Profifußball: Joghurt vor, noch ein Tor!
18.06.2010  | Malte Oberschelp   

Wirtschaft / Einführung Kerndaten
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Auch im Irak wird der erfolgreichste Fußball dort gespielt, wo das meiste Geld ist. Sehr zum Leidwesen der Bagdader Traditionsvereine

Als der Fußball sich von England über die ganze Welt ausbreitete, waren es oft die Hafenstädte, in denen die Einheimischen zuerst mit dem Spiel in Kontakt kamen. Mit ihrer Fracht brachten englische Schiffe den Fußball mit: Während die Ladung gelöscht wurde, kickten die Matrosen auf den Kais herum und steckten junge Menschen damit an. Ob in Buenos Aires, Bremen oder auch in Basra, der Hafenstadt am Schatt Al-Arab

Heute bereitet sich Basra auf das bedeutendste Fußballturnier der Region vor. Für den Golf-Cup, an dem die Nationalmannschaften der Anrainer-Staaten teilnehmen, entsteht in Basra eine 146 Hektar große Sports-City. Die irakische Regierung investiert dort knapp eine halbe Milliarde Dollar. Herzstück der Anlage wird ein Stadion mit 65 000 Sitzplätzen sein. Dazu kommen ein kleineres Stadion mit etwa 15 000 Plätzen, Wettkampf- und Trainingsplätze für diverse Sportarten, Sporthallen und ein Schwimmcenter.

Zusätzlich sieht der Masterplan Hotels, Shopping-Center und Entertainment vor. Geplant sind zwei Fünf-Sterne-Hotels mit jeweils 500 Betten sowie acht VIP-Gästehäuser für die Delegationen der Golf-Cup-Teilnehmer, alles in anspruchsvoller Architektur. Außerdem entstehen vier Malls, ein Amphitheater für Konzerte und Restaurants. Baubeginn war 2008, die Fertigstellung ist für Ende 2012 vorgesehen. Denn 2013 ist Anpfiff für den 21. Golf-Cup.

Natürlich nützt die neue Anlage auch dem Basraer Fußballklub Al-Minaa. Der Erstligist war in der 1974 neu gegründeten irakischen Liga der erste Klub außerhalb Bagdads, der die Meisterschaft gewinnen konnte. Aber das ist 36 Jahre her. Seitdem dümpelt Al-Minaa im Mittelfeld herum und hatte oft Probleme, den Spielbetrieb aufrechtzuerhalten.

Erbil zahlt am besten

Der irakische Vereinsfußball hat traditionell Schwierigkeiten, sich zu refinanzieren. Die instabile Sicherheitslage nach dem Sturz des Regimes Saddam Hussein hat die Sache nicht besser gemacht. Die Zuschauerzahlen gingen zurück, 2003 und 2004 fiel die Meisterschaft ganz aus. Auch das einheitliche Format gab der Verband auf, weil die Reisen zu den Auswärtsspielen zu gefährlich waren. Derzeit spielt die Liga in zwei Gruppen à 18 Teams. Innerhalb der nächsten beiden Spielzeiten soll es wieder eine landesweite Liga geben.

Eine weitere Folge des Umsturzes war, dass die dominierenden Klubs aus Bagdad die besten Spieler an Vereine aus dem Ausland oder aus dem Norden verloren. Davon hat der Erbil SC aus der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion profitiert. Die stabile Sicherheitslage dort zog nicht nur Fußballspieler, sondern auch Unternehmen an, die ihrerseits den Verein unterstützen. Erbil wurde 2007, 2008 und 2009 Meister und brach die jahrzehntelange Vorherrschaft der Bagdader Klubs. Inzwischen kann der Verein die höchsten Gehälter zahlen und sich als einziger ausländische Spieler leisten – einen aus Senegal und einen aus Guinea.

Die Wachablösung im irakische Fußball ging nicht ohne Ressentiments ab. Als der Erbil SC 2008 beim Rekordmeister Al-Zawraa in Bagdad Meister wurde, gab es Schmähgesänge. „Ihr wisst, wie man Joghurt macht, doch ihr wisst nichts über Fußball“, riefen etwa die Fans aus Bagdad – Erbil ist für seine Milchprodukte bekannt.

Ministerien als Sponsoren

Die großen Traditionsvereine der Hauptstadt, neben Al-Zawraa sind das Al-Quwa Al-Jawiya, Al-Talaba und Al-Shurta plagen dagegen finanzielle Probleme. Jahrelang hat hauptsächlich der irakische Fußballverband die Liga finanziert, etwa mit Hilfe des Sponsors Zain. Das kuwaitische Telekommunikationsunternehmen, das auch bei der irakischen Nationalelf engagiert ist, hat 10,3 Millionen Mobilfunk-Kunden im Irak. Doch zuletzt schlug der Verband im Einklang mit der Regierung vor, die Erstligisten durch staatliche Behörden finanzieren zu lassen. Ein solches System hat es bereits 1962 gegeben, die sogenannte Liga der Institutionen. So wird Al-Talaba inzwischen vom Ministerium für Hochschulwesen unterstützt.

Doch auch diese Form des Staatsamateurismus wie im ehemaligen Ostblock birgt Probleme. Al-Zawraas offizieller Geldgeber ist das Verkehrsministerium. Doch als Gegenleistung für die Zahlungen wollte es den Verein in „Transport“ umbenennen. Daraufhin protestierten Millionen Fans des elfmaligen Meisters. Schließlich sprang der irakische Ministerpräsident ein und sagte dem Verein Unterstützung zu. Genug Geld ist trotzdem nicht da.

Derlei Sorgen muss sich Al-Minaa aus Basra nicht machen. Der Klub hat einen Geldgeber aus der Wirtschaft gefunden. Vor Beginn der laufenden Saison schloss der Hafenbetreiber und Logistikexperte Gulftainer aus den Vereinigten Arabischen Emiraten einen Sponsoren-Vertrag mit Al-Minaa ab. Das Engagement passt zu einem Klub, der auf Deutsch „Hafen“ bedeutet: Die Firma investiert einen dreistelligen Millionenbetrag in die Modernisierung des einzigen irakischen Tiefwasserhafens Umm Qasr, 70 Kilometer südlich von Basra.

Foto: Faris Najem Abd (WPI)