Abwassermisere in Kirkuk: Spül mir das Lied vom Tod
16.11.2009  | Diyaa Al-Khalidi   

Regionen / Politik
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Nur wenige Häuser sind an die Kanalisation angeschlossen, die Kläranlage ist seit langem kaputt, die Flüsse sind hoffnungslos verdreckt. Diese und ein Haufen anderer Gründe, warum Kirkuk dringend ein neues Abwassersystem braucht


Wer in den Straßen und Gassen der Stadt Kirkuk unterwegs ist, wird sich eher im Mittelalter als im Irak der Neuzeit wähnen: Entlang der meisten Straßen fließen kleine, stinkende Rinnsale, die sich durch primitiv ausgegrabene Furchen ihren Weg bis zum nächsten Ablauf bahnen. Vielerorts fließt das Abwasser aus den Häusern direkt auf die Straße, um schließlich irgendwo zu versickern. Je nach Wassermenge bilden sich auf den Straßen der Stadt kleine Sumpflöcher. Frösche, Fliegen, Mücken und andere Insekten tummeln sich in der grau-braunen Brühe. Willkommen in Kirkuk, der größten Kloake des Nordiraks!

Einige Stadteile wie etwa Al-Asra, Al-Mafqudin und Dumiz kann man ohne Atemschutz eigentlich kaum noch betreten: Sie liegen am Ufer des Flusses Khassa, der überschwemmt ist von Dreck und Fäkalien. Zu allem Überfluss ist auch noch Kirkuks einzige Kläranlage außer Betrieb. Sämtliche Reparaturversuche der Stadtverwaltung schlugen fehl. Kirkuk droht der Untergang – im eigenen Dreck.

Diagnose: Darmerkrankung

Für Ramadan Faris, den Vorsitzenden der Abwasserbehörde in Kirkuk, ist die Situation eine einzige Tragödie: „Die Verunreinigung des Grund- und Flusswassers stellt eine ernst zu nehmende Gefahr für die Umwelt dar. Viele Bewohner der Stadt leiden bereits an Haut- und Atemwegserkrankungen.“ Besonders unerträglich ist es im Sommer, wenn Kirkuk regelrecht unter einer Gasglocke versinkt. Wenn dazu nachts noch der Strom ausfällt und die Klimaanlage versagt, kann die Bevölkerung nicht einmal – wie sonst im Irak üblich – vor der Hitze auf die Häuserdächer fliehen: Die stinkende Brise dort oben hält keiner aus.

Dabei ist der Geruch längst nicht das schlimmste. „Wenn in dicht besiedelten Vierteln wie Ahmad Agha, Al-Shurdscha, Al-Wassiti, Raheem oder Al-Huwaidscha – Gott möge uns beistehen – wegen den miserablen hygienischen Bedingungen Krankheiten ausbrechen sollten, werden sie sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit verbreiten. Das wird nur schwer aufzuhalten sein,“ sagt Ramadan Faris von der Abwasserbehörde.

Abwasserproblematik

Im August 2007 wäre es fast soweit gekommen: In Kirkuk, Bagdad und anderen Städten mit schlechten sanitären Bedingungen und mangelhafter Trinkwasserversorgung brach die Cholera aus. Innerhalb von vier Monaten starben 24 Menschen im Irak, die meisten in Kirkuk, Arbil und Sulaimaniya. Nur durch Sofortmaßnahmen der irakischen Regierung und der Vereinten Nationen sowie Aufklärungskampagnen für die Bevölkerung konnte eine Epidemie verhindert werden. Laut UNICEF waren im Jahr 2007 Durchfallerkrankungen nach der Lungenentzündung die zweithäufigste Ursache, an denen Kinder erkrankten oder sogar starben.

Wer macht die Drecksarbeit?

Dabei fing im Jahr 2003 alles so viel versprechend an. Nach dem Sturz von Saddams Regime frohlockten die Bewohner von Kirkuk: „Jetzt ist endlich Schluss mit der Mangelwirtschaft!“ Vor allem ein flächendeckender Anschluss an ein funktionierendes Kanalisationssystem stand ganz oben auf der Wunschliste der Einwohner. Heute hat sich Ernüchterung breitgemacht. Bislang sind lediglich drei Prozent der Stadtfläche an ein intaktes Abwassersystem angeschlossen; gerade einmal vier Stadtviertel mit insgesamt 3.081 Haushalten. Geht man davon aus, dass der durchschnittliche Haushalt aus fünf Personen besteht, kommt man auf eine Zahl von 15.405 Personen, die an die Kanalisation angeschlossen sind – und das bei einer Gesamteinwohnerzahl von offiziell 850.000. Inoffizielle Zahlen sprechen sogar von 1,5 Millionen Einwohnern.

