Neue Bagdader Schule
02.08.2011  | Interview: Lilli Oberndorfer   

Arbeit & Bildung / Schulen & Hochschulen
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Der deutsch-irakische Unternehmer Maher Zellner ist öfter in Bagdad als in München. Es gibt nur einen Grund, warum er nicht ganz in die irakische Hauptstadt zieht: Ohne deutsche Schule sieht er dort keine Zukunft für seinen Sohn. Nun macht er aus der Not eine Tugend und gründet selbst eine

 

WPI: Herr Zellner, Sie haben ursprünglich Maschinenbau studiert. Da liegt die Gründung einer Schule nicht gerade nahe.

Maher Zellner: Die Idee hatte ich erstmals in der Anfangs-Euphorie nach dem Sturz Saddams 2003, als ich kurzzeitig überlegt hatte, zurückzukehren. Konkreter habe ich mich erst damit beschäftigt, als vor drei Jahren mein Sohn geboren wurde und ich und meine deutsche Frau aus beruflichen Gründen erwogen, in den Irak zu ziehen. Da ich mich sowohl als Iraker als auch als Deutscher fühle, möchte ich, dass mein Sohn auch mit der deutschen Sprache und Kultur aufwächst. Viele in der irakischen Community in Deutschland zögern ihre Rückkehr hinaus, weil sie ohne deutschen Bildungsstandard keine Zukunftsperspektive für ihre Kinder sehen. Das konnte ich bei meiner Umfrage unter irakischen Familien in München sehr deutlich heraushören.

Das heißt, Sie haben bereits Interessenten?

Ja, Bewerber haben wir mehr als genug. Mehrere Familien, die bereits zurückgekehrt sind, haben ihre Kinder fest angemeldet. Das sind 20 Kinder vom Kindergarten- bis zum Grundschulalter. Bei weiteren zehn warten die Eltern mit der Rückkehr noch, bis die Schule aufmacht. Auf längere Sicht, wenn die deutschen Firmen nach Bagdad zurückkommen, erwarte ich auch Kinder von deren Mitarbeitern. Aber auch Iraker, die nie in Deutschland waren, haben starkes Interesse. Meist sind das höhere Beamte und Akademiker. Ein Zeugnis von einer westlichen Schule und die damit verbundenen Fremdsprachkenntnisse bedeuten im Irak eine gesicherte Zukunft. Die Kinder können später in Deutschland studieren und Karriere machen. Schon jetzt können sich die türkischen Schulen im Irak vor Anmeldungen kaum retten, wie wird das erst bei einer deutschen Schule sein?


Maher Zellner ist Berater und Vermittler für die Bagdader Firma Mesopotamia for Contracting and General Trading. Sie unterstützt deutsche Firmen bei der Geschäftsanbahnung im Irak und bietet weitere Dienstleistungen, unter anderem in den Bereichen Sicherheit, Messepräsentation, Administratives und Bauprojektabwicklung. Maher Zellner, der 1979 in Bagdad geboren wurde, studierte Maschinenbau an der Universität Bagdad, bevor er im Jahr 2000 nach Deutschland kam. Zellner wohnt mit seiner deutschen Frau und seinem Sohn in München. Neben der deutschen besitzt er auch die irakische Staatsangehörigkeit.

Wie weit sind Sie denn mit Ihren Vorbereitungen?

Wir haben einen Schulverein mit deutschen, österreichischen und irakischen Mitgliedern gegründet und sind gerade dabei, diesen im Irak registrieren zu lassen. Das dauert seine Zeit. Die Räumlichkeiten werden auch bald angemietet. Momentan schwanke ich noch zwischen zwei Immobilien. Dabei handelt es sich um je zwei nebeneinanderliegende Gebäude für die Schule und den Kindergarten, entweder in der Nähe der deutschen Botschaft oder in einer gesicherten Gegend, in der viele Regierungsgebäude liegen. Genaueres verrate ich noch nicht, aber es ist nicht die Green Zone.

Warum nicht in der Green Zone? Wie wollen Sie dann die Sicherheit garantieren?

Die Green Zone ist viel zu sehr abgeschottet. Die Kinder bräuchten jeden Tag ewig, um durch die Checkpoints zu kommen. Das ist zu umständlich und zu teuer. Die Regierung hat das schon lange gemerkt und einige Behörden in anderen Gegenden angesiedelt. Dort ist es auch sicher, sonst wäre die Regierung nicht dort. Wir könnten von der vorhandenen Sicherheits-Infrastruktur profitieren, genießen aber mehr Bewegungsfreiheit. Dort ist alles übersichtlicher als in der Green Zone und die Wachleute und die Bewohner kennen sich. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme will ich den Wachleuten Stipendien für ihre Kinder geben. Perspektiven zu geben, motiviert im Irak am meisten.

Warum gründen Sie die Schule in Bagdad und nicht beispielsweise in Basra, wo es um einiges ruhiger ist?

Ich bin es leid, dass alle nach Basra gehen. Ich komme aus Bagdad und will nicht immer ausweichen. Wir müssen in Bagdad, in der Hauptstadt, anfangen. Später denken wir sicher an eine zweite Schule in Basra, aber das ist noch Zukunftsmusik.

Wie wollen Sie die Lehrkräfte nach Bagdad locken?

Deutsche für einen Job nach Bagdad zu lotsen, ist in der Tat momentan noch schwer. Wie gut, dass meine Frau Arabistik und Deutsch als Fremdsprache studiert hat und zudem Deutsche ist. Sie ist also eine Fachfrau für den Job. Außerdem habe ich zwei irakische Kindergärtnerinnen angeworben, die in Deutschland ihre Ausbildung gemacht haben und nun wieder zurückgekehrt sind. Einen Musiklehrer, der deutsch kann, habe ich auch schon; mit weiteren Lehrern für Deutsch und andere Fächer bin ich noch in Verhandlung.

Wie groß soll die Schule sein, wie viele Klassen können Sie anbieten?

Wir haben jetzt knapp 30 Zusagen. Das reicht erst mal für den Anfang. Eine Kindergarten- und eine Grundschulklasse genügt vorerst. Wir wollen uns zu Beginn nicht übernehmen, sondern lieber die Schule schrittweise aufbauen und mit den Möglichkeiten wachsen. Das haben uns die Kollegen von der deutschen Schule in Erbil geraten; sie haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Wer unterstützt Sie bei dem Vorhaben?

Zum Glück alle wichtigen deutschen und irakischen Institutionen: der irakische Botschafter in Deutschland, Hussein Fadhlalla Alkhateeb, das Goethe-Institut, das Auswärtige Amt, die deutsche Botschaft in Bagdad und auch einige irakische Regierungsmitglieder sind von der Idee angetan. Wir hoffen natürlich, dass die Unterstützung all dieser Stellen auch konkrete Formen annehmen wird. Mit praktischen Tipps steht uns jetzt schon das Goethe-Institut in Erbil und die deutsche Schule in Erbil zur Seite. Von deren Erfahrungen können wir viel lernen.

Und wie wollen Sie das Projekt finanzieren?

Das wird nicht ganz einfach werden. Unser Ziel ist es, als offizielle Auslandsschule in Deutschland anerkannt zu werden. Dann würden die Abschlüsse mit deutschen gleichgestellt, und wir könnten auf öffentliche Gelder hoffen. Bis dahin müssen wir uns selbst durchboxen. Für die Anfangszeit und die Grundausstattung rechne ich mit Kosten von 150.000 Euro. Eine finanzielle Starthilfe hat eine irakische Behörde versprochen. Ich hoffe auch, einiges an Sachspenden aus Deutschland zu erhalten. Ein befreundeter Sport- und Spielgerätehersteller will uns mit einigen Sachen unterstützen. Auch das Goethe-Institut wird Lehrmaterial bereitstellen. Eine große Hilfe wären auch kostenlose Dienstleistungen von Firmen vor Ort. Der Rest muss durch Spenden und Schulgeld finanziert werden. Dabei achten wir darauf, dass auch Kinder aus weniger wohlhabenden Elternhäusern und in sozialen Härtefällen Stipendien für die Schule erhalten. Es soll kein Ort nur für Reiche werden.

Noch stehen Sie am Anfang. Ihr Konzept hört sich aber schon anspruchsvoll an...

Die Schule soll deutschen Standard und Unterrichtsmethoden bieten: neben den Kernfächern legen wir großen Wert auf Sport, Musik- und Kunsterziehung, Computerunterricht und Englisch gibt es ab der ersten Klasse. Sport finde ich besonders wichtig – als Ausgleich zum Alltag, auch als Prävention gegen Gewalt. Zunächst werden wir deshalb einen Saal im Schulgebäude provisorisch als Sporthalle einrichten und den Außenbereich mit Spielgeräten ausstatten. Für die Kleinen gibt es auch pädagogisch wertvolles Spielzeug und kindgerechte Mahlzeiten. Wir wollen uns von den irakischen Schulen deutlich abheben. Besonders wichtig war mir deshalb der Kindergarten, denn im Irak ist die frühkindliche Erziehung und Ganztagsbetreuung noch relativ neu. Deshalb boomen dort auch private Kindergärten und Kitas mit moderner Pädagogik. Die Eltern geben locker bis zu 100 Dollar pro Monat für einen Kita-Platz aus – das ist zwar für Akademiker in guter Position und gehobene Beamten kein Problem, am Durchschnittseinkommen gemessen, ist das sehr viel.

Also hoffen Sie doch auf die Klientel aus der irakischen Oberschicht?

Nicht unbedingt, die Schule und der Kindergarten sind ja nur ein Teil des Gesamtkonzepts. Meine Vision ist ein Deutsches Zentrum, ein German House. Es soll zum Beispiel mit dem Goethe-Institut Bildungs- und Kultureinrichtungen für Kinder und Erwachsene einerseits und deutsche Firmenbüros andererseits beherbergen – deshalb die zwei nebeneinanderliegenden Gebäude.

Und was ist die Idee dahinter?

Das Konzept bietet eine win-win-Situation für alle: Die Firmen sparen bei Mieten, Security und IT, bündeln Kompetenzen und unterstützen sich dadurch gegenseitig. Mit dem gemeinsamen Auftreten wird die Position der deutschen Firmen in Bagdad stärkt. Gleichzeitig können deren Mitarbeiter ihre Kinder in der angrenzenden Schule und der Kita guten Gewissens unterbringen. Die Schule profitiert davon natürlich auch: Mit den Mieteinnahmen der Büros könnten wir einen Teil der Kosten decken. Bürohaus-Konzepte wie das German House gibt es überall, warum nicht auch im Irak? Die Franzosen haben bereits eines für ihre Firmen eröffnet, und die Türken betreiben mehrere Schulen im ganzen Land. Warum sollen wir Deutschen das nicht auch schaffen und beides vereinen?

 

Foto: Marco Di Lauro (AFP/Getty Images)