Investieren: Schnee von gestern
14.09.2009  | Faris Harram   

Investieren / Region
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Es waren einmal ein paar irakische Brüder, die verkauften mit Schweizer Startkapital Eis in der Wüste. Lange war das ein prima Geschäft. Doch dann kam der Aufschwung


Der Autohändler Madschid Saleh hat noch nie gerne schlechte Geschäfte gemacht. Nicht im Jahr 1980, als er in der Schweiz seinen Gebrauchtwagenhandel eröffnete, nicht in den Neunzigern, als er von der Schweiz aus begann, seine Familie im Irak finanziell zu unterstützten. Doch das damalige Embargo der Vereinten Nationen dauerte einfach zu lang. Das Geld, das er seiner Familie schickte, schmolz dahin wie Eis in der Wüste und Madschid Saleh begann zu merken, dass mit dieser Art von Unterstützung weder ihm noch seiner Familie geholfen war. Was er und seine Familie brauchten, war ein nachhaltiges Projekt, ein Entwicklungshilfeprogramm im Kleinen. Madschid Saleh sagte zu seinen Brüdern: „Denkt euch was aus.“

Sein älterer Bruder Tawfeeq erinnert sich noch gut daran, wie damals im Jahr 2001 alles begann: „Madschid wollte knapp 200.000 Dollar investieren, hatte aber keine Ahnung, was man hier im Irak damit machen könnte. Er hat uns daher die Freiheit gelassen zu entscheiden, welche Art von Geschäft wir aufziehen wollen.“ Auch der heute 64-jährige Tawfeeq war damals noch alles andere als ein erfahrener Geschäftsmann. Er war Sozialkundelehrer und seit 1991 im Ruhestand. „Wir haben uns zuallererst in aller Ruhe die wirtschaftliche Situation in unserer Heimatstadt Diwaniya angeschaut“, sagt Tawfeeq Saleh, „und kamen dabei zu dem Schluss: Was Diwaniya fehlt, ist eine Fabrik, die Eisblöcke herstellt.“

Aufbau der Al-Hasnawi-Fabrik

Genau genommen fehlte Diwaniya im Südirak viel mehr als nur Eis. Wie fast allen anderen Städten des Irak fehlt es Diwaniya an Strom. Im Sommer wird die Stadt oft nur für zwei Stunden pro Tag mit Elektrizität versorgt. Diese Zeitspanne reicht nicht einmal aus um eine kleine Flasche Wasser im Gefrierschrank zu kühlen. Bei durchschnittlichen Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius stellt der Sommer ohne ausreichend Strom für Kühlschrank, Klimaanlage oder Ventilator für die Iraker eine enorme Belastung dar. Industriell hergestellte Eisblöcke sind daher im Irak eine Alternative zu Kühlschrank und Klimaanlage.

Eis statt Strom

Mahdi Saleh, der zweitälteste Bruder Madschids, erinnert sich noch gut an die ersten Tage nach der Eröffnung ihrer Fabrik im Sommer 2002: „Hunderte Leute drängten sich vor der Fabrik, um Eis zu kaufen. Meist haben wir pro Tag 1000 Eisblöcke verkauft, manchmal auch mehr. Aber die höchste Verkaufsquote erzielten wir in den Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner 2003. Damals war das Stromnetz praktisch komplett zusammengebrochen.“

Kein Wunder, dass die Anlage, die sich auf einer Fläche von 1.000 Quadratmetern im staatlichen Industriegebiet von Diwaniya erstreckt, und die Madschids Brüder nach dem Namen ihres Clans „Al-Hasnawi-Fabrik“ nennen, schon bald Konkurrenz bekam. Auch andere Geschäftsleute erkannten, dass sich aus Eis Geld machen lässt und eröffneten weitere Fabriken. „Selbst wir waren damals ja nicht die ersten, die auf die Idee mit dem Eis gekommen sind“, sagt Tawfeeq, „es gab zuvor schon eine Eisfabrik. Wie es der Zufall will, stammte das Kapital von einer Irakerin, die in Frankreich lebt. Denn unsere Stadt war arm. Wir alle waren von Investoren aus dem Ausland abhängig.“

Doch je besser es im Laufe der vergangenen Jahre Diwaniya und dem Irak ging, desto schlechter ging es der Hasnawi-Eisfabrik. Lange war sie ein Spiegel dafür, wie Investitionen die Bedürfnisse befriedigen können und der Irak von ausländischem Kapital profitiert. Gleichzeitig wird aber an ihrem Beispiel ersichtlich, dass ein Projekt, das in Zeiten des Mangels ein Erfolg war, nicht zwangsläufig auch in Zeiten des Aufschwungs funktioniert.

Die Geschäftsidee basierte auf dem Fehlen von Strom und hatte zudem einen saisonalen Charakter: Während die Hasnawi-Fabrik in den sieben Monaten zwischen April und Oktober auf Hochtouren läuft, steht sie für den Rest des Jahres vollkommen still und wird im Winter lediglich gewartet. Und natürlich: Je mehr Haushalte mit Strom versorgt werden, desto weniger Menschen kaufen Eis bei der Hasnawi-Fabrik.

Auf zu neuen Ufern

Mahdi Saleh sagt zwar, dass die Anlage bereits ihre wirtschaftliche Situation verbessert hätte. Doch selbst er gibt zu, dass das das Ende der Fabrik ganz allmählich abzusehen ist. „Leider sehen wir mittlerweile die Fabrik als ein Projekt an, das unsere Hoffnungen und ehrgeizigen Ziele nicht in vollem Umfang erfüllen kann. Im Moment deckt das Geschäft kaum die Kosten für Rohstoffe und Löhne der Arbeiter.“

Zudem stellt sich ein rechtliches Problem: Die irakischen Gesetze aus der Zeit vor 2003, die heute noch in Kraft sind, verbieten Mehdi Saleh und seinen Brüdern, auf dem Gelände der Eisfabrik in ein anderes Projekt zu investieren. Denn das Land ist rechtlich immer noch im Besitz der Regierung – ein Erbe der sozialistischen Wirtschaft im Irak. Bis neue Gesetze die Marktwirtschaft bringen, wird es noch dauern. Doch die Brüder geben nicht auf, planen schon jetzt neue Projekte und versuchen sich den neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten anzupassen. Heute gilt ihr Augenmerk Immobilien- und Bauprojekten, Lebensmittelgeschäften und Einkaufszentren.

Und natürlich hoffen sie, dass sie auch dafür ihren Bruder in der Schweiz gewinnen können. Warum auch nicht? Aus Tawfeeq, dem ehemaligen Sozialkundelehrer, ist längst ein erfahrener Geschäftsmann geworden, der heute wie selbstverständlich über Wirtschaftlichkeitsstudien referiert: „Schon bei der Eisblockfabrik haben wir uns erst nach einer Studie für das Projekt entschieden. Vielleicht führt uns heute eine neue Studie zu einem Wirtschaftszweig, der nachhaltiger für die Gemeinschaft ist. Und profitabler für uns.“ Kurz: Die Brüder sind mal wieder auf der Suche nach einem guten Geschäft.

 

Foto: Sabah Arar (Stringer/AFP/Getty Images), Faris Harram (WPI)