Wirtschaft / Einführung Kerndaten
Die irakische Modeindustrie berappelt sich gerade, da entdecken schon Fälscher den Markt. Aber auch seriöse ausländische Unternehmen. Im kurdischen Erbil wurde vor wenigen Wochen die erste Mango-Filale eröffnet. Und die ist garantiert echt.
Vor ein paar Tagen hat Suad Ahmad in Bagdad, im noblen Stadtteil Karada einen neuen Zara - Shop entdeckt, den ersten im Irak. Natürlich musste sie sofort hinein – und hat nicht lange überlegt: „Knapp 300 Dollar hat das Kleid gekostet,“ sagt sie - und das hört sich keineswegs bedauernd an. Suad gehört zu einer kleinen Elite in der Stadt, die trotz der andauernden Krise im Land nicht auf eine feine Abendgarderobe verzichten möchte und muss.
Das spanische Modelabel hat bereits im gesamten Nahen Osten Filialen, aber in Bagdad? Auch für das Hauptbüro in Madrid ist das eine Überraschung. Eine Filiale? Ausgeschlossen. „Der Irak hat für uns im Moment keine Priorität,“ heißt es dort. Besagte Filiale entpuppt sich als illegal. Aber im Irak, der modetechnisch wie in Sachen Copyright noch ein Niemandsland ist, da kommt so etwas schon mal vor.
Ob auch die Ware in der Zara-Filiale gefälscht ist – wer weiß. Suad hat mit fachmännischem Blick entschieden und ist zufrieden. Als modebewusste Shopperin kauft sie meistens im Ausland ein, manchmal auch im nördlichen Kurdistan. „Dort gibt es mehr türkische Ware, oder auch iranische. Bei uns in Bagdad kommt das meiste aus Syrien oder China, das ist von der Qualität her nicht so gut.“ Mit Textilien, die in der Region hergestellt werden, kann sie schon gar nichts anfangen: „Da gehen nach einmal Waschen schon die Farben raus.“
Der Markt zieht an
Aber auch in Kurdistan ist Markenware Mangelware. In Suleimaniya bekommt man die besten Stücke noch am Wühltresen im Souk - das ist dann Secondhand-Ware aus Europa, möglicherweise Hilfsgüter, die eigentlich woanders hätten landen müssen.
Derid Kathem, Großhändler aus Bagdad, hätte eine Idee, wie es besser gehen könnte. Er hat schon mehrere europäische Modefirmen angeschrieben, um eine Konzession für den Irak bekommen, einen ausführlichen Businessplan eingereicht und so weiter und so weiter. Jedes Mal hat er eine Absage bekommen, Begründung: „Die Sicherheitslage.“ „Ich verstehe nicht, was die Sicherheitslage damit zu tun haben soll,“ sagt er frustriert, „schließlich bitte ich ja keine ausländischen Vertreter, hierher in den Irak zu kommen.“ Die Folge: Kathem muss sich seine Ware nach wie vor aus Beirut holen zu einem höheren Preis, denn dort sitzen die meisten Nahostvertretungen der großen Firmen. „Es ist ein Jammer,“ sagt er. „Dabei gibt es im Irak meiner Meinung nach viel mehr Absatzmöglichkeiten als im Libanon.“
Bei Zara in Madrid hat man gar nicht die Sicherheitsbedenken im Auge. „Das ist nicht der Grund, warum wir im Irak keine Konzession haben. Wir setzen unseren Schwerpunkt im Moment mehr auf Asien, da sehen wir mehr Potential.“
Schwer zu sagen, ob da nicht doch gewisse Berührungsängste mit ins Spiel kommen. Immerhin hat sich das Modelabel Mango, ebenfalls ein spanisches Unternehmen, für die genau entgegen gesetzte Strategie entschieden: Vor wenigen Wochen wurde in der kurdischen Hauptstadt Erbil die erste Mango-Filiale eröffnet, diesmal ein offizieller Zweig, keine illegale Kopie.
Tatsache ist, dass der irakische Markt noch nicht berechenbar ist. Großhändler Derid Kathem irrt sich, wenn er von der großen Kaufkraft der Iraker schwärmt. Im regionalen Vergleich steht das Land ganz hinten, schlechter ist die Lage nur im Sudan und im Jemen. Andererseits hat das Land zweifellos enorme Zukunftschancen. So fallen denn auch die Entscheidungen der Unternehmer höchst unterschiedlich aus - je nachdem, ob das eine oder das andere mehr ins Gewicht fällt.
Deutsche Nähmaschinen rattern
Trotzdem sind europäische Firmen am Textilmarkt beteiligt, sozusagen durch die Hintertür. Denn die landeseigene Industrie - nach wie vor in staatlicher Hand - ist momentan schwer bemüht, ihr schlechtes Image loszuwerden. „Es stimmt natürlich,“ sagt Saleh Yassin, GM des staatlichen Unternehmens für Textilproduktion, „dass die Qualität unserer Produkte unter Saddam stark zurückgegangen ist. Es fehlte uns einfach der Austausch mit dem Rest der Welt.“ Daran habe sich auch in den ersten Jahren nach dem Sturz der Saddam-Diktatur nicht viel geändert, „die bisherige Regierung hatte keine klare wirtschaftliche Vision.“
Sale Yassin spielt vor allem die vom amerikanischen Zivilverwalter Paul Bremer eingeführte Streichung von Subventionen für staatliche Betriebe an; ausgenommen waren nur die der Ölindustrie. Von einem Tag auf den nächsten waren sie von allen Geldern abgeschnitten und standen - mit maroder Technik und wenig profitorientierten Produkten - praktisch vor dem Bankrott. Nach landesweiten Protesten fließen die Gelder aus Bagdad jetzt wieder. Die Textilindustrie kann modernisiert werden: mit modernen Nähmaschinen aus Italien und Deutschland, unter anderem von der Firma Dürkopp-Adler in Bielefeld.
Foto: Christoph Bangert/Laif











