Mittelstand im Irak: klein, aber noch nicht fein
13.07.2010  | Dr. Nagih Al-Obaidi   

Wirtschaft / Einführung Kerndaten
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Viele Iraker haben sich selbstständig gemacht und stützen mit ihren kleinen und mittleren Unternehmen die irakische Wirtschaft. Aber noch tut die Regierung wenig, um ihnen richtig auf die Beine zu helfen

Abbas Hussein kann sich heute vor Aufträgen kaum retten - dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass er vor dem Nichts stand. Bis April 2003 hatte der gelernte Tischler in einer Waffenfabrik in Alexandria südlich von Bagdad gearbeitet. Wie Hunderttausende wurde der damals 38jährige plötzlich arbeitslos, weil die Amerikaner die irakische Armee samt ihren Industriekomplexen aufgelöst hatten. Statt zu resignieren besann er sich auf seine handwerkliche Begabung und errichtete eine kleine Werkstatt für Möbelherstellung in der Nähe von Babylon. Ein Entschluss, den er nicht bereuen sollte.

Zwei Jahre nach dem Stürz von Saddam Hussein begannen die Iraker, sich nicht nur für Satellitenempfänger, Fernsehen oder gebrauchte Autos zu interessieren, sondern auch für Möbel. Und an Abbas Hussein schätzten sie vor allem seine solide Handarbeit. Die Konkurrenz der zum Teil billigeren Produkte aus dem Ausland muss Abbas Hussein deshalb nicht fürchten.

So wie Abbas Hussein haben sich hunderttausende Iraker selbständig gemacht. Sie machten aus der Not eine Tugend und gründeten kleine und mittlere Unternehmen (KMU), ob ein Einzelhandelsgeschäft, einen Imbiss, eine Hühnerfarm oder einfach ein kleines Taxiunternehmen. Aber in einem Land, in dem das private Unternehmertum vier Jahrzehnte fast verpönt war, ist der Schritt in die Selbständigkeit mit vielen Risiken verbunden.

Arbeitsplätze für Millionen

Die kleinen und mittleren Unternehmen gehören zum so genannten informellen Sektor, in dem eine Anmeldung des Gewerbes, steuerliche Erfassung und andere Formalitäten noch nicht selbstverständlich sind. Ihre Zahl zu beziffern ist deshalb schwierig. In einer Studie der Irakischen Gesellschaft für Bankbürgschaften (ICBG) von 2009 wird ihre Zahl mit etwa 2,3 Millionen angegeben, unter ihnen 1 Million nicht registrierte. Insgesamt schaffen sie schon Arbeitsplätze für Millionen Menschen und tragen dazu bei, die Bevölkerung mit Waren des täglichen Bedarfs und wichtigen Dienstleistungen zu versorgen. Und sie haben wirtschaftlichen Erfolg: Die Nachfrage im Land ist gestiegen, die Kaufkraft der Bevölkerung gewachsen.

Aber schon sind bei ihnen auch Symptome der Schattenwirtschaft zu beobachten. Das Streben nach schnellem Gewinn geht auf Kosten sozialer Verantwortung. Die Beschäftigten haben kaum Rechte – sei es auf Urlaub oder Lohnfortzahlung im Falle von Krankheit oder Kranken- oder Rentenversicherung. Kinderarbeit ist keine Seltenheit. In vielen Fällen ist der Staat nicht im Stande, seinen Aufsichts- und Kontrollpflichten nachzukommen. Qualitätsstandards und -kontrollen fehlen weitgehend, Entscheidungen über den Betrieb werden aus dem Bauch heraus getroffen, es fehlt an Erfahrungen im Management, der Buchführung und der Kostenrechnung.

Obwohl der Mittelstand schnell wächst, ist sein Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung noch bescheiden. Es gibt kaum Verflechtungen mit den vorwiegend großen staatlichen Betrieben, von einer Rolle beim Export ganz zu schweigen. Damit die kleinen und mittleren Unternehmen zu einem echten Motor für Wachstum und Beschäftigung werden, sind vor allem zwei Faktoren entscheidend: der Zugang zum Kreditmarkt und Beratung und Schulung.

Mikrokredite für Existenzgründer

Wohl wissend, dass die Schlacht im Irak militärisch allein nicht zu gewinnen ist, hat sich die amerikanische Agentur für Entwicklungshilfe, USAID, in den vergangenen Jahren verstärkt um den Mittelstand im Irak bemüht. Sie rief zwei wichtige Projekte ins Leben, Izdihar und Tijara. Izidihar (auf Arabisch Aufschwung) lief für 5 Jahre von 2004 bis 2008. Mitte 2008 begann für weitere 5 Jahre das von der USAID finanzierte Projekt „Tijara“ (auf Arabisch Handel).

Bei den beiden Programmen ging und geht es um die Förderung der lokalen Wirtschaft. Zunächst wurden Mikrokredite für Existenzgründungen vergeben. Diese Finanzierungsform war insbesondere in den vergangenen Jahren sehr wichtig, weil die Zinsen im Irak auf Grund hoher Inflationsraten außergewöhnlich hoch waren. Inzwischen sind die Zinsen zwar zurückgegangen, aber die Mikrokredite bleiben für viele die einzige Möglichkeit, an Finanzmittel zu kommen. Nach eigenen Angaben vergab die USAID insgesamt 453 Millionen US$ an etwa 200.000 Kleingewerbetreibende im ganzen Irak.

