Branchen / Konsumgüter
Jetzt hat auch der Irak seinen Lebensmittelskandal: Händler importieren verdorbene Ware und verkaufen sie auf den Märkten im Land, oft mit gefälschten Haltbarkeitsdaten. Ihre Kunden landen in den Notaufnahmen der Krankenhäuser - mit lebensbedrohlichen Vergiftungen
An diesem Tag war es mal wieder so weit: In der Notaufnahme des Krankenhauses Baghdad Medical City im Bagdader Stadtteil Bab Al-Muatham wurde eine Familie eingeliefert, die Diagnose stand schnell fest: Akute, schwere Vergiftungen und zwar bei allen16 Mitgliedern. Klinische Befunde und Laborergebnisse führten Gott sei Dank schnell zur Ursache: Die gesamte Familie hatte verdorbene Lebensmittel gegessen. Die Ärzte konnten gerade noch rechtzeitig helfen, nach einigen Tagen wurde die Familie entlassen.
Natürlich fragten die Ärzte, wie genau sie zu sich genommen hätten, und die Familie erzählte, dass sie Würstchen in Konserven bei einem Straßenverkäufer in Bab Al-Muatham, einem bekannten Straßenmarkt in Bagdad, gekauft und sie zum Abendessen mit etwas Salat zubereitet habe. Da sie sich sonst nicht viel leisteten, fügte sie hinzu, hätten sie sich sehr auf die Abwechslung auf ihrem Speiseplan gefreut. Auch seien die Würstchen erschwinglich gewesen, für alle habe der Händler nur 1,50 US-Dollar genommen.
Das Krankenhaus leitete diese Informationen sofort an die Aufsichtsbehörde des Gesundheitsministeriums weiter, damit sie das Produkt sofort vom Markt nimmt – so wie sie in diesen Fällen immer verfährt. Dutzende von vergifteten Patienten kommen jedes Jahr in irakische Krankenhäuser, die meisten haben schlechte Lebensmittel zu sich genommen. Ein Grund liegt auf der Hand: Insbesondere im Sommer verderben viele Waren schnell, weil sie falsch gelagert werden und dann auf den Straßenmärkten wie Bab Al-Muatham, Bab Al-Sharki und Al-Aura in Sadr City auch noch in der prallen Sonne stehen. Und gerade diese Märkte sind besonders beliebt, weil sie die Lebensmittelpreise im Vergleich zu den Märkten der anderen Wohngebiete deutlich günstiger anbieten.
Das hat seinen Grund, und er ist der eigentlich skandalöse: Nicht wenige der Waren, die unter der glühenden Hitze auf ihre Käufer warten, sind überdies bereits abgelaufen oder nur noch wenige Tage genießbar. Kunden, die nicht genau hinschauen, kann das schnell entgehen. Aber selbst, wenn sie es täten: Nicht selten sind die Haltbarkeitsdaten gefälscht, denn einige Großhändler betreiben das Geschäft mit verdorbenen Lebensmitteln systematisch und in großem Stil: Sie kaufen alte Ware im Ausland, versehen sie bereits dort oder spätestens im eigenen Land mit falschen Etiketten und geben die Ware anschließend an Kleinhändler weiter - die damit auf die lokalen Märkte gehen. Die meisten Produkte kommen aus China, der Türkei und dem Iran, und Marken wie „Halal“, „Kala“, „Doua“, „Sabah“ und „Gloria“ haben mittlerweile ihren festen Platz auf dem Speiseplan irakischer Familien.
Haidar Salim Madschid hat auch einen Stand auf dem Markt Bab Al-Muatham, und auch er verkauft Waren dieser Marken: Dosenfleisch, Käse, Speiseöle, Hülsenfrüchte und diverse andere Lebensmittel. Wie andere Verkäufer weiß er, dass den Menschen hier schlechte Ware angeboten wird, glaubt aber, dass seine sauber ist.
Warum er da so sicher ist? Während Haidar Salim Madschid seine Kunden bedient, erzählt er, dass die meisten Händler hier ihre Ware auf den so genannten „Dschumaila“ – Märkten kaufen, den berühmtesten Lebensmittelgroßmärkten Bagdads. Zwar könnten sie dort auswählen, welche Ware sie kaufen wollen. Doch in bestimmten Fällen bekämen sie ihre Lebensmittel nur zusammen mit verdorbener Ware oder solcher, deren Haltbarkeitsdatum in Kürze abläuft. „Ich persönlich lehne es ab, mit solchen Händlern zusammen zu arbeiten“, sagt er.
Aber auch er gibt zu, die Haltbarkeitsdaten beim Kauf der Ware nicht immer zu überprüfen – schon gar nicht darauf, ob sie möglicherweise gefälscht sind. So kam es, dass auch er schon einmal verdorbene Ware hatte, sie blieb liegen, weil aufmerksame Kunden es gemerkt hatten. „Ich habe dem Importeur sofort alles zurückgegeben.“
Die Aufsichtsbehörde des Gesundheitsministeriums hat ihre Arbeit in den vergangenen drei Jahren intensiviert und allein zwischen Januar und Ende August vergangenen Jahres bereits 8.453.234 Kilogramm an festen und 3.122.148 Kilogramm an flüssigen Lebensmitteln konfisziert und vernichtet. Außerdem hat sie bereits 6.615 Geschäfte und 492 Fabriken geschlossen, weil sie in die Änderung von Haltbarkeitsdaten und den Handel mit manipulierten Produkten auf den lokalen Märkten verwickelt waren.
Für die Menschen kommen solche Maßnahmen häufig zu spät. Zwar warnt die Zentralbehörde für Standardisierung und Qualitätskontrolle von Zeit zu Zeit vor bestimmten Arten von Lebensmitteln. Allerdings tut sie es immer erst dann, wenn die Ware bereits auf den Märkten ist und große Mengen davon konsumiert wurden – und es häufig also schon zu spät ist.
So lange die Grenzkontrollen so nachlässig sind, wird sich an dem Problem kaum etwas ändern. Importierte Lebensmittel werden so gut wie nicht kontrolliert, frühestens, wenn sie in den Regalen oder auf den Ständen angeboten werden. Außer in der Region Kurdistan: Die Regionalregierung lässt die Ware bereits an der Grenze unter die Lupe nehmen und ungenießbare Lebensmittel sofort aussortieren. Im September 2009 beispielsweise wurden 113 Tonnen am dem Grenzübergang Perwizkhan zwischen Kurdistan und Iran vernichtet: Milchprodukte, Tomatenmark und Bier, Kekse und verschiedene Sorten Kartoffelchips.
Adel Mahdi Munsib, irakischer Wirtschaftsexeperte und Geschäftsführer der Organisation für „Gesundheit und Nahrung“, schlägt vor, gut ausgebildete Nahrungsmittelkontrolleure an den allen bedeutenden Grenzübergängen zu stationieren – ähnlich wie in der Provinz Kurdistan – und außerdem Laboruntersuchungen für importierte Waren anzuordnen.
Adel Mahdi Munsib weist noch auf ein anderes Problem im Lande hin: Selbst wenn verdorbene Lebensmittel rechtzeitig entdeckt würden, einigten sich Händler und Vertreter der Kontrollbehörden nicht selten untereinander, die Schuldigen kämen oft ungestraft davon. „Die strengen Auflagen und harten Strafen, die einst für Importeure und Händler von verdorbenen Lebensmitteln gegolten hätten – in manchen Fällen sogar die Todesstrafe –, sind durch mildere Strafen ersetzt worden.“ Heute bekämen die Täter schlimmstenfalls eine Geldstrafe oder ihnen werde die Importlizenz entzogen. Und oft genug würden die Strafen im Nachhinein wieder aufgehoben.
Der irakische Staat müsse wieder neue, klare Gesetze für den Import von Lebensmitteln erlassen, um seine Bürger zu schützen, fordert Adel Mahdi Munsib. Immerhin zeigten die jüngsten Statistiken seiner Organisation „Gesundheit und Nahrung“, dass der Irak in den vergangenen drei Jahren 98 Prozent seiner Lebensmittel aus dem Ausland importiert hat. Abgesehen von der gesundheitlichen Gefährdung seiner Bürger verliere das Land auch noch zwischen 250 und 300 Millionen Dollar durch den Import bereits verdorbener Ware.
Ahmed Saadun, ein Mitglied der Familie, die in das Bagdader Krankenhaus wegen der verdorbenen Würstchen eingeliefert wurde, fühlt sich für das, was seiner Familie widerfahren ist, verantwortlich. Schließlich war er es, der auf die günstigen Würstchen aufmerksam geworden war und sie gekauft hatte. Aber wenn er sich nicht mal auf das Haltbarkeitsdatum verlassen kann? Dann können er und seine Familie jederzeit wieder in der Notaufnahme landen. Und vielleicht haben sie beim nächsten Mal nicht mehr so viel Glück.
Foto: Ed Darack (AFP/Getty Images)











