Wirtschaft 2011: Frühlingserwachen
15.02.2011  | Anke Fiedler & Maral Jekta   

Wirtschaft / Einführung Kerndaten
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Trotz der angespannten Sicherheitslage hat sich die wirtschaftliche Lage des Iraks seit 2003 stabilisiert – für dieses Jahr rechnen Experten sogar mit einem kräftigen Plus. Die neuesten Zahlen, Statistiken und Prognosen zeigen, dass sie Grund für ihren Optimismus haben


Acht Jahre nach dem Sturz von Saddam Husseins Regime ist der Irak noch immer nicht im Alltag angekommen. Nach wie vor beherrschen Terroranschläge die Schlagzeilen. Zwei Millionen Flüchtlinge sitzen in den Nachbarländern Jordanien und Syrien fest, und die meisten unter ihnen sind auch zukünftig nicht zu einer Rückkehr in den Irak bereit. Der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) schätzt, dass 2011 gerade mal 50.000 Iraker einen Neubeginn in ihrer alten Heimat wagen werden. Im Land selbst sieht es kaum besser aus: Rund 1,3 Millionen Menschen befinden sich auch dieses Jahr auf der Flucht vor Terror und Verfolgung.

Warum gibt es dennoch Grund zu Optimismus? Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nimmt zweifelsohne schweren Schaden an der angespannten Sicherheitslage - die Zahlen verraten aber auch, dass sich die Wirtschaftslage seit 2003 weitgehend stabilisiert hat und sogar auf Expansionskurs befindet. Amerikanische und irakische Quellen meldeten für das vergangene Jahr eine Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 2,6 Prozent. Pro Einwohner sind das schätzungsweise 2.100 US-Dollar. Das ist zwar weitaus weniger als prognostiziert, Mitte 2010 wurde noch von sieben bis acht Prozent gesprochen. Blickt man aber auf die Gesamtentwicklung seit der ersten Aufzeichnung durch die Weltbank, zeichnet sich ein stabiler Aufwärtstrend ab, der erst im vergangenen Jahr durch die Wahlen sowie die Probleme bei der Regierungsbildung gebremst wurde. Experten rechnen für dieses Jahr wieder mit einem kräftigen Plus. Die Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IMF) liegen bei 11,5 Prozent.

Bruttoinlandsprodukt

Quelle: Weltbank 2011 (*Schätzung)

 

Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im Irak (Angaben in Milliarden US-Dollar)


2006
2007
2008
2009
2010
2011*
Prozentuale Veränderung
+6.2
+1.5
+9.5
+4.2
+2.6
+11.5
BIP (laufende Preise)
45,1
57,0
86,5
65,8
84,1
92,9
BIP (Kaufkraftparität)
90,5
94,6
105,8
111,3
115,3
130,2

Quelle: Internationaler Währungsfonds 2011 (*Prognose)

 

Auch die Inflationsrate hat sich mittlerweile auf einem konstanten Niveau eingependelt, sie liegt derzeit bei 5 Prozent, im Juli 2003 waren es noch fast 70 Prozent: „Die Inflation ist nicht nur sprunghaft gewachsen, sie wird auch außer Kontrolle geraten“, hatte der Planungsminister Ali Baban damals vorausgesagt. Dass es dann doch nicht so kommen sollte, lag vor allem an der konsequenten Sicherheitspolitik der USA in den Jahren 2006 und 2007. Mit Nachdruck forderten die Amerikaner zudem, von der irakischen Führung, die wirtschaftlichen Gewinne auch in eine Verbesserung der Lebensqualität zu investieren. Rund 18 Prozent der Bevölkerung leben nach Schätzungen der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2007 in extremer Armut. Zwar haben mittlerweile drei Viertel der städtischen Bevölkerung Zugang zu sanitären Anlagen, aber weite Teile des Landes sind nach wie vor nur sporadisch mit Elektrizitäts- und Wasseranschlüssen versorgt. Zu den zentralen Herausforderungen des Landes gehören auch Arbeitslosigkeit und Korruption; wichtige Schritte in die richtige Richtung wären Reformen wie die Umstrukturierung des Bankensektors und der Ausbau des Privatsektors.

 

Entwicklung der Inflationsrate im Irak (Angaben in Prozent)

2003
2004
2005
2006
2007
2008
2009
2010
2011*
70,0
29,3
25,4
33,0
64,8
2,7
-2,8
5,1
5,0

Aktuelle Inflationsrate der Irakischen Zentralbank (CBI)

 

Wechselkursraten der Irakischen Zentralbank (CBI)

2006
2007
2008
2009
2010
1,466
1,255
1,176
1,170
1,170

Quelle: CIA Factbook 2011
Aktuelle Wechselkursraten der Irakischen Zentralbank (CBI)

 

Ausländische Investitionen, vor allem in den Bereichen Energie und Bauwesen sowie im Einzelhandel, haben das wirtschaftliche Klima zusätzlich beflügelt. Ob es dem Irak jedoch gelingen wird, die Wirtschaftslage wieder auf das Niveau von 2009 zu bringen und vor allem eine konsequente Steuerpolitik durchzufechten, hängt von einer ganzen Reihe an Faktoren ab, die nicht zuletzt in den Händen der irakischen Regierung liegen. Obwohl das Interesse aus dem Ausland an Investitionen im Irak auch im Jahr 2010 ungebrochen war, wird der Erwerb von Grundstücken und Bauland für Nicht-Iraker beispielweise immer noch durch alte bürokratische Gesetze erschwert.

