Bestattungstourismus: Letzte Ausfahrt Nadschaf
13.07.2009  | Faris Haram   

Branchen / Tourismus
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Nadschaf besitzt den größten Friedhof der islamischen Welt. Der Wunsch vieler Schiiten nach einer Beisetzung in heiliger Erde bedeutet für die Stadt einen Massenandrang von Besuchern. Die Gäste brauchen Busse für ihre Anreise, Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants und natürlich auch Andenken

 

Wer nach Nadschaf kommt, wird von einem bunten Schilderwald, der hunderte von Hotels anpreist, überwältigt. Einige Schilder sind schon in die Jahre gekommen, die Großzahl aber sind neu und leuchten grell. Zum Ziel haben sie alle, die zahlreichen Besucher, die jedes Jahr nach Nadschaf kommen, für ein paar Nächte anzulocken. Und diese Besucher sind zunehmend nicht nur Pilger, sondern auch zunehmend Verwandte jener, die in Nadschaf in heiliger Erde beigesetzt werden.

Schiitische Rituale
Seit hunderten von Jahren bringen gläubige Schiiten aus dem Irak und dem Ausland ihre Toten nach Nadschaf, um sie auf dem berühmten Friedhof „Tal des Friedens“ neben dem Grab des Imams Ali Ibn Abi Talib zu beerdigen.
Nach der Besetzung des Irak 2003 durch die alliierten Truppen unter Führung der Amerikaner, stieg die Zahl der Toten, die auf den Friedhöfen begraben wurden, zusätzlich überproportional stark an. „Während des Iran- Krieges haben wir abgesehen von der Zeit nach den großen Schlachten jeden Monat durchschnittlich 300 Opfer beerdigt. Aber zwischen 2004 und 2006 haben wir jeden Monat tausende von Toten beisetzen müssen“, sagt Ali Abu Saibaa, ein Totengräber.
Zudem waren unter Saddam die Besucher starken Beschränkungen unterworfen, die untern anderem das Zusammenkommen in größeren Gruppen unterbanden und viele Touristen abschreckten. Viele Tote wurden daher nicht in Nadschaf beigesetzt. Unter Saddam waren die Besucher starken Beschränkungen unterworfen, die viele Touristen abschreckten. Heute besuchen täglich Tausende von Schiiten Nadschaf. Abu Saibaa malt ein düsteres Bild von einer Stadt, die von den Toten aufgezehrt wird. Während er spricht, breitet er beide Arme aus, um die große Fläche anzudeuten, die der Friedhof einnimmt. Er dehnt sich auf zwei Dritteln der gesamten Stadtfläche aus. Dieser Ort ist der größte islamische Friedhof weltweit.

Neue Tourismusformen

In der Tourismusbranche hingegen sehen irakische Geschäftsleute auch die positiven Aspekte der vielen Beerdigungen. Seit dem Zusammenbruch des Saddam-Regimes hat die Stadt einen starken Anstieg von Touristenzahlen zu verzeichnen. Heute besuchen täglich Tausende von Schiiten Nadschaf – eine in ihrem Glauben heilige Stadt.
„Vor 2003 überstieg die Zahl der Besucher nie mehr als ein paar Tausend pro Monat“, sagt Housen Ahmed, Parfümverkäufer in der Nähe des Grabmahls des bei den Schiiten verehrten Imam Ali. „Es waren meist Iraker aus verschiedenen Städten, die hierher kamen, um ihre Toten auf dem großen Friedhof der Stadt zu beerdigen. Zu dieser Zeit war unsere Stadt die Stadt der Friedhöfe.“
Die Entspannung der Sicherheitslage eröffnet der Stadt nun auf einmal aber eine neue Zukunft – eine Zukunft mit Tourismus und Hotels.
Für die Händler und Geschäftsleute der Stadt liegt hier der Schlüssel für das neue Wachstum und die kommerziellen Gewinne. „Wir können die Geschäftslage heute nicht mit der Situation vor drei Jahren vergleichen“, sagt Abdallah Munaf, ein Stoffhändler, der hofft, in das Hotelbusiness einzusteigen. „Die Sicherheit erlaubt uns heute, Läden zu eröffnen und bis spät abends oder manchmal bis morgens zu arbeiten.“

Eine Stadt im Wandel
Während sich der Friedhof horizontal ausdehnt, wachsen die Hotels in die Höhe. „Wir glauben jetzt, dass jedes Gebäude, das in diesen Vierteln zerstört wird, in Kürze durch neugebaute Hotels ersetzt werden wird,“ bemerkt Abu Zahraa, ein Anwohner. Hotels oder kleinere Herbergen schießen überall in der Stadt wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Was vor einem Jahr kleine Häuser waren, sind jetzt vierstöckige Hotels. „Das Ziel ist es, so viel wie möglich von den Massen an ausländischen Touristen, speziell den Iranern, zu profitieren.“
Nach Schätzungen kommen jedes Jahr bis zu zehn Millionen Besucher aus Iran, Afghanistan, Pakistan, den Golfstaaten und anderen Ländern der islamischen Welt in die Stadt. Die irakische Investitionsbehörde schätzt, dass die Zahl der Besucher bis 2015 sogar die 25-Millionengrenze erreichen könnte.