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Babylon wartet auf deutsche Touristen. Die Stadt bietet historische Stätten, Schnitzel mit Pommes und Übernachtungen in Saddams altem Palast
Mohamed Matar hätte nie gedacht, dass er Saddam Hussein einmal so nahe kommen würde. Damals, vor dem Jahr 2003, durfte er diesen Ort hier, nur aus der Ferne betrachten. Der sagenumwobene Palast von Saddam Hussein in Babel war für das Fußvolk nur aus der Ferne zu bestaunen. Weit weg thronte der Diktator, direkt neben dem Fluß Euphrat, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den alten Ruinen.
Später, nach dem Jahr 2003, nahmen die Amerikaner die Palastanlage ein. Er diente ihren Truppen als eine Art Basis. Die Iraker hatten zwar noch immer keinen Zugang, aber Mohamed Matar machte erste Annäherungsversuche. Er eröffnete vor dem Eingang des Militärcamps einen Imbiss und verkaufte arabische Grillgerichte an die amerikanischen Soldaten.
Fast fünf Jahre lang ging das so. Dann änderte sich im Jahr 2009 die Lage. Babylon, etwa 90 km südlich der irakischen Hauptstadt Bagdad, wurde den irakischen Behörden unterstellt. Sofort begannen die Iraker mit der Umsetzung ihres Plans, die historischen Stätte den Besuchern wieder zugänglich zu machen und das Areal um den früheren Präsidialpalast als Naherholungsgebiet für die einheimische Bevölkerung zu nutzen.
Schnitzel für die Deutschen
Das war die Chance, auf die Mohamed Matar gewartet hatte. Vor wenigen Monaten pachtete er das große Restaurant, das sich mitten in der Riesenanlage um den Palast befindet. Jetzt ist der 45-jährige Arbeitgeber von 40 jungen Menschen, die in der Küche und im Service arbeiten.
Slideshow
Hier geht's zu Mohamed Matar und seinem Restaurant in der Nähe der Babylon-Ruinen
Täglich lockt die Anlage mit ihren großen Gärten hunderte von irakischen Familien. Von den Terrassen des Restaurants können Besucher den Blick auf den langsam fließenden Euphrat genießen. Neben orientalischen Gerichten stehen auch Steaks, Schnitzel, Garnelen und weitere internationale Gerichte auf der Speisekarte. Denn Mohamed Matar hofft auf ausländische Besucher, vor allem auf die für ihre Reiselust bekannten Deutschen.
Schließlich hat er was zu bieten, dass es nicht überall gibt: Übernachtungen in den ehemaligen Räumen von Saddams Wachen. Kostenpunkt für das Doppelzimmer: 65 Dollar. Wer es komfortabler haben will, kann in einer der Suiten von Saddam Hussein für etwa 180 Dollar schlafen. Außerdem verfügt der an Nazi-Architektur erinnernde Palast über zahlreiche große Säle, die für große Veranstaltungen und Konferenzen geeignet sind. Allerdings wurde er während der Wirren im April 2003 stark beschädigt, so dass der Prachtbau immer noch auf einen Investor wartet, der ihn vollständig renoviert.
Kaum Terroranschläge
Bis es soweit ist, dürfte es noch etwas dauern. Noch kommen einfach nicht genügend Touristen nach Babylon, damit es sich lohnen würde hier im großen Stil zu investieren. Zwar wurde das alte Babylon von verheerenden Terroranschlägen in den vergangenen Jahren weitgehend verschont, aber die Sicherheitslage ist auch hier weiterhin ein Problem. Trotz der Verbesserung in den vergangenen Monaten ist dies (neben einem Streit unter Behörden) mit ein Grund, warum die historischen Stätten im Gegensatz zu der Palastanlage dem allgemeinen Publikum nicht ständig geöffnet werden konnten.
Außerdem sagt der stellvertretende Leiter der Altertümerverwaltung in Babylon, Ayyed Chalib Al-Taie, fehle auch die notwendige Infrastruktur für den Tourismus, da private Investoren der staatliche Bürokratismus noch immer abschrecke. So sind Hotels, Restaurants, Transport- und Unterhaltungsmöglichkeiten, welche die Erwartungen westlicher Touristen erfüllen, in der Gegend eher rar.
Trotzdem wagen sich immer wieder einige mutige ausländische Touristen hier her, folgen dem Ruf der Überreste der hängenden Gärten von Semiramis, eines der einstigen Sieben Weltwunder der Antike oder des biblischen Turms zu Babel.
In ihrer langen und wechselvollen Geschichte wurde das antike Babel mehrmals zerstört und wiederaufgebaut. Berühmte Herrscher und Eroberer wie Hammurabi, Nebukadnezar oder Alexander der Große haben in der einstigen Weltmetropole residiert und ihren Ruhm geprägt. Der mazedonische Feldherr feierte in Babylon nicht nur seine großen Siege. Er verstarb auch am Ufer des Euphrats im Jahre 323 v. Chr.
Babylons Geschichte entbehrte aber auch nicht tragikkomische Kapitel. So versuchte zuletzt Saddam Hussein in die Fußstapfen von Nebukadnezar zu treten. Er ließ nicht nur einen Riesenpalastkomplex für sich bauen, sondern begann auch die antike Stätte entsprechend seinen primitiven Vorstellungen von Ruhm und Größe wiederherzustellen. Sogar drei kleine Seen wurden errichtet. Und das obwohl jeder Maurer weiß, dass neben Raubausgrabungen, Grundwasser zu den gefährlichsten Feinden alter Kulturdenkmäler gehört. Aufgrund dieser unsachgemäßen Restauration lehnte die UNESCO es ab, Babylon in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. Denn auch die Amerikaner gingen mit dem antiken Babylon nicht viel vorsichtiger um. Mit ihrem schweren Militärgerät fügten sie der Stadt großen Schaden zu.
Heimat des Ishtar-Tors
Was Babylon mit den Deutschen verbindet, ist weit mehr als man auf den ersten Blick erahnen kann. Da ist zum einen das Wahrzeichen von Babylon, das echte Ishtar-Tor und weitere wichtige Funde, die das Pergamon Museum in Berlin beherbergt. Da sind zum anderen die deutschen Archäologen, die Ende des 19. Jahrhunderts zu den ersten Wissenschaftlern gehörten, welche die Geheimnisse der einstigen Weltmetropole zu Tage trugen. Außerdem schenkt das Deutsche Archäologische Institut und seine Außenstelle in Bagdad dem Erhalt der Kulturschätze in Babylon und im Mesopotamien seit Jahrzehnten große Aufmerksamkeit, die Ausbildung irakischer Fachkräfte inklusive. Ohne Einnahmen aus dem Tourismus wird es aber schwierig werden, die erforderlichen Mittel zur Finanzierung einer sachgerechten Rekonstruktion der antiken Bauwerke und deren Erhaltung bereitzustellen.
Doch nicht nur die Archäologen setzen ihre Hoffnung auf den Tourismus. Auch viele Einwohner der umliegenden Dörfer und der nahe gelegenen Provinzhauptstadt Hilla sehen in ihm eine wirtschaftliche Lösung für die Region. Denn um Babylon herum gibt es kaum Erdöl und die meisten der in den siebziger und achtziger Jahren errichteten staatlichen Industriebetriebe stehen praktisch vor dem Aus. Was es gibt, ist die Landwirtschaft und eben den Ausbau des Fremdenverkehrs.
Dabei geht es nicht nur um Babylon. Hilla etwa liegt an der Kreuzung der Straßen, die zu den beiden heiligen Städten Kerbala und Najaf führen und kann damit vom boomenden Pilgertourismus profitieren. Nur etwa 30 Kilometer südlich von Babylon entfernt, liegt inmitten einer Palmenlandschaft die Kleinstadt Kifl. Hier befindet sich der Schrein des jüdischen Propheten Ezekiel, der während der babylonischen Verbannung der Juden hier gelebt haben soll und auch von den Moslems verehrt wird. Hebräische Schriften an den Wänden des Schreins, der alte Markt mit seinen eigenartigen Dächern und weitere Bauten erinnern an jüdische Traditionen, die bis in den fünfziger Jahren lebendig waren.
Auf dem Weg zu Kifl befinden sich außerdem noch die Ruinen von Borsippa (von Irakern als Birs Namrud genannt), wo die Überreste eines Tempels mit einem hohen und relativ gut erhaltenen Turm zu bewundern sind. Diese antike Stadt war ein wichtiges Kultur- und Religionszentrum im alten Zweistromland. In islamischen Überlieferungen wird Borsippa als eine wichtige Station von Abraham, dem gemeinsamen Stammvater von Arabern und Juden auf seinem Weg von Ur im Süden Irak nach dem Heiligen Land dargestellt.
Im alten Testament steht auch, dass die alten Babylonier durch den Bau des Turms von Babel den Himmel erreichen wollten und damit Gott herausgefordert haben, sodass er zur Strafe das Sprachenwirrwarr schuf. Nun wünschen sich die neuen Babylonier sehnsüchtig solch eine Strafe und hoffen natürlich, dass die deutsche Sprache unter dem neuen Wirrwarr zu hören ist.
Fotos: Nagih Al-Obaidi (7) (WPI)