Viel wird in Zukunft auch davon abhängen, inwieweit sich der irakische Staat aus der Abhängigkeit vom Ölsektor befreien kann: Über 90 Prozent der Staatseinnahmen und rund 80 Prozent der Deviseneinnahmen spült das „schwarze Gold“ jährlich in die irakischen Kassen.

 

Bruttoauslandsverschuldung des Irak


2006
2007
2008
2009
2010
2011*
Mrd. US-$
k.A.
103.1
95.6
90.2
33.8
103.1
% des BIP
198,4
175,3
108,6
141,7
42,2
41,5

Quelle: Internationaler Währungsfonds 2011 (*Prognose)

 

Rohstoffexporte


Maßeinheit
2007
2008
2009
2010
Öl- und Gasexporte
Mrd. US-$
37.7
61.7
38.9
48.4
Durchschnittlicher Rohölexportpreis
US-$/Barrel
63.0
91.5
56.5
62.5
Rohölproduktion
Mio. Barrel/Tag
2.0
2.3
2.4
2.6
Wert andere Exportgüter
Mrd. US-$
37.8
62.0
39.3
48.8

Quelle: Internationaler Währungsfonds 2011

 

+ Außenhandel zwischen Deutschland und dem Irak
+ Ausfuhren der Bundesrepublik Deutschland in den Irak
+ Einfuhren der Bundesrepublik Deutschland aus dem Irak

 

Seit Mitte 2009 liegen die Exporterlöse aus dem Erdölgeschäft wieder auf dem Niveau vor dem Einmarsch der US-geführten Koalitionstruppen. Die irakische Regierung will die Exportrate dieses Jahr sogar über den momentanen Stand von 1,9 Millionen Barrel pro Tag anheben. Jedoch ist es fraglich, ob die anvisierten 2,4 Millionen Barrel tatsächlich erreicht werden können. Im Hafen Umm Qasr in Basra, dem Hauptumschlagsplatz im Irak für Erdöl, sind die Kapazitäten begrenzt. Außerdem werden immer noch Sabotageakte auf die Kirkuk-Ceyhan-Pipeline verübt; Reparaturarbeiten dauern oft mehrere Tage an. Und nicht zuletzt fehlt vielen Firmen das nötige Equipment, um die Förderquoten anzuheben.

Vergangenes Jahr unterzeichnete die irakische Regierung ein Abkommen mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds, das irakische Wirtschaftsinstitutionen international konkurrenzfähiger machen soll. Dabei wurde auch die Zielvorgabe vereinbart, langfristig gesetzliche Rahmenbedingungen für den Erdölsektor zu schaffen. Im Mittelpunkt steht außerdem ein Regelwerk zur gerechten Aufteilung der Erdölvorkommen. Die Strategie der irakischen Regierung für 2011 lautet, noch mehr ausländische Investoren anzulocken. Wenn Ende des Jahres die letzten amerikanischen Truppen den Irak verlassen, wird das Land beweisen müssen, dass es bis dahin erwachsen geworden ist.

 

Irakische Erdölexporte 2010


Basra

Kirkuk

Gesamt

Durschnittl. Preis US-$/Barrel

Mio. Barrel
Mio. US-$
Mio. Barrel
Mio. US-$
Mio. Barrel
Mio. US-$

Januar
45.0
3.332
14.7
1.084
59.7
4.416
73.97
Februar
45.2
3.294
12.7
935
57.9
4.229
73.04
März
44.0
3.336
13.1
1.015
57.1
4.351
76.20
April
42.7
3.386
10.3
836
53
4.222
79.66
Mai
45.1
3.347
13.6
988
58.7
4.335
73.85
Juni
43.2
3.074
11.5
815
54.7
3.889
71.10
Juli
44.4
3.137
11.9
872
56.3
4.009
71.21
August
44.9
3.191
10.5
766
55.4
3.957
71.43
September
45.2
3.280
15.4
1.148
60.6
4.428
73.07
Oktober
46.2
3.533
12.5
993
58.7
4.526
77.10
November
46.0
3.693
11.3
925
57.3
4.618
80.59
Dezember
47.4
4.078
13.1
1.144
60.5
5.222
86.31

Quelle: AFP, SOMO

 

Wirtschaft kompakt im Jahr 2011:
Bruttoinlandsprodukt (BIP): +11,5%
Staatsverschuldung (% des BIP): 41,5%
Staatsdefizit (% des BIP): - 8,2%
Inflationsrate: 5,1%

Quelle:
+ Internationaler Währungsfonds, Prognosen 2011

 

Der Irak auf einen Blick:
Bevölkerung: 31.494.287
Lebenserwartung: 68 Jahre
Alphabetisierungsrate: 78%
Kindersterblichkeit (unter 5 Jahre): 43,5%
Arbeitslosenquote: 10,5%
Zugang der städtischen Bevölkerung zu sanitären Einrichtungen: 76%

Quelle:
+ Weltbank, Stand: 2009

 

Foto: ALI YUSSEF (AFP/Getty Images)