Die Sammlerin
22.11.2011  | Waheed Ghanim   

Regionen / Irak im Porträt
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Oum Hussein ist alleinerziehende Mutter und arbeitet bei der Müllabfuhr. Eine Geschichte von Schande und dem Segen des Schleiers


Zehn Kinder hat sie schon zur Welt gebracht, obwohl sie erst 35 Jahre alt ist. Ihr Alter, ihr Name? Über diese Fragen muss Oum Hussein erst einen kurzen Moment nachdenken, ehe sie antworten kann. Auf ihren richtigen Namen hört sie sowieso nicht, sagt sie schließlich lachend, deshalb ist er auch gar nicht so wichtig. Wenn sie spricht, werden die Falten in ihrem Gesicht tiefer. Falten, die eigentlich nicht zu ihrem Alter passen. Ihren ersten Sohn hat sie bereits mit 16 bekommen. Seitdem nennen sie alle nur noch Oum Hussein – Husseins Mutter.

Ihr Mann hat als Fahrer gearbeitet, bevor er krank wurde. Fünf Jahre lang hat Oum Hussein ihren vor drei Jahren verstorbenen Mann gepflegt – und gleichzeitig die Familie versorgt. Sie hat in Haushalten gearbeitet, geputzt, auf den Straßen Taschentücher oder kleine Andenken verkauft, gebettelt und Müll gesammelt, um über die Runden zu kommen. Ausgerechnet beim Müllsammeln wurde ihr ein Job angeboten. Ironie des Schicksals, wie sie sagt: „Früher habe ich nach brauchbaren Gegenständen im Müll gesucht. Heute sammele ich Abfälle und bekomme dafür Geld.“

Oum Hussein ist eine von 20 Frauen in Basra, die gegen einen Monatslohn von umgerechnet 250 Dollar für ein Müllunternehmen arbeiten. Sie alle tun das nicht freiwillig. Sie alle brauchen ein sicheres Einkommen. Jeden Morgen trifft sich Oum Hussein mit ihnen in einer ehemaligen Grundschule im Stadtviertel Hayaniya; die Schicht beginnt kurz vor fünf. In einem kleinen Raum ziehen sie sich um. Schlüpfen in gelbe Plastikwesten, streifen Arbeitshandschuhe über, steigen in Stiefel und setzen sich eine Baseballkappe auf den Kopf. Nur widerwillig tun sie das. Oum Hussein stören die Handschuhe besonders. „Sie sind so männlich“, sagt sie.

Aber es geht nicht nur um den persönlichen Geschmack. Mit der Arbeitskleidung sind die Frauen auf den Straßen sofort zu erkennen – und das mag keine von ihnen. Denn im schiitisch geprägten Basra begreifen es viele Familien als Schande, wenn ihre weiblichen Mitglieder arbeiten gehen. Oum Hussein versteckt ihr Gesicht hinter einem schwarzen Schleier, um nicht erkannt zu werden. Sie will nicht, dass ihre Kinder Probleme bekommen. Keines von ihnen hat je eine Schule besucht. Denn Bildung „macht keinen Bauch voll“, sagt Oum Hussein.

Ihre drei Söhne mussten sich Arbeit suchen. Der ältere hatte Glück und fand einen Job als Träger bei einem Zementhändler in der Stadt. Zu den Haushaltskosten kann er trotzdem wenig beisteuern. Er muss für ein Tuck-Tuck sparen. „Danach kann er, wenn Gott es will, deutlich mehr verdienen.“ Ihre älteste Tochter hat Oum Hussain vor kurzem verheiratet. „Eine Last weniger.“ Es sind aber noch sechs Mädchen da. „Auch die werde ich so schnell wie möglich verheiraten.“ Sie hofft, dass ihre Töchter ein besseres Leben führen können als sie selbst. Dafür betet sie jeden Tag zu Gott.

Ihre älteste Tochter hat Oum Hussain vor kurzem verheiratet. „Eine Last weniger.“

Das Viertel Hayaniya ist eines der ärmsten in Basra. Dicht an dicht stehen hier kleine Hütten mit Blechdächern. Nur enge Gassen, die von Kindern als Spielplatz benutzt werden, trennen die Blocks voneinander. Oum Husseins Hütte besteht aus einem großen und einem kleinen, neu gebauten Zimmer. Dafür hat Oum Hussein einen Kredit aufgenommen und muss jetzt jeden Monat eine Rate von umgerechnet 100 Dollar zahlen. Auf dem Boden des großen Zimmers, das der Familie als Wohn- und Kochraum dient, liegen Teppiche, auf dem Boden sind Kissen verstreut. In der einen Ecke steht ein Fernseher, gegenüber sind Herd und Kühlschrank. An den Wänden hat Oum Hussein Bilder von schiitischen Heiligen aufgehängt. Auch Moktada Sadr ist dabei. Mit böser Miene und gestrecktem Zeigefinger schaut er aus dem Bild raus, als würde er auch hier vor moralischen Entgleisungen warnen.

In der Hütte liegen hier und da alte Gerätschaften, Kleider und weitere Gebrauchsgegenstände, die Oum Hussein oder eines ihrer Kinder von dem Müll gesammelt haben. Vieles davon ist unbrauchbar. Frauen wie sie dürfen nicht in den reichen Gegenden von Basra nach wertvollem Müll suchen. Dort kann man Lebensmittel, Gold oder sogar Waffen finden. Früher hat Oum Hussein es trotzdem versucht, „bis mir der Zugang dorthin von einer Bande verboten wurde". Dort gibt es überall organisierte Gruppen, die die reichen Bezirke unter sich aufteilen. Umso dankbarer ist sie für ihren jetzigen Job. Da nimmt sie die gelbe Weste in Kauf. Sogar die Handschuhe. Eines Tages, daran glaubt sie fest, werden ihre Kinder sie unterstützen. Und dann wird sie das ganze Gerümpel in den Müll schmeißen.

 

Die Geschichte von Waheed Ghanim wird Teil des Magazins Irak & Ich, das die Wirtschaftsplattform Irak am Ende des Jahres veröffentlichen wird.

 

Foto: Kamaran Najm (Metrography)