Branchenreport Bauindustrie
16.04.2009  | Lilli Oberndorfer   

Branchen / Bauindustrie
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Nach Jahren des Embargos und der Kriege kommt der Wiederaufbau in Schwung. Private Investoren entdecken die Möglichkeiten in der Bauwirtschaft des Landes. Ein Überblick über Reformbaustellen und Projekte im Hoch-, Tief- und Industriebau

 

1. Wiederaufbau
2. Finanzierung
3. Hochbau
4. Tief- und Industriebau
5. Trends
6. Herausforderungen


1. Wiederaufbau


Im Irak breitet sich Optimismus aus. Es wird wieder gebaut. Kein Wunder, dass nahezu alle Bereiche der Baubranche seit Kurzem einen Auftragsboom erleben: Deutlich zweistellige Milliardenbeträge stehen dem Irak für das landesweite Wiederaufbauprogramm zur Verfügung. Auch die lang ersehnten Privatinvestitionen nehmen langsam, aber sicher zu.
Doch nach drei Kriegen und langen Jahren der Isolation fehlt es im Irak an modernen Baumaterialien und ingenieurstechnischem Know-how. Die bauliche Infrastruktur und die Bausubstanz wurden jahrzehntelang vernachlässigt. Der Aufholbedarf ist enorm. Um die geplanten Bauvorhaben zu realisieren, werden Baustoffe wie Zement, Stahl, Fertigbauteile und Kunststoffe benötigt. Im Bereich Bauzubehör fehlt es an Maschinen, Kränen und modernem Equipment.

Auch die Wohnungsknappheit ist kein neues Problem: Schon vor 2003 herrschte im Irak durch das hohe Bevölkerungswachstum von durchschnittlich 2,5 Prozent stetige Wohnungsknappheit. Vor allem in den Ballungszentren fehlte es durch zunehmende Urbanisierung an Wohnraum.
Heute erhöhen Wiederaufbauprogramme und große Umsiedlungspläne für entwurzelte Iraker zusätzlich die Nachfrage nach Wohnungen und öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Behörden, Bürogebäuden und Krankenhäusern.
Da die irakische Regierung zudem eine umfassende Modernisierung des gesamten Industrie- und Infrastruktursektors plant, verzeichnen auch der Tiefbausektor und der Ingenieursbaubereich eine boomende Auftragslage. Während in den regionalen Zentren des Baubooms wie den Emiraten, Bahrain und Kuwait die Auftragslage stagniert oder rückläufig ist, erfreut sich die Bauindustrie im Irak an der höchsten Wachstumsrate der Region. Anfang März 2009 betrug die Steigerung im Auftragsvolumen im Vergleich zum Vorjahr 224 Prozent.

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Sicherheitslage als Hemmschuh

Ein großes Hindernis für den Wiederaufbau stellt die momentan noch angespannte Sicherheitslage in weiten Teilen des Iraks dar. Föderalismusbestrebungen, religiös-politische Konflikte und äußere Einflussnahme destabilisieren das Land und bremsen den wirtschaftlichen Aufschwung. Besonders auf erwartete Investitionen aus dem Ausland wirkte sich die politische Instabilität der vergangenen Jahre hemmend aus. Je mehr sich also die Sicherheitslage stabilisiert, umso mehr kann eine landesweite Zunahme der Bautätigkeit erwartet werden. Während die angespannte Lage in den zentral- und südirakischen Provinzen den Wiederaufbau verzögert, sind im weitgehend befriedeten Norden staatliche und private Baufirmen in zahlreichen baulichen Aktivitäten engagiert. Seit einigen Monaten haben dort Investitionen aus dem Ausland, auch aus Europa, zugenommen. Dies ist neben dem verbesserten Sicherheitsaspekt auch auf das Inkrafttreten des neuen Investitionsgesetzes Nummer 13 von 2006 zurückzuführen. Die rechtliche Basis für Investitionsaktivitäten ist dadurch geschaffen. Im Moment wird eine Änderung des Investitionsgesetzes diskutiert, um die Gesetzeslage investorenfreundlicher und praxisnäher zu gestalten.

 

2. Finanzierung

 

Nicht nur Pläne für flächendeckende Bauvorhaben, auch die dafür notwendigen Gelder sind vorhanden:
Im Jahr 2005 hatte der irakische Staat nahezu 4,2 Milliarden Euro (5,2 Milliarden US-Dollar) aus Hilfsgeldern und Einnahmen aus der Erdölförderung für sein Wiederaufbauprogramm zur Verfügung. Drei Jahre später waren es schon siebzehn Milliarden Euro (25 Milliarden US-Dollar). US-Angaben zufolge hat die irakische Regierung 2007 nur 28 Prozent ihres 8,7 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaubudgets (zwölf Milliarden US-Dollar) ausgegeben. Dass im Jahr 2008 die gesamte Summe für Wiederaufbauprojekte ausgegeben wurde, kann bezweifelt werden. Da die prekäre Sicherheitslage in einigen Landesteilen den Wiederaufbau verzögerte, lagern noch Milliarden von US-Dollar auf den Konten der irakischen Regierung.

 

3. Hochbau


Im Hochbau eröffnen sich Chancen für Zulieferer und Ingenieursdienstleister in der Errichtung dringend benötigter öffentlicher Bauten für den Gesundheits- und Bildungssektor sowie im Bereich staatlicher Behörden. Ebenfalls besteht eine große Nachfrage im Wohnungsbau. Die irakische Ministerin für Bau- und Wohnwesen, Bayan Dazai, schätzt den Bedarf an neuen Wohneinheiten bis zum Jahr 2015 auf 1,9 Millionen.

Die wichtigsten Bauvorhaben:+ Aktuelle Hochbauprojekte+ Aktuelle Tiefbauprojekte+ Aktuelle Ingenieurs- und Industriebauprojekte

Momentan versucht der Staat, die Wohnungsnot durch 28 Wohnbauprogramme landesweit zu bekämpfen. Jedes Jahr sollen 200.000 Wohneinheiten gebaut werden, was den Bedarf des Marktes allerdings nur unzureichend decken dürfte. Denn der Bau von Wohnsiedlungen wird meist von kleinen irakischen Firmen ausgeführt. Seit Kurzem betätigen sich aufgrund des großen Bedarfs auch türkische, iranische, osteuropäische und deutsche Firmen auf diesem Gebiet. Beispielsweise hat die GEM Gruppe eine Absichtserklärung zum Bau von 2.000 Apartments in der Provinz Maysan abgegeben. Und in der Föderalen Region Kurdistan-Irak in Sulaymaniya soll eine Siedlung mit 1.500 Wohneinheiten im Wert von ungefähr 53,5 Millionen Euro durch ein namentlich nicht genanntes Bauunternehmen aus Deutschland entstehen.

Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt

Die Preise für Mieten sind seit 2003 enorm gestiegen. Teilweise verdoppelten sich in als sicher geltenden Bagdader Wohngegenden die Mieten innerhalb von zwei Jahren.
Heute kann die Miete für eine Dreizimmerwohnung in sicheren Vierteln bis zu 300 Euro monatlich betragen. Solch hohe Mietpreise sind nur für eine gehobene Klientel bezahlbar. Für den durchschnittlichen Iraker übersteigt diese Summe den Monatsverdienst bei Weitem.
Auch die Quadratmeterpreise für Wohneigentum stiegen in Bagdad in den vergangenen fünf Jahren von 300 auf knapp 700 Euro. Zwar rangierten die Preise schon vor 2003 aufgrund der generellen Wohnungsknappheit durch die zunehmende Urbanisierung auf hohem Niveau, doch verschärfte danach die Zerstörung von Bausubstanz die Situation zusehends. Auf die prekäre Sicherheitslage in einigen Teilen der Hauptstadt reagierten die Bewohner mit massenhaften Umzügen in sichere Viertel. Diese unkontrollierte „Restrukturierung“ von Wohnvierteln nach Sicherheitsfragen und politischer sowie religiöser Zugehörigkeit ließ die Preise in manchen Stadtteilen raketenartig steigen.
Vergleichbar mit der Preissituation ist die Lage in der Föderalen Region Kurdistan-Irak, vor allem in Arbil. Durch Binnenflüchtlinge aus anderen Teilen des Iraks stiegen auch hier die Preise für Mieten und Wohneigentum um ein Vielfaches.
Es kann davon ausgegangen werden, dass in anderen Städten des Landes ähnliche Umsiedlungsbewegungen und Preisentwicklungen auf dem Wohnungsmarkt stattgefunden haben.

Know-how ist gefragt

Die irakische Regierung versucht nun, durch sozialen Wohnungsbau und neu entstehende Satellitenstädte in den Vororten der urbanen Zentren dauerhafte Wohnlösungen für entwurzelte Bevölkerungsteile und Rückkehrer zu finden. Hier besteht Bedarf an Städteplanern, Ingenieursdienstleistern und Fertigbauteilherstellern. Im Nordirak gibt es zudem eine hohe Nachfrage nach spezialisierten Ingenieursdienstleistern und Baufirmen für die Errichtung erdbebensicherer Gebäude.

 

Ausgewählte Wohnbauprojekte 2009

Projekt
Ort
Investition   Status
FirmaAuftraggeber

Wohnsiedlung
mit 1.116 Einheiten plus öffentl. Gebäude

Hilla, Babil
67 Mio. Euro Baubeginn
Ende Januar 2009
o. A.
Provinzregierung Babil

Wohnsiedlung
mit 1.500 Einheiten plus öffentl. Gebäude

Sulaymaniya, Region Kurdistan
52 Mio. Euro Planungsphase
namentlich nicht gen. deutsche Firma
Regionalregierung
Kurdistan

Wohnsiedlung
mit 5.000 Einheiten plus öffentl. Gebäude

Kerbala
191 Mio. Euro

Vertrags-unterzeichnung
Ende Januar 2009

namentlich nicht gen. türkische Firma
Investitionskommission Kerbala

 

Quellen: Aswat al-Iraq 2009, MEED 2009, Iraqupdates 2009 (alle Angaben ohne Gewähr)

 

Durch die ehrgeizigen Pläne der Regierung, den Irak nicht nur wieder aufzubauen, sondern auch umfassend zu modernisieren, entsteht ein neuer Markt für modernste Bautechnologie, beispielsweise für die Ausstattung von Neubausiedlungen mit Solarzellen oder energiesparender Konstruktionsweise. Das nötige Know-how und die Ausrüstung stehen einheimischen Bauunternehmen derzeit noch nicht zur Verfügung. Diese Leistung muss vorerst durch ausländische Firmen erbracht werden.

Neben Bauvorhaben, die die Wohnungsnot lindern und zerstörte Bausubstanz ersetzen sollen, machen seit einigen Monaten Megaprojekte von sich reden. In Kerbala und Nadschaf beispielsweise sollen ganze Trabantenstädte auf der grünen Wiese entstehen. Geplante Luxushotels sowie Vergnügungs- und Einkaufszentren zielen auf Pilgertouristen und ein gehobenes einheimisches Publikum ab. Solche prestigeträchtigen Projekte eröffnen Städteplanern, Bauunternehmen und Dienstleistern aus dem Tourismus- und Luxussektor wie Innenarchitekten zunehmend Betätigungsfelder im Irak.