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Zum ersten Mal seit 40 Jahren war der Irak wieder auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin (ITB) vertreten. Ihre Zukunft sieht die irakische Reisebranche in der geschichtsträchtigen Vergangenheit des Landes
Es ist, als wäre in den Messehallen Berlin der Karneval wiederauferstanden. Wer am Morgen nach Aschermittwoch die Internationale Tourismus Börse betritt, dem kommt sogleich eine Trachtengruppe aus dem Morgenland entgegen, samt Turban und Krummsäbel aus Plastik. Um die Ecke scherzt ein Wilhelm Tell mit falschem Bart, den Bogen über der Schulter und den Apfel in der Hand, mit einer Besucherin. Antik gewandete griechische Schönheiten mit Stöckelschuhen mühen sich auf der Rolltreppe um Halt. Die beliebtesten Verkleidungen aber sind schwarzer Anzug oder Hosenanzug: Das sind die Fachbesucher.
Im zweiten Stock der Halle 3, Stand 104 sind nur wenige von ihnen zu sehen. Dort, zwischen Armenien und Aserbaidschan, hat der irakische Reiseveranstalter Al-Rafidain seinen Pavillon. Ab und zu kommt jemand vorbei und lässt sich am Tresen Broschüren von den beiden Mitarbeiterinnen geben. Hinter ihnen sitzen zwei Männer und beraten bei Mineralwasser und Keksen Besucher, die sich eingehender für Irak-Reisen interessieren.
Einer von ihnen ist Haider Al Hussein, der PR-Berater des Reisebüros. „Unser Ziel ist es, der deutschen Gesellschaft ein neues Images des Irak zeigen“, sagt er. „In den Medien sieht man immer nur die schlechten Seiten des Landes. Wir wollen klar machen, dass der Irak auf der touristischen Landkarte immer noch vertreten ist.“ Durch das Reisebüro, das seinen Auftritt in Kooperation mit dem staatlichen Ministerium für Tourismus und Antikenverwaltung realisiert hat, ist der Irak zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder auf der Berliner Messe vertreten.
Die Erwartungen sind groß. „Wir wollen erreichen, dass in Zukunft auch die deutschen und westlichen Touristen in den Irak kommen“, sagt Al Hussein. „Wir möchten, dass sie die Geschichte des Landes kennenlernen“. Bisher sind die ausländischen Besucher in erster Linie schiitische Pilger, die ihre heiligen Stätten aufsuchen. Deshalb sollen mehr Touristen zu den zahlreichen historischen Sehenswürdigkeiten gelockt werden, von denen Ur, Babylon und Ninive nur die bekanntesten sind. Schließlich liegt im Irak die Wiege der Zivilisation, es gibt dort drei antike Stätten, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören: die Ruinen der Partherstadt Hatra, die Stadt Assur sowie die Stadt Samarra.
„Im Durchschnitt haben wir täglich 5000 Touristen, die in den Irak kommen“ erzählt Al Hussein. „Darunter sind zehn Prozent, die die historischen Sehenswürdigkeiten sehen wollen.“ Weiterhin besuchen etwa zehn Prozent der Pilger nach den religiösen auch die historischen Stätten. Also interessieren sich insgesamt erst knapp 20 Prozent aller Touristen für die reichhaltige irakische Geschichte. Diesen Wert möchte das Land steigern.
Tatsächlich beginnt der Irak inzwischen, sich eine Infrastruktur auch für Besucher aus dem westlichen Ausland zu geben. Dabei investieren auch Reiseveranstalter aus Kuwait oder Iran in neue Hotelbauten, etwa in Nadschaf, Kerbala oder in Basra. In der südlichen Metropole des Iraks eröffnete im vorigen Jahr wieder ein Fünf-Sterne-Haus, das Basra International. Die Renovierungsarbeiten kosteten 55 Millionen Euro. „Dazu erwarten wir in der näheren Zukunft die Fertigstellung sieben neuer Fünf-Sterne-Hotels“, berichtet Al-Hussein. Wobei man bedenken muss, dass die irakischen fünf Sterne etwa dem Niveau von drei Sternen in Deutschland entsprechen. Allerdings stehen diese Bemühungen erst am Anfang. Die veraltete Infrastruktur und die Sicherheitslage stehen einem westlichen Massentourismus weiterhin im Weg – auch wenn Haider Al-Hussein beide Faktoren professionell herunterspielt.
Die Al-Rafidain Company, einer von bisher nur neun irakischen Reiseveranstaltern, verfügt über 45 Hotels und etwa 150 Busse für den Transport innerhalb des Landes. „Wir sind uns bewusst, dass eine neue Vision des Irak nicht aus dem Nichts kommen kann“, sagt Al-Hussein. „Aber inzwischen hat es so viele Investitionen im Zusammenhang mit der Tourismusindustrie gegeben – wir sind hier nach Berlin gekommen, um dafür zu werben.“
Es ist Nachmittag geworden. Männer und Frauen in den Trachten der unterschiedlichsten Nationen streben dem Ausgang entgegen. Feierabend. Morgen geht der Karneval der Kulturen weiter.
Foto: Malte Oberschelp (Wirtschaftsplattform Irak)