Immerhin: das Abwassernetz für Regenwasser funktioniert zumindest einigermaßen. Rund 30 Prozent der Stadtfläche sind mit ihm verbunden, also zehn Mal mehr als mit der Abwasserkanalisation. Dennoch ist die Lage nicht unproblematisch. Die Regenabflüsse sind komplett überlastet, da viele Anwohner Müll und Haushaltsabwässer in die Abflussrohre laufen lassen.

Die meisten Bewohner von Kirkuk müssen sich in Ermangelung einer Kanalisation mit Klärgruben behelfen: Meist bestehen diese aus einem rechteckigen Steinkubus, der im Boden unter dem Hof des Hauses eingelassen ist und mit einer Betonplatte verschlossen ist. Ungefähr alle sechs Monate kommt ein Lastwagen und pumpt die Gruben leer. Jede Entleerung kostet ungefähr fünfzig Dollar. Doch nicht nur die hohen Kosten dafür sind ein Problem. Viele Klärgruben sind bis zu 70 Jahre alt. Da der Beton mit der Zeit brüchig wird, kommt es immer wieder zu Unfällen: Kinder fallen in die Grube oder ein im Hof parkendes Auto stürzt durch die Abdeckplatte in das darunter liegende Loch.

Wer bekam die Entwicklungshilfe?

Die Stadtverwaltung ist mit der Situation völlig überfordert. Das Abwasserproblem ist zwar seit Jahren bekannt, nur lösen will es offensichtlich niemand. Warum nur? Um die Strukturen von Kirkuk zu verstehen, muss man die Geschichte der Stadt kennen. Drei Volksgruppen – Araber, Kurden und Turkmenen – streiten sich um das politische Erbe, das Saddam Hussein hinterlassen hat. In den neunziger Jahren wurden kurdische Familien zwangsumgesiedelt, um aus dem überwiegend kurdisch geprägten Stadtbild ein arabisches zu machen. Heute wollen diese Familien ihren enteigneten Besitz zurück. Hinzu kommt, dass in und um Kirkuk riesige, zum Teil nicht-erschlossene Erdölvorkommen sind. Kurz: Kirkuk befindet sich im Ausnahmezustand. Und der betrifft allen Bereiche des Lebens: Wirtschaft genauso wie die kommunale Infrastruktur. Investoren schreckt das ab. Denn große Wiederaufbauprojekte und wirtschaftlicher Aufschwung brauchen Sicherheit und politische Stabilität. Bleibt nur die Frage: Wohin sind die Entwicklungsgelder geflossen, wenn nicht ins Abwassersystem?

Kaako Rashid, ein fliegender Händler aus Kirkuk, denkt wie viele enttäuschte Iraker: „Korruption, Korruption, überall regiert die Korruption!“ Ramadan Faris, der Vorsitzende der Abwasserbehörde in Kirkuk, aber sagt: „Korruption hat damit überhaupt nichts zu tun. Kern des Problems sind die Gesetzgebung und Bürokratie.“ Für ihn liegen die Gründe, dass noch keine Projekte im Bereich Abwassermanagement realisiert wurden, in der noch nicht abgeschlossenen Stadtplanung: „Man kann nicht das eine anfangen, ohne das andere abgeschlossen zu haben.“

Für die Stadtplanung allerdings ist das Ministerium für kommunale Angelegenheiten, das der Zentralregierung in Bagdad untersteht, verantwortlich. „Kürzlich wurde uns aber mitgeteilt, dass die Stadtplanung bald vom Ministerium in Bagdad angegangen werden soll,“ sagt Ramadan Faris. 1,3 Milliarden Dollar würde der Bau einer flächendeckenden Kanalisation kosten. Der Staatshaushalt für das kommende Jahr ist bereits abgesegnet: Das Ministerium für kommunale Angelegenheiten hat eigens für die Verbesserung der sanitären Versorgung in Kirkuk ein Budget aus dem Haushalt 2010 bereitgestellt. In den kommenden Tagen soll das Projekt ausgeschrieben werden. Für Kirkuk scheint endlich eine Klärung in Sicht.

 

Fotos: Yahya Ahmed (1) (AP Photo), Diyaa Al-Khalidi (1) (WPI)