Salziger Beigeschmack
18.10.2011  | Ammar Saleh   

Branchen / Konsumgüter
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Im Südirak steht eine Salzfabrik, die den Bedarf des ganzen Landes decken könnte. Aber die Provinzregierung hat kein Geld für die Sanierung, Bagdad zeigt kein Interesse – und so verrottet eine Anlage, die hohe Gewinne abwerfen könnte


Wer das Salzwerk in Al-Fao, etwa 60 Kilometer südlich von Basra, besuchen will, der wird von versteinerten Salzhügeln begrüßt. Sie posieren da, mahnend, vorwurfsvoll beinahe als wollten sie sagen: Wann kommt endlich jemand und interessiert sich für uns?

Eigentlich hätte alles gut werden können. Denn eigentlich hatte das irakische Industrieministerium 2010 entschieden, dass das Werk den Betrieb wiederaufnimmt. Aber daraus wurde nichts – der Versuch des Ministeriums, einen Investor zu finden, scheiterte immer wieder. Geschäftsführer Haydar Dschabbar Sadschet glaubt zu wissen, warum: „Die Zentralregierung kann die Projekte hier in Basra auf dem internationalen Markt nicht gut vermarkten.“ Seitdem liegt das Gelände brach.

Das Salzwerk wurde 1979 von einem internationalen Konsortium gegründet und während des Kriegs zwischen dem Irak und seinem Nachbarland Iran komplett zerstört. 1990 wurde die Anlage neu gebaut – mit vier Becken zur Entsalzung von Meereswasser aus dem arabischen Golf. Das Werk sollte 500.000 Tonnen Salz pro Jahr produzieren, wie Geschäftsführer Sadschet erläutert. Vorgesehen sei auch gewesen, Raffinerien, Papier- sowie Textilindustrie mit Natriumchlorid zu beliefern.

Das Salzwerk ist eins von sechs großen staatlichen Projekten in der Provinz Basra, die eigentlich vom Industrieministerium voran gebracht werden sollten. Denn sie alle leiden unter den Folgen der Zeit kurz nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003; die meisten Anlagen wurden geplündert. Aber nun ist von der Zentralregierung in Bagdad nur immer wieder zu hören, dass es keine Mittel gibt, um die staatseigenen Anlagen zu sanieren.

Mit den schmalen Mitteln, die dem Werk zur Verfügung stehen, versucht es, einen Produktionsplan aufzustellen, um etwa 50.000 Tonnen Salz pro Jahr zu produzieren. Geschäftsführer Sadschet versucht darüber hinaus, lokale Abnehmer für das versteinerte Salz zu finden, das hier überall zu finden ist – etwa 62.000 Tonnen, die dort teilweise seit 2003 herumliegen.

„Salz braucht man in fast allen Industriebereichen. Und wir könnten das ganze Land beliefern.“

Laut Sadschet sind mehr als 30 Millionen US-Dollar nötig, um das Salzwerk komplett sanieren zu können und die Höchstkapazität zu erreichen. Unter anderem müsste der Kanal, der Meereswasser in die Anlage führt, vertieft und Pumpen angeschafft werden, die etwa 35 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr in den Kanal bringen. Auch Investitionen in die Stromversorgung seien nötig, um das Wasserwerk mit der nötigen Energie zu versorgen.

„Die Provinzregierung kann solche hohen Summen gar nicht aufbringen“, heißt es aus dem Investitions- und Entwicklungskomitee der Provinzregierung in Basra. Bedauernd wird hinzugefügt, dass die brachliegenden Fabriken die ganze Region wirtschaftlich enorm schädigen. Um die Arbeitslosigkeit zu verringern, habe die Regierung in Basra zwar Facharbeiter aus diesen Fabriken in andere Behörden versetzt. Kaum verhehlt wird aber auch, dass so eine verdeckte Arbeitslosigkeit entstanden ist: „Denn diese Leute werden in den Behörden gar nicht gebraucht.“

Und diese verdeckte Arbeitslosigkeit verursache noch mehr wirtschaftliche Schäden, schimpft Khalil Tamer, Ingenieur im Salzwerk in Al-Fao. Die Inbetriebnahme des Salzwerkes hingegen könnte positive Signale setzten und Auswirkungen auch auf andere Produktionsstandorte haben. „Salz braucht man in fast allen Industriebereichen. Und wir könnten das ganze Land beliefern.“ Bei voller Auslastung würde das Werk deshalb auf keinen Fall Verluste erwirtschaften. „Wir brauchen lediglich 70 hochqualifizierte Fachkräfte. Unser Rohstoff ist das Meereswasser, und das ist unendlich vorhanden. Zudem wird Salz als Produkt an den internationalen Börsen gehandelt.“

Safaa al-Matturi ist Inhaber einer kleinen Tafelsalzfabrik in Basra. Sein Geschäft hat bessere Zeiten erlebt. Seitdem das Salzwerk in Al-Fao nicht mehr richtig läuft, bekommt Safaa al-Mattouri kaum Rohsalz. „Wir gehen in die Sümpfe, um nach Salz suchen. Aber das ist von schlechter Qualität und für die Erzeugung von Tafelsalz unbrauchbar.“ Seine Hauptabnehmer sind zurzeit Kühl- und Eisfabriken. Vor ein Paar Jahrzehnten gab es in der Region über 50 Fabriken, die Tafelsalz produziert haben. „Heute sind es nicht mal zehn“, erzählt al-Mattouri. Sie alle wurden von dem Salzwerk in Al-Fao beliefert und konnten Salz zu niedrigen Preisen produzieren. So müsste es wieder sein. „Wir könnten nicht nur den gesamten lokalen Markt bedienen, sondern auch ins Ausland exportieren.“

Dass die irakische Regierung in Bagdad bisher keine Lösungen für die schlecht betriebenen Industrieanlagen in Basra gefunden hat, erklärt al-Matturi mit einem „mangelnden Interesse“. Doch seine Vermutungen reichen noch weiter: „Sie wollen, dass der Irak ein Verbraucherland bleibt. Sie haben gar kein Interesse daran, dass sich irakische Firmen selbst versorgen können und wettbewerbsfähig werden.“

Das Salzwerk in Al-Fao liegt unweit von Chor al-Zubair, einem der größten Häfen im Irak. Wenn man bei den versteinerten Salzhügeln steht, kann man das Tuten der Schiffe hören, die im Hafen ankern. Viele von ihnen sind mit Tonnen von Salz beladen – die ins Land importiert werden.

 

Foto: Ammar Saleh (WPI)