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Warum sollte ein Land, das auf den drittgrößten Erdölreserven der Welt sitzt, eigentlich auf erneuerbare Energien und energieeffizientes Bauen umsteigen? Diese Frage wurde bei einer deutsch-irakischen Baufachkräfte-Konferenz diskutiert
Zeitgleich zum Klimagipfel in Kopenhagen fand am vergangenen Freitag, dem 11. Dezember 2009 in Berlin die „2. Konferenz für in Deutschland lebende irakische Fachkräfte im Bereich ökologischer Bauwirtschaft (Bauforum)“ statt. Zu der Veranstaltung lud die irakische Botschaft zusammen mit der Ghorfa, Arab-German Chamber of Commerce and Industry ein. Unter den knapp 100 Teilnehmern waren mehr als ein Drittel Vertreter deutscher Unternehmen aus dem Bau- und alternativen Energiesektor. Irakische Ingenieure beider Branchen waren ebenfalls anwesend. Ziel der Konferenz war es, deutsche Unternehmen und irakische Fachkräfte zusammen zu bringen, Erfahrungen auszutauschen und wenn möglich, Projekte anzubahnen. Denn als Vorreiter in erneuerbaren Energien und energieeffizienter Bauweise ist Deutschland der Traumpartner der Iraker.
Mehr zum Thema auf WPIBranchenreport BauindustrieIngenieur- & IndustriebauBauindustrie: Über Dubai nach BagdadBeim Klimagipfel, der derzeit in Kopenhagen stattfindet, scheinen die ölreichen Länder, allen voran Saudi-Arabien, die Bemühungen der Weltgemeinschaft nach Emissionsreduzierung und Einsparung fossiler Ressourcen bremsen zu wollen. Auf dem ökologischen Bauforum in Berlin hat sich die irakische Regierung zur gleichen Zeit eher aufgeschlossen gegenüber alternativer Energieerzeugung gezeigt. „Der Irak ist zwar sehr reich an Öl. Das hält uns aber nicht davon ab, uns weiter zu entwickeln und die Energieformen der Zukunft einzuführen,“ sagte Alaa Al-Hashimy, Botschafter der Republik Irak in Deutschland. Diese Haltung begründet sich nicht nur in ökologischem Idealismus. Auch handfeste Energieprobleme stecken dahinter. So betont Alaa Al-Hashimy: „Wenn sie einen Iraker fragen: Was bedrückt dich im Alltag am meisten? Ist es die Politik? Ist es die Wirtschaftslage? Dann wird er antworten: Ich habe keinen Strom und kein sauberes Wasser.“
Tatsächlich ist die flächendeckende Versorgung mit Strom im Irak ein Problem, das kurzfristig nicht lösbar sein wird. Kraftwerke fehlen und das landesweite Netz ist marode. In manchen Teilen des Iraks hat die Bevölkerung häufiger Stromausfall als Strom. Für diesen Fall betreiben die meisten Haushalte Dieselgeneratoren. Und in Zukunft durch ein hohes Bevölkerungswachstum, die zunehmende Industrialisierung und den veränderten Lebensstil von einer erhöhten Nachfrage auszugehen.
Doch selbst wenn die Stromversorgung gesichert wäre, bleibt das Problem der Umweltverschmutzung. Im Aspekt der Nachhaltigkeit sieht Tara Omar Mukhtar, Bauingenieurin von der Firma Soleil Energie & Bau Consulting einen weiteren Grund für den Wechsel zu erneuerbaren Energien: „Die fossilen Ressourcen reichen vielleicht hundert, maximal 200 Jahre. Und was machen wir dann? Wir können dann zwar immer noch auf erneuerbare Energien umsteigen, aber wie soll man ohne Erdöl Medikamente und Kunststoffe herstellen? Wir sind von vielen verschiedenen Erdölprodukten abhängig, aber wir vergeuden das kostbare Öl für die Stromerzeugung.“
„Der Irak ist zwar sehr reich an Öl. Das hält uns aber nicht davon ab, uns weiter zu entwickeln und die Energieformen der Zukunft einzuführen.“Dabei bietet sich der Irak für die Nutzung von Solarenergie an. Hier kann die Sonne mehr als doppelt so viel Energie wie in Deutschland erzeugt. Wo Staub und Sandstürme eine Herausforderung für die Solartechnik darstellen, lassen sich andere Lösungen finden. Erdwärme beispielsweise ist im Irak noch völlig ungenutzt. Darüber hinaus könnte Windkraft im bergigen Nordirak und Biogasanlagen in landwirtschaftlich geprägten Gegenden eine Zukunft haben. Den Möglichkeiten sind laut Tara Mukhtar keine Grenzen gesetzt: Neben großen Anlagen zur alternativen Stromerzeugung, bieten sich sogenannte Inselanlagen für Privathaushalte an. Jedes Haus im Irak könnte mit einer Photovoltaik-Anlage für den eigenen Strom- und Warmwasserbedarf ausgestattet sein. „Langfristig gesehen ist diese Lösung nicht viel teurer als die Einrichtung von Warmwasserboilern und Dieselgeneratoren mit den anfallenden Brennstoffkosten.“
Ihr Kollege bei Soleil, Oliver Schobert, geht bei seiner Vision einen Schritt weiter: „Mehrere Inselanlagen können zu sogenannten Clustern zusammengeschlossen werden, um die Energie effizient zu nutzen. Diese Anlagen können untereinander je nach Bedarf Strom austauschen und über eine Schaltzentrale gesteuert werden.“
Bei den Konferenzteilnehmern stellte sich dabei die Frage der Wirtschaftlichkeit. Denn fossile Brennstoffe und Strom werden im Irak staatlich subventioniert, und nicht wie in Deutschland besteuert. Der Irak müsste Steuern auf fossile Brennstoffe einführen und gleichzeitig Ökostrom finanziell und politisch fördern, um einen Anreiz zum Stromsparen und den Umstieg auf alternative Modelle zu geben. Und diese Maßnahmen liegen noch in sehr weiter Ferne, wenn es überhaupt jemals dazu kommen sollte. Noch fehlen ausreichende Studien, die die Vorteile erneuerbarer Energien mit Daten und Fakten untermauern und die Regierung und Bevölkerung zum Umdenken bewegen. Substantielle Fragen sind noch offen: „Die beste Energie ist die, die wir nicht brauchen, weil wir sie durch Dämmung einsparen.“ Wie viel Strom verbraucht der durchschnittliche irakische Haushalt? Wie viel könnte man einsparen? Was kostet alternative Energie den Verbraucher, was kostet sie den Staat? Was gewinnt der Staat dadurch?
Doch die Umstellung auf Stromproduktion aus erneuerbaren Energien ist kein Allheilmittel. Die Bauweise muss mitziehen, um die Energiebilanz nachhaltig zu verbessern. Daher widmete sich die Konferenz in ihrem zweiten Teil bautechnischen Themen. Ob nun durch Solarenergie oder durch herkömmliche Ressourcen erzeugt - „die beste Energie ist die, die wir nicht brauchen, weil wir sie durch Dämmung einsparen,“ sagte Dr. Dirk Jankowski. Der Managing Partner bei AJG Ingenieure, einer Firma, die auf Energieeffizienz bei Gebäudeplanungen spezialisiert ist, erntet damit breite Zustimmung. Denn noch werden im Irak Häuser kaum isoliert, kaum gedämmt, Energiesparmaßnahmen sind ein Fremdwort. Ein Grund dafür sind die durch Subventionen günstigen Strom- und Heizölpreise. Ein Umdenken wie in Deutschland nach der Ölkrise 1973 hat es im Irak nie gegeben. Deshalb gibt es dort auch keine Verordnungen zur Energieeffizienz von Gebäuden wie in Deutschland seit den siebziger Jahren. Zudem fehlt es an bautechnischem Know-how.
Doch das war nicht immer so, wie Dr. Ali Al-Haidary, ein in Deutschland promovierter irakischer Architekt am Beispiel des typischen Bagdader Hauses zeigt. Das Wissen im Bereich des energieeffizienten Wohnens reicht im Irak bis zur babylonischen Zeit zurück. Das Konzept der Häuser ist simpel wie genial: Dicke Wände aus Lehm oder Lehmziegeln schotten die Zimmer, die sich um einen Innenhof gruppieren, von der Hitze ab. Die Decken sind hoch, Fenster gehen nur zum mit Decken überspannten Innenhof mit Springbrunnen. Ein ausgeklügeltes Schacht-System sorgt zusätzlich für einen stetig kühlen Luftzug – völlig ohne Klimaanlage.
Mit dem Einzug der modernen westlichen Bauweise und der für das irakische Klima ungünstigen Baumaterialien wie Zement, Beton, Stahl und Glas ist dieses uralte Wissen verloren gegangen. Heute ist ein Leben ohne Klimaanlagen bei Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius kaum denkbar. Die schlechte Isolation der Gebäude, die seit den fünfziger und sechziger Jahren entstanden sind, treibt den Energieverbrauch von Klimaanlagen und Kühlschränken im Sommer und von Heizungen im Winter zusätzlich in die Höhe.
Dies könnte sich durch ultra-moderne Baumaterialien ändern. Dr. Dirk Jankowski, dessen Firma auch in Dubai ein Ingenieurbüro unterhält, „Die Herausforderung ist heutzutage, uralte und ultra-moderne Materialien und Baumethoden zu verbinden.“ sieht die Lösung in wärmeabweisenden Lacken und beschichtetem hitzeabweisendem Isolierglas. Doch allein mit High-Tech ist es nicht getan. „Wir wollen im Irak kein zweites Dubai“, sagt Al-Hashimy. „Die Herausforderung ist heutzutage, uralte und ultra-moderne Materialien und Baumethoden zu verbinden. Selbst in Europa erfahren traditionelle Bauweisen wie beispielsweise das Lehmhaus ein Revival.“
Neben technischen Aspekten des ökologischen und energieeffizienten Bauens, muss auch die Politik in die Verantwortung gezogen werden. Neue Bauverordnungen müssen entwickelt und Subventionen für konventionelle Energie und Brennstoffe überdacht werden. Dabei könnten laut Dr. Jankowski deutsche Verordnungen - auf irakische Verhältnisse angepasst - als Korsett für neue Gesetze dienen.
Auf der Konferenz stellten sich viele Fragen, die die Veranstaltung nicht abschließend beantworten konnte und auch nicht wollte. Ziel war es, einen Grundstein für eine langfristige Kooperation zu legen und Fachkräfte, Firmen und Wissenschaftler beider Länder erstmals zusammen zu bringen. In Anbetracht der bescheidenen Ziele wurde sehr viel erreicht: Ein im Vorfeld der Konferenz gegründete fünfköpfiges deutsch-irakisches Komitee definierte fünf Schritte für die Förderung energieeffizienten Bauens.
Zu allererst soll eine Studie über ökologisches Bauwesen und seine Umsetzbarkeit im Irak angefertigt werden, um eine feste Datenbasis zu gewinnen. Zusätzlich soll der praktische Austausch von Know-how durch gegenseitige Besuche deutscher Firmen und irakischer Behörden gefördert werden. Weiterbildungsmaßnahmen für die irakischen Fachleute sind ein weiterer Schritt.
Auch die deutschen Unternehmen der Branche wollen sich nicht auf dem Status Quo ausruhen. Eine gemeinsame Fachmesse aller deutschen Handelskammern in Deutschland soll neue Impulse aussenden und die neuesten Technologien vorstellen. Später werden die deutschen Firmen ihr Know-how bei einer Baumesse in Bagdad exklusiv vorstellen können. Diese Empfehlung hat schon während der Konferenz am vergangenen Freitag Gestalt angenommen. Die zuständigen Behörden und Ministerien im Irak gaben Grünes Licht: Im zweiten Halbjahr 2010 soll die deutsche Baumesse in Bagdad stattfinden.
Foto: Martin Monk (WPI)











