trading. Sie unterstützt deutsche Firmen bei der Geschäftsanbahnung im Irak und bietet weitere Dienstleistungen, unter anderem in den Bereichen Sicherheit, Messepräsentation, Administratives und Bauprojektabwicklung. Maher Zellner, der 1979 in Bagdad geboren wurde, studierte Maschinenbau an der Universität Bagdad, bevor er im Jahr 2000 nach Deutschland kam. Zellner wohnt mit seiner deutschen Frau und seinem Sohn in München. Neben der deutschen besitzt er auch die irakische Staatsangehörigkeit.

5. Geheimhaltung
Der vermeintliche Geschäftspartner versucht zunächst, über die angebliche Exklusivität des Geschäftes Vertrauen aufzubauen. Er bittet um Stillschweigen – nur so soll die Traumrendite überhaupt erst erreicht werden können. Die beiden „Geschäftspartner“ teilen ein Geheimnis - das isoliert das Opfer von Dritten. Denn die Geheimhaltung nützt natürlich in erster Linie dem Betrüger. Je weniger über das Geschäft bekannt wird, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass das potentielle Opfer Informationen einholt oder gewarnt werden kann.

6. Komplizierte Zahlungsmodalitäten sind Kostenfallen
Ist der Angeschriebene auf ein Geschäft eingegangen, kann es passieren, dass der vermeintliche Geschäftspartner plötzlich Vorauszahlungen, Provisionen, temporäre Bürgschaften, Honorare oder Registrier- und Anwaltsgebühren verlangt. Jede Forderung wird mit neu auftretenden Problemen begründet. Dabei sind die Zahlungsgründe frei erfunden. Um zu beschwichtigen, verweisen die Gauner auf die große Gewinnsumme, im Verhältnis zu der die Gebühren eine zu verschmerzende Investition seien.

7. Eile
Der vermeintliche Geschäftspartner benennt sehr kurze Fristen für den Geschäftsabschluss. Sie seien unbedingt einzuhalten, andernfalls sei die Chance unwiederbringlich verloren. Dem potentiellen Opfer soll die Zeit genommen werden, Informationen über das Angebot oder den irakischen Geschäftspartner einzuholen, der künstlich aufgebaute Zeitdruck soll ihn zu übereilten Handlungen verleiten.

8. Zahlungen über Bankverbindungen in Drittländern
Geht der Unternehmer auf die Vorschuss-Forderungen ein, wird er aufgefordert, Beträge an Bankinstitute im Ausland zu überweisen. In mehreren Fällen wurden beispielsweise Banken in Spanien dafür genutzt. Allein die Sprachbarriere spielt den Betrügern in die Hände, sie verwirrt und macht das Geschäft schwer nachvollziehbar. Außerdem greift im anderen Land das deutsche Bankenrecht nicht, die Strafverfolgung wird damit erschwert.

Wer sind die Hintermänner?

Ist es die „Nigeria-Connection“? Sind es Iraker? Eine genaue Antwort ist nicht einfach. Die Betrüger gehen ziemlich geschickt vor und sind, falls ein Opfer Verdacht schöpft, sofort von der Bildfläche verschwunden. Sie hinterlassen kaum Spuren. Bis jetzt wurde noch kein Betrüger der „Iraq-Connection“ gefasst oder verurteilt. Das Agieren per E-Mail, Internet und über mehrere Landesgrenzen hinweg macht es der Polizei schwer, der Täter habhaft zu werden.

Wegen der unterschiedlichen Geschichten und Maschen stecken vermutlich verschiedene Drahtzieher dahinter. Ihnen gemeinsam ist, dass sie arabisch können und sich im Irak auskennen. Nicht alle sind Profis: Auch Glücksritter finden sich unter ihnen, die glauben, eine vermeintliche Geldquelle entdeckt zu haben. Für den Empfänger kann das nicht weniger gefährlich sein.

 

*Name wurde von der WPI-Redaktion geändert

 

Foto: Jeff Hutchens (Edit by Getty Images)