Zu Reisen in den Irak wird geraten
24.05.2011  | Interview: Christian Sywottek   

Branchen / Tourismus
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Deutsche Reiseveranstalter halten sich in Sachen Irak noch zurück. Warum eigentlich? Das Land hat Kulturgeschichte en masse, Naturschönheiten pur, nur leider hie und da noch ein Sicherheitsproblem. Manfred Schreiber von dem Reiseveranstalter Studiosus über das touristische Potential des Iraks

 

WPI: Herr Schreiber, im Ausland gibt es vereinzelt Veranstalter, die Reisen in den Irak anbieten. Deutsche Agenturen halten sich bislang komplett zurück, auch Studiosus hat den Irak nicht im Angebot. Warum diese Zurückhaltung?

Manfred Schreiber: Das liegt in erster Linie an der ungeklärten Sicherheitslage, was sich ja auch in den Reisewarnungen des Auswärtigen Amts für den Irak zeigt. Bevor es nicht eine nachhaltige Verbesserung der Sicherheit gibt, wird kein Veranstalter das Risiko eingehen, eine Reise in den Irak anzubieten. Abgesehen davon ist der Irak als Reiseland schlicht und einfach nicht auf dem Bildschirm, jedenfalls nicht im kommerziellen Tourismus.

Für die kurdischen Gebiete gilt die Reisewarnung des Auswärtigen Amts nur eingeschränkt, zugleich gilt die Region als interessantes Reiseziel. Könnte man denn nicht wenigstens dort Angebote machen?

Uns reicht schon eine eingeschränkte Warnung, damit wir keine Reisen dorthin anbieten. Außerdem halte ich Kurdistan nicht wirklich für ein Reiseziel, jedenfalls nicht für den Urlaubstourismus. Der ganze Irak hingegen wäre für uns interessant und könnte in Zukunft ein Reiseziel sein.

Zur PersonDer Münchner Reiseveranstalter Studiosus ist mit zuletzt 100000 Gästen und einem Jahresumsatz von 236 Millionen Euro der größte Anbieter von Studienreisen in Europa. Zum Unternehmen gehört auch die Reisemarke Marco Polo. Studiosus ist sehr aktiv im Nahen Osten, führt seine Gäste aber durch rund 100 Länder der Welt. Die letzten Irak-Touren organisierte Studiosus im Jahr 2001. Manfred Schreiber (54) ist seit 20 Jahren Gebietsleiter Naher und Mittlerer Osten.

Sie sprechen von der Zukunft, Veranstalter aus anderen Ländern bieten bereits Touren an und stecken ihre Claims ab.

Diese Veranstalter mögen das Risiko anders einschätzen. Für uns gilt: Solange es Reisewarnungen für den Irak oder Kurdistan gibt, werden wir keine Reisen dorthin anbieten. Natürlich bilden wir uns auch aus anderen Quellen unsere eigene Meinung, beim Irak ist das allerdings schwierig. Aber in jedem Fall brauchen wir das grüne Licht des Auswärtigen Amts.

Reisewarnungen sind nicht rechtlich bindend – was würde es für einen Veranstalter bedeuten, wenn er sich einfach darüber hinwegsetzt?

Unsere internen Regeln bei Studiosus erklären die Warnungen für bