Müllschlucker
06.12.2011  | Waheed Ghanim   

Investieren / Region
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Die südirakische Stadt Basra erstickt im Abfall. Die Stadt und die Entsorgungsfirma streiten über Vertragsklauseln, die Müllmänner werden schlecht bezahlt, ihre Arbeitsbedingungen sind hart. Nun wird der Auftrag neu ausgeschrieben


Im Schatten eines schicken Einkaufszentrums in Basra sucht Athir Kassim mit seinen Arbeitskollegen nach einer Brise frischer Luft. Die über 40 Grad heiße, schwüle Luft macht den Müllmännern zu schaffen. Und dabei haben sie erst zwei Straßen fertig geräumt. Und in den nächsten warten Berge von Müll – das scheint nicht gerade ein leichter Arbeitstag zu werden. „Und das bei feuchtem Ostwind, furchtbar“, sagt der 25 jährige Athir Kassim. Seit über zwei Jahren arbeitet der Industriefachmann als Müllmann. Zuerst als Tagelöhner bei den Stadtwerken in Basra, anschließend bei Civre, einem türkischen Unternehmen, das vor etwa einem Jahr die Konzession für die Müllabfuhr in der zweitgrößten Stadt des Iraks bekommen hat.

Die Provinz Basra verfügt über das größte Ölvorkommen des Landes. Dennoch gilt Basra mit drei Millionen Einwohnern als eine der ärmsten Regionen im Irak. Die Infrastruktur ist heruntergekommen. Nur wenige Straßen sind asphaltiert. Laut offiziellen Angaben können lediglich 40 Prozent des Abwassers in die vorhandenen Kanäle abgeführt werden. Die Projekte zum Wiederaufbau der Region kommen dem Bedarf seit dem Sturz von Saddam Hussein 2003 nicht hinterher. Zu groß sind häufig die bürokratischen Hürden, zu verbreitet Korruption und Vetternwirtschaft, erklärt Akil al-Khalidi, Mitglied im Stadtrat von Basra. Und so gibt es auch kein funktionierendes Entsorgungssystem für die 30 Tonnen Abfall, die täglich in der Stadt produziert werden. Das Meiste bleibt in den Straßen, Gassen und Parks der Stadt liegen. Bis Athir Kassim und seine 3.000 Kollegen das Ganze wegräumen.

„Der Stadtrat wurde vor vollendeten Tatsachen gestellt. Keiner hatte die Vertragsbedingungen gesehen, bevor es zum Deal kam.“

Die Stadtverwaltung wollte das Müllproblem lösen. Sie schloss 2003 mit einem kuwaitischen Unternehmen einen Vertrag ab. Drei Jahre später musste die Firma ihre Arbeit niederlegen und Basra verlassen. Wegen des zweiten Golfkriegs hätten viele Iraker Hass gegenüber Kuwait empfunden, erzählt Stadtrat al-Khalidi. Erst 2010 konnte die Stadtverwaltung mt Civre einen neuen Abfallentsorger finden. Doch schon bei Vertragsabschluss zwischen den zuständigen Behörden und Civre habe man die Gesetze missachtet, sagt Stadtrat al-Khalidi. „Der Stadtrat wurde vor vollendeten Tatsachen gestellt. Keiner hatte die Vertragsbedingungen gesehen, bevor es zum Deal kam.“

Für Athir Kassim und seine Kollegen fingen damit die Probleme erst an. Bei den Stadtwerken habe er umgerechnet sieben US-Dollar pro Tag bekommen, sagt er. Als einer der ersten festen Mitarbeiter von Civre sollte Athir Kassim mehr verdienen – etwa 12 US-Dollar pro Tag habe man ihm versprochen. Doch als die Stadtwerke Civre zwangen, allen 3.000 Beschäftigten, die bisher in der Müllentsorgung gearbeitet hatten, einen Arbeitsplatz zu sichern, mussten die türkischen Manager die Löhne massiv kürzen. Um ökonomisch arbeiten zu können, brauche Civre lediglich 500 Arbeitskräfte, hieß es aus der Unternehmensleitung. Das sei noch nicht alles gewesen, erzählt Athir Kassim. Es sei auch zu Verzögerungen bei der Auszahlung des Lohnes gekommen– die Stadt und Civre hätten sich über verschiedene Vertragsklauseln nicht einigen können. „Jede Seite schiebt die Schuld auf die andere“, sagt Athir Kassim, der eine kranke Schwester ernähren und die Ausbildung seines jüngeren Bruders finanzieren muss.

„Wir sind mit Schwierigkeiten politischer Natur konfrontiert worden“, rechtfertigt sich Mustafa Darmasch Fandakdschi, der Geschäftsführer von Civre in Basra. In einer Villa in Abou Khassib, einem Nobelviertel unweit der Innenstadt von Basra, sind die Büroräume der türkischen Firma. Die Straßen sind sauber, von der stickigen Luft der Innenstadt keine Spur. Hier sorgen private Unternehmen für die Sicherheit von Einwohnern und Mitarbeitern der ausländischen Konsulate, die in dem Viertel ansässig sind.

Die Verantwortlichen, die für Probleme sorgen, will Fandakschi nicht namentlich nennen. Stattdessen erzählt er von den hohen Kosten, die seine Firma in Basra aufbringen musste, um überhaupt arbeiten zu können. „Wir haben über 3.000 Müllcontainer angeschafft und Ingenieure aus der Türkei nach Basra geholt. Anders hätten wir den Müll nicht beseitigen können, der sich im Laufe der Jahre in der Stadt angesammelt hatte.“ Nach einer kurzen Denkpause fügt er hinzu: „Wir arbeiten erfolgreich in über 40 Städte in der Türkei. Nie wurden wir mit solchen Problemen konfrontiert.“

Eins dieser Probleme seien die Strafzahlungen, die das Unternehmen aufbringen musste. Altmetall und weiterer Elektromüll hätte Civre bei der Stadtverwaltung abliefern müssen, lautete die Begründung der Behörden. Weder Fandakschi noch Stadtrat al-Khalidi können dem Vertrag eine solche Klausel entnehmen. Das Unternehmen wurde zu weiteren Strafzahlungen verdonnert, weil es angeblich auch bei der Reinigung von Flüssen und bei der Müllverbrennung Vertragsklauseln verletzt habe. Näheres unbekannt. Al-Khalidi vermutet hinter all dem eine Strategie. „Vielleicht wollten einige Beamte, dass ein anderes Unternehmen den Auftrag erhält, das ihnen nahe steht.“

Der Stadtverwaltung in Basra seien diese Probleme bewusst, heißt es aus dem Pressebüro. Deshalb wolle man bei der nächsten Vergabe transparenter vorgehen und die Vertragsbedingungen klarer ausarbeiten. Nach Ablauf des Vertrags mit Civre erwartet die reiche Stadt Basra neue Bewerber. Sie will unentgeltlich neue Grundstücke für den Bau von neuen Recyclinganlagen zur Verfügung stellen.

Civre will sich wieder bewerben. Der Geschäftsführer Fandakschi: „Wir können sehr viel realisieren in Basra. Wir wollen Recyclinganlagen bauen und Dünger sowie Strom aus dem Abfall erzeugen.“ Er hofft auf mehr Transparenz in dem Umgang der irakischen Behörden und verspricht sich gute Geschäfte in dem wachsenden Markt im Irak. Auch Athir Kassim hofft auf eine baldige Besserung der Zustände in seinem Land. Auch er will bei Civre bleiben – derzeit seine einzige Möglichkeit, seine Familie zu ernähren.

 

Foto: ESSAM AL-SUDANI (AFP/Getty Images)