Provinz Diyala: Zwischen Aufbauen und Abhauen
27.07.2010  | Muhammad Abdullah   

Regionen / Irak im Porträt
E-mail   Print    


Während in der Region Kurdistan oder im Süden in Basra der Wiederaufbau bereits in vollem Gange ist, war in Diyala daran lange nicht zu denken. Al Qaida-Aktivisten hatten die Provinz zu einem islamischen Emirat erklärt. Nun kehren die ersten Flüchtlinge zurück und versuchen erst einmal, die Landwirtschaft wieder aufzubauen


Die 57-jährige Umm Madschid schaut sich in ihrem Haus um, bleibt mit ihrem Blick an jedem Gegenstand ihrer bescheidenen Unterkunft hängen. „Ich möchte mein Haus nie wieder verlassen müssen. Ich wohne liebend gerne hier und möchte in keiner anderen Stadt leben.“ Vor einem Jahr ist sie nach Diyala zurückgekehrt. Trotz schwingt in ihrer Stimme mit, wenn sie an die Zeit vor ihrer Flucht vor einigen Jahren denkt, aber auch Trauer. Damals hat sie hier ihren Sohn Madschid verloren. Er fiel dem konfessionellen Krieg zum Opfer, der hier in der Provinz Diyala von 2005 und 2007 wütete.

Die Provinz Diyala, die sechzig Kilometer nordöstlich von Bagdad beginnt und sich bis zur iranischen Grenze erstreckt, hat eine Bevölkerungsstruktur bunt wie ein Mosaik. In der Kleinstadt Al-Khalis, nördlich der Provinzhauptstadt Baaquba, lebten vor dem Sturz von Saddam Hussein Sunniten kurdische und arabische Schiiten und Turkmenen friedlich zusammen – bis Al-Qaida Aktivisten kamen und immer wieder Schiiten angegriffen. Die Al-Qaida-Kämpfer erklärten Diyala damals zu einem islamischen Emirat, ähnlich der Emirate, die sie in Afghanistan vor dem Sturz der Regierung errichteten. Die Saat ging auf, ein Bürgerkrieg entbrannte in Diyala. Die Stadt Al-Khalis spaltete sich wie andere Städte der Provinz in schiitische und sunnitische Gebiete. Versöhnungsversuche der Stammesführer, die die Einheit der Bevölkerung beschworen, scheiterten.

Wie Umm Madschid flüchteten daraufhin fast 400.000 Einwohner Diyalas. Die Schiiten unter ihnen in die Provinzen ihrer Glaubensbrüder, nach Nadschaf und Kerbala, die Sunniten nach Bagdad und Tikrit.

Die Landwirtschaftsbehörde ließ über 100 Gewächshäuser errichten

Nur ein Bruchteil ist bis heute zurückgekehrt. Im Gegensatz zu den sunnitischen Familien kehrten die schiitischen Familien nicht in ihre Heimat zurück. Burkan Khalaf Al-Hamidawi, einer der Repräsentanten des Bezirks Khan Bani Saad, südlich von Baaquba, bedauert das sehr, aber „die Angst vor Mitgliedern bewaffneter extremistisch-religiöser Gruppen ist einfach zu groß“. Denn mit den Familien kehren auch die bewaffneten Angriffe extremistischer Organisationen zurück. „Die irakischen und die amerikanischen Streitkräfte konnten zwar mehrere Landstriche zurückerobern, doch viele Familien wären weiterhin bedroht, wenn sie zurückkommen würden,“ sagt Raad Dschawad Al-Tamimi, der ehemalige Gouverneur von Diyala. Umm Madschid, selbst Schiitin, ist trotzdem vor einem Jahr zurückgekehrt. Wer soll eine alte Frau schon bedrohen? Dachte sie sich.

Und tatsächlich hat sie eher mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen. Die meisten Rückkehrer treffen auf eine schwierige Situation vor Ort. Denn die Extremisten haben nicht nur Menschen getötet, sondern den Überlebenden auch die Lebensgrundlage geraubt. „Sie brannten die schönen Palmenplantagen und die Zitronenbäume nieder. Wie können diese Verbrecher von sich behaupten, Muslime zu sein?“ schimpft Umm Madschid. Sie hat wie die meisten in der Gegend von den Erträgen der Landwirtschaft gelebt. Zwei Drittel der Bevölkerung erwirtschaftete im „Obstgarten des Iraks“ ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft. Wegen der ausgedehnten Orangen- und Zitronenhaine bekam die Provinz Diyala den Beinamen „Zitrusprovinz“. Nun muss der Landwirtschaftssektor wieder aufgebaut und Arbeitsplätze geschaffen werden.

Erste Schritte hat die Landwirtschaftsbehörde bereits unternommen. Für 1,4 Millionen Euro ließ sie über hundert Gewächshäuser nördlich von Baaquba errichten. Ungelöst ist noch das Problem mit dem Wassermangel. Auch die Stromerzeugung ist unzureichend. Lediglich die Hälfte des Strombedarfs kann derzeit gedeckt werden. Bislang zeigten sich nur russische Firmen interessiert, das Wasserkraftwerk am Diyala-Stausee wieder zum Laufen zu bringen. Anfang September 2009 traf der russische Energieminister Sergey Shmatko mit seinem irakischen Amtskollegen Kareem Waheed Hassan in Bagdad zusammen, um den Wiederaufbau der Wasserkraftanlage in Al-Adhim zu besprechen.

Selbst im Bereich Öl und Gas geht es eher schleppend voran. Kapital ist eben bekanntermaßen feige. Während bei den Auktionen vor allem im Südirak zehn Ölförderlizenzen an ausländische Konzerne vergeben werden konnten, interessierte sich niemand für das Feld al-Mansuriya in der Provinz Diyala. Nun hofft die Lokalregierung auf die Ergebnisse der Ausschreibungen von drei noch unerschlossenen Gasfeldern, eines davon das Mansouriya-Feld in Diyala. Rund 45 Energiekonzerne haben sich nach Angaben des Ölministeriums Angebote abgegeben; Anfang September werden die ersten Vertragsabschlüsse erwartet. Ob das Mansouriya-Feld darunter sein wird, ist noch unklar.

Diyala könnte auch wieder Touristen locken

Diyala hat noch mehr zu bieten. Die Provinz war bei Sommerfrischlern aus der nahen Hauptstadt sehr beliebt – bevor die Extremisten sich hier einnisteten. Ein irakischer Investor aus den Emiraten will nun wieder Urlauber anlocken. Er will ein Touristenressort, die „Sommerhauptstadt des Iraks“, errichten lassen. Fünf-Sterne-Hotels, Freizeitanlagen und künstliche Seen sollen zwischen den Hamrin-Bergen und dem Distrikt Khalis entstehen. 25 lokale Baufirmen wurden für die Bauarbeiten bereits unter Vertrag genommen – Arbeitsplätze, die hier dringend gebraucht werden.

Zögerlich geht es bergauf, immer mit Rückschritten, mit neuerlichen Attentaten und explodierenden Bomben. Erst im vergangenen Monat wurden bei zwei Detonationen über 300 Menschen in den Tod gerissen und verletzt. Nicht selten sind rückkehrende Familien Opfer solcher Angriffe. Aber nicht nur Gewaltakte, sondern auch „Blindgänger“ in der Erde Diyalas erschweren einen Neuanfang. Umm Madschid vermutet das Schlimmste: „Wahrscheinlich haben die Extremisten sogar Massengräber hinterlassen - wer weiß.“ Und auch im täglichen Leben werfen die bewaffneten Auseinandersetzungen der Jahre 2006 und 2007 immer noch einen dunklen Schatten auf die sozialen Beziehungen der Menschen innerhalb der Stadt.