Diese Kleinstkredite betrugen im Durchschnitt etwa 2.000 Dollar. Um den kleinen und mittleren Unternehmen auch höhere und ebenfalls günstige Kredite zu ermöglichen, wurde 2006 die Irakische Gesellschaft für Bankgarantien (ICBG) unter Beteiligung privater Banken und mit Unterstützung der Irakischen Zentralen Bank gegründet. Die ICBG ermuntert lokale Banken zur Kreditvergabe, indem sie 75 Prozent des Risikos übernimmt – bisher waren es insgesamt Bürgschaften für 753 Kredite in Höhe von 12 Millionen Dollar. Im Juni 2009 nahm zusätzlich die Irakische Gesellschaft zur Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen (ICF-SME) mit einem Startkapital von 6 Millionen Dollar ihre Tätigkeit auf. Bis Ende Mai 2010 finanzierte sie über die beteiligten Banken 559 Kredite in Höhe von 12,5 Millionen Dollar.

Eine weitere Aufgabe des Tijara-Projekts ist es, irakischen privaten Banken bei der Errichtung von Fachabteilungen für Kredite an kleinere und mittlere Unternehmen zu helfen. Über Tijara wurden auch 17 Zentren für Entwicklung des Mittelstandes errichtet. Sie bieten vor Ort Unternehmern und ihren Beschäftigten Weiterbildungskurse in Management, Marketing und Kostenrechnung an.

Es ging natürlich nicht alles reibungslos. Es gab Betrugsfälle und mancher Betrieb ging Pleite. Einige Unternehmer haben sogar für ihre Zusammenarbeit mit den Amerikanern mit ihrem Leben bezahlt, weil Terroristen und Fanatiker sehr gut wissen, dass der wirtschaftliche Erfolg ihren Interessen gefährlich sein könnte. Aber insgesamt waren die Maßnahmen der USAID bis jetzt die wichtigsten, auch wenn sie vom Umfang her bei weitem nicht ausreichend sind. Da die Amerikaner ihre Streitkräfte voraussichtlich bis Ende 2011 abziehen wollen, ist damit zu rechnen, dass sie ihre Aktivität auch auf wirtschaftlichem Gebiet zurückfahren werden. Höchste Zeit also für die irakische Regierung, das entstandene „Vakuum“ zu füllen.

Marshallplan für die Unternehmen

Allmählich vollzieht sich auch bei den zuständigen Behörden ein Umdenken. Die Kenntnis, dass die kleinen und mittleren Unternehmen künftig eine zentrale Bedeutung für Wachstum, Beschäftigung und Strukturwandel der irakischen Wirtschaft haben werden, setzt sich langsam durch. Ministerien, Wirtschaftsverbände oder auch Medien haben mehrere Workshops organisiert, die sich mit der Rolle des Mittelstandes und den Hindernissen seiner Entwicklung befassen. Aber bisher blieb es bei guten Absichten. Viele Diskussionen gab es beispielsweise über die hohen Zinsen und ihre negativen Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit privater Firmen. Aber die Idee einer staatlichen Zinssubvention für den Mittelstand wurde kaum aufgegriffen. Die Regierung ist jetzt gefordert, eigene Programme zur Förderung von Existenzgründungen zu entwickeln und schnell umsetzen.

Dabei kann sie durchaus die von den Amerikanern geschaffenen Strukturen nutzen und auf die Erfahrungen der beiden Projekte Izdihar und Tijara aufbauen. Es gilt auf die Erfahrungen der beiden amerikanischen Projekte Izidihar und Tijara aufzubauen. Die kleinen und mittleren Unternehmen müssen schnell, unbürokratisch und zu günstigen Konditionen an Kredite für ihre Investitionen kommen. Die Regierung könnte eine staatliche Spezialbank gründen, die als zentrale Institution für die Umsetzung der Förderprogramme für Existenzgründer und kleine und mittlere Unternehmen fungiert.

Diese Form hat sich beispielsweise mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Deutschland bewährt. Um den Verwaltungsaufwand gering zu halten, muss diese Bank seine Aufgabe in Zusammenarbeit mit den Geschäftsbanken realisieren. Ähnlich wie es momentan bei den beiden von der USAID finanzierten Institutionen ICBG und ICE-SME geschieht, sollen die Existenzgründer und kleinen und mittleren Unternehmen die Förderprogramme über die privaten Banken beantragen (das sog. Hausbankprinzip).

Da die Staatsausgaben den Löwenanteil der Nachfrage im Land ausmachen, hängen die künftigen Chancen der kleinen und mittleren Unternehmen auch davon ab, inwieweit staatliche Aufträge fair und ohne Einfluss von Korruption und Vetternwirtschaft vergeben werden. Weiterhin sind die Belange des Mittelstandes und die Förderung seiner Investitionen auch bei der Gestaltung der Steuerpolitik und Beschäftigungspolitik zu berücksichtigen.

Alle diese Maßnahmen werden dringend gebraucht, um den kleinen und mittleren Unternehmen echte Entwicklungsperspektiven zu eröffnen. Die Kosten dafür bleiben auf jeden Fall gering im Vergleich zum Nutzen. Denn vom Mittelstand hängt nicht nur der wirtschaftliche Erfolg ab. Eine starke Mittelschicht ist auch ein wichtiger Garant für die soziale und politische Stabilität des Landes.

Foto: SABAH ARAR/AFP/Getty Images