Arbeit & Bildung / Berufsbildung
In Erbil verkauft oder serviert jedes dritte Geschäft etwas zu essen. Jetzt hat dort eine Hotelschule nach deutschem Vorbild eröffnet. Die Geschichte eines Erfolgsrezeptes
Wenn man die beliebte Reise-Webseite expedia.de als Maßstab nimmt, dann ist das Ganze, gelinde gesagt, eine ganz schöne Schnapsidee. „Es wurde kein Standort namens "Erbil" gefunden. Bitte überprüfen Sie die Angaben, und versuchen Sie es erneut.“
Laut expedia.de gibt es in Erbil kein einziges Hotel. Warum, um alles in der Welt, braucht Erbil dann ausgerechnet eine Hotelschule nach deutschem Vorbild? Weil das Ganze eben doch alles andere als eine Schnapsidee ist. Aber der Reihe nach.
Wie so viele Geschichten, beginnt auch diese damit, dass sich irgendwo in der Fremde zwei Deutsche über den Weg laufen. Diesmal war es auf einem Flug von Dubai nach... ja, nach wohin eigentlich noch mal?
Peter Pedersen denkt nach. Eigentlich müsste er es ja wissen. Er war ja dabei. Aber wohin der Flug vor etwas mehr als einem Jahr führte? Er hat es vergessen. Es gibt schließlich wichtigeres. Pedersen ist Geschäftsführer der Hanseatischen Weiterbildungs- und Beschäftigungsgemeinschaft Rostock (HWBR), die an der Ostsee eine Hotel- und Hauswirtschaftsschule betreibt, doch Pedersen ist seit langem auch regelmäßig auf der arabischen Halbinsel unterwegs. Zuletzt war eines seiner Hauptziele Dubai: Er suchte nach einem Standort für eine erste Auslandsdependance der HWBR.
Erbil statt Dubai
Deren Ursprung geht auf eine gemeinsame Initiative der Partnerstädte Bremen und Rostock kurz nach dem Mauerfall zurück, doch mittlerweile ist die HWBR von einer gemeinnützigen städtischen Gesellschaft zu einem inhabergeführten Privatunternehmen mit Expansionsplänen geworden. Besitzer: die Familie Pedersen.
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Dubai schien ein idealer Ort für einen ersten HWBR-Ableger, das Emirat ist in den letzten Jahren dank riesiger Investitionen der Herrscherfamilie Maktum zu einem neuen Tourismusziel mit Luxusresorts und Superhotels ausgebaut worden, entsprechend riesig ist dort auch der Bedarf an gut ausgebildetem Personal. Jedenfalls schien das bis zur aktuellen Weltwirtschaftskrise so zu sein, die nicht nur den Immobilienboom in Dubai sehr plötzlich bremste, sondern auch viele Urlauber wegbleiben ließ.
Auf jenem Flug fort vom Emirat lernte Pedersen Klaus Dünnhaupt kennen, Geschäftsführer der gemeinnützigen deutschen Entwicklungsorganisation AGEF, in voller Länge heißt sie etwas bürokratisch „Arbeitsgruppe Entwicklung und Fachkräfte im Bereich der Migration und der Entwicklungszusammenarbeit“. Die AGEF betreibt in Deutschland, vor allem aber in ehemaligen (oder gar noch aktuellen) Kriegsgebieten wie Afghanistan, Irak und Kosovo Bildungseinrichtungen, ihre Auftraggeber sind nicht nur deutsche, sondern auch britische, dänische und schwedische Ministerien, außerdem die EU und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen. Dünnhaupt erzählte Pedersen während des gemeinsamen Fluges vom neuesten AGEF-Projekt, einem Ausbildungszentrum im nordirakischen Erbil, dem „European Technology and Training Centre“, kurz ETTC.
Das Haus bietet seit seiner Eröffnung im Frühjahr 2009 vor allem Rückkehrern in den Irak Aus- und Weiterbildungen an, in klassischen Handwerksberufen zumeist. Unterstützt wird das ETTC dabei auch von Privatunternehmen, so engagiert sich etwa die Daimler AG bei der Ausbildung von KfZ-Mechanikern – nicht ganz uneigennützig selbstredend. In Stuttgart erkennt man den kurdischen Nordirak offenkundig als zukünftigen Absatzmarkt, und irgendwer muss die Mercedes-Lieferwagen oder gar Limousinen dann ja auch reparieren können, wenn sie mal kaputtgehen.
Sandwichgrills und Waffeleisen
Peter Pedersen, in dessen Hotelschule in Rostock unter anderem drei Übungsküchen für Kochweiterbildungen stehen, hörte Klaus Dünnhaupt interessiert zu und stellte schließlich eine Frage: „Wie werden die Leute im ETTC eigentlich verköstigt?“ Das war dann wohl der Moment, in dem die Idee zur Hotelschule Erbil geboren wurde. Eine auf den ersten Blick erstaunliche Wahl: Nicht das glitzernde Dubai mit seinen Hoteltürmen und künstlichen Stränden, sondern die touristisch vollkommen unerschlossene Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan würde Standort der ersten HWBR-Auslandsdependance.
Die Ausbildung von Hotelpersonal ist aber auch gar nicht die vorrangige Aufgabenstellung der Schule in Erbil. Zumindest noch nicht. Denn noch geht es im kurdischen Nordirak nicht darum, Hotelküchen oder Kantinen mit geschultem Personal auszustatten – solche Großküchen gibt es dort einfach nicht. Dafür aber eine kleinteilige Wirtschaftsstruktur aus Bäckern, Imbissen, Teehäusern. Bald jedes dritte Geschäft in Erbil, sagt Pedersen, verkauft oder serviert etwas zu Essen. Hergestellt aber wird das fast ausschließlich mit altertümlichen Mitteln.
Und an dem Punkt kommt ein dritter Deutscher dazu, ohne den die Hotelschule Erbil vermutlich nur ein Gedankenspiel geblieben wäre: Otto Langguth ist Marketing- und Vertriebsleiter der Firma Silex, die unter anderem Sandwichgrills und Waffeleisen herstellt. Langguth und Pedersen kennen einander seit langem, in der Hotelschule Rostock stehen Geräte des Hamburger Herstellers. Der erhofft sich dadurch Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Herstellern: Wer an Silex-Grills lernt, wird womöglich später auch in seiner eigenen Küche welche benutzen wollen und nicht die der Konkurrenz.
In vergleichsweise neuen Absatzmärkten wie eben dem kurdischen Nordirak geht es jedoch zunächst darum, sich überhaupt als kleine Marke bekannt zu machen, und darin sah Langguth den Reiz der Hotelschule. Für Silex, aber auch für andere deutsche Mittelständler in dem Bereich Küchenausstattung und Gastronomiegewerbe. So schmiedete Langguth für das Hotelschulen-Projekt in Erbil eine zwar überschaubare, aber einigermaßen beispiellose Allianz deutscher Mittelständler – ein Konsortium aus insgesamt neun deutschen Firmen, darunter neben Silex etwa der Küchenhersteller MKN und der traditionelle Filterhersteller Melitta, der längst auch Kaffeemaschinen für die Gastronomie baut.
Ausbildung als Kaufanreiz
Die Hotelschule Erbil, die ab Anfang Mai in einem gerade fertig gestellten Anbau des ETTC ihren Betrieb aufnimmt und demnächst auch eine eigene Übungsherberge mit zehn Zimmern unterhalten wird, wird ausschließlich an und mit Produkten dieses Konsortiums arbeiten. Und damit sie auch wirklich als eine Art Vertriebsweg für die beteiligten Firmen funktioniert, hat sich Langguth ein neuartiges Marketing-Modell ausgedacht: Wer als Iraker Produkte der neun Unternehmen kauft, bekommt gratis einen Gutschein für einen Basiskurs an der Hotelschule dazu, drei bis vier Ausbilder aus Rostock werden dafür jeweils nach Erbil abgestellt, um bis zu maximal 60 Schüler auszubilden - in drei modularen, aufeinander aufbauenden und jeweils dreimonatigen Kursen.
„Es geht uns zunächst mal auch um Anregungen“, sagt Langguth: „Warum füllt der Bäcker an der Ecke in Erbil seine Fladen nicht mit etwas? Warum gibt es dort keine kleinen Coffeeshops, wäre das nicht ein Laden, mit dem sich zum Beispiel Frauen selbstständig machen könnten?“ Natürlich soll der Bäcker den gefüllten Fladen mit einem Silex-Grill zubereiten und die Coffeeshop-Besitzerin den Cappuccino mit einer Melitta-Maschine – Verkauf und praktische Grundausbildung, so die Idee, sollen Hand in Hand gehen. Erst in einem zweiten Schritt wird es in der Hotelschule Erbil neben diesen Basiskursen zukünftig auch eine modulare, bis zu neunmonatige Berufsausbildung für Köche, Servicepersonal und Gerätetechniker geben, die jedoch längst noch nicht mit einer deutschen Lehre vergleichbar sein wird.
Kochen? Bitte ohne Kippe!
Dafür, sagt Peter Pedersen, müsse man im Nordirak zu weit vorne anfangen, und man hört aus seinen Worten höflich gesagt das Erstaunen eines an höchste deutsche Ausbildungsstandards und beste technische Voraussetzungen gewöhnten Mannes über eine andere Kultur. Pedersen und Langguth waren mehrmals vor Ort, und auch die ersten Rückmeldungen ihrer nach Erbil vorausgeschickten Mitarbeiter bestätigen ihre Eindrücke: Es gibt aus Sicht der Deutschen eine Menge zu tun. Nicht nur, dass man es mit schwierigen infrastrukturellen Bedingungen zu tun hat, etwa was die noch recht abenteuerlich organisierte Stromversorgung in Erbil angeht. Da wäre, sagt Pedersen, zuallererst mal die Sache mit der Hygiene: „Wir müssen den Leuten zunächst mal beibringen, dass man unmöglich mit einer Zigarette im Mund kochen kann.“ Und um einen Stiel für einen Wischmob zu bekommen, habe einer seiner Mitarbeiter durch ganz Erbil fahren müssen. Wie man den Wischmob benutzt, dass man ihn überhaupt benutzt: auch das, sagt Pedersen, habe man den Leuten dann aber erst mal zeigen müssen.
Dass es möglicherweise auch anders geht, eben so, wie es die Menschen in Erbil bislang halten und immer gehalten haben – an den Gedanken hat sich Peter Pedersen scheinbar noch nicht gewöhnt. Womöglich aber werden die Deutschen, die nun zum Ausbilden nach Erbil kommen, ihrerseits genau das lernen: dass es auch anders geht. Und womöglich trifft man sich dann irgendwo in der Mitte zwischen deutscher Gründlichkeit und irakisch-kurdischer Improvisationskunst. So hätten am Ende alle was davon, die irakischen Kurden wie die Deutschen. Nicht nur wirtschaftlichen Gewinn. Aber bestenfalls auch den.
Foto: Hotelschule Erbil (HWBR.de)