In Diyala sind Religions- und Volkszugehörigkeit und die Loyalitäten der einzelnen Gruppen verworren und undurchsichtig. Die Gleichung Schiiten gleich Araber geht hier nicht auf. Und die Gleichung Kurden gleich Solidarität mit der Region Kurdistan geht ebenfalls nicht auf. Unter den Schiiten Diyalas gibt es Araber als auch Kurden. Die schiitischen Kurden identifizieren sich eher mit ihren arabischen Glaubensgenossen als mit der ethnischen Gruppe der Kurden. Die Solidarität der arabischen Schiiten mit den Kurden entstammt den gemeinsamen Erfahrungen der Unterdrückung. „Saddam Hussein hat in den achtziger Jahren etwa 40.000 kurdische Schiiten in den Iran vertrieben und gleichzeitig arabisch schiitische Familien nach Kirkuk und in andere Städte mit sunnitischer Mehrheit umgesiedelt,“ sagt Nuzad Hammah, selbst kurdischer Schiit. Viele Kurden halten deswegen gar nichts von den Ansprüchen der angrenzenden Region Kurdistan auf Teile von Diyala, insbesondere die Stadt Al-Khalis und den Distrikt Khanaqin. Die Araber lehnen die Annektierung sowieso ab.

Die Bewohner Diyalas sind müde vom Konfessionalismus und dem Druck aus Erbil. Die Parlamentswahlen im März haben das gezeigt: In den nordirakischen Provinzen Kirkuk und Ninawa, die ähnliche Vielvölkerprovinzen wie Diyala sind und an die Region Kurdistan grenzen, siegte die säkular orientierte Irakische Liste von Iyad Allawi, dicht gefolgt von der Kurdischen Allianz. Auch in Diyala siegt die Iraqiya-Liste mit einem großen Vorsprung. Allerdings wurde hier die zweitstärkste Kraft nicht die Kurdische Allianz, sondern die Allianz für den Rechtsstaat des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri Al-Maliki.

Die Regionalregierung unterstützt die Rückkehrer

Da die Regierungsbildung auf sich warten lässt, konzentrieren sich die Verantwortlichen von Diyala auf die Sicherung der Lage vor Ort. „Wir versuchen alles,“ sagt Ghaleb Atyah Al-Karakhi, der Pressesprecher der Polizeiführung in Diyala, „damit die konfessionellen Unruhen in den Bezirken der Stadt nicht erneut entfacht werden können, obgleich die radikalen bewaffneten Gruppen alles Mögliche versuchen, um genau dies zu erreichen“. Al-Karakhi ist der Überzeugung, dass die Religionsführer die Menschen besser aufklären sollen, „indem sie den Terroristen die religiöse Rechtfertigung für ihre Taten absprechen und sie zu Ungläubigen erklären.“

Genauso müssen die Stämme Verantwortung tragen, um die Bevölkerung wieder zu einen. Denn nicht wenige Stämme haben zur Gewalt noch beigetragen. „Die Stammesführer, die in den neunziger Jahren von dem damaligen Präsidenten Saddam Hussein anstelle der legitimen Führungspersönlichkeiten eingesetzt wurden, waren die ersten, die Al-Qaida unterstützt haben, um ihre Macht behalten zu können,“ sagt Scheich Nasser Al-Hazal, einer der angesehensten Stammesführer der sunnitischen Anza-Stämme. Diese lehnen die Al-Qaida ab, „weil die Qaida unsere Stammesführer beleidigt und das Hab und Gut unserer Stämme geraubt hat. Unsere schiitischen Brüder sollten diese Haltung nie vergessen.“

Neben der Versöhnung aller Gruppen bemüht sich die neue Regionalverwaltung, für die Rückkehrer eine wirtschaftliche Grundlage zu schaffen. Vertriebene Familien, die all ihr Hab und Gut verloren haben, sollen entschädigt werden. Doch ausgerechnet die Verantwortlichen für die Verteilung der Entschädigungsgelder veruntreuten sie. Ein zuständiger Beamter flüchtete, nachdem deswegen ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde. Die Stadtverwaltung von Al-Khalis ließ daraufhin Telefonnummern einrichten, damit die Bürger sich schnell beschweren können. Auch die Integritätskommission, die landesweit gegen Korruption vorgeht, ließ jetzt Bürgertelefone einrichten.

Umm Madschid kann das alles nicht abschrecken. Lange genug hat sie ihr Zuhause entbehrt, das war noch schlimmer als vieles andere. Sie stellt sich einen leeren Wasserkanister auf ihrem Kopf, geht los und sagt noch: „Auch das Wasser hat an keinem anderen Ort so gut geschmeckt wie das hier Diyala.“

 

Foto: Warrick Page (REUTERS/picture-alliance)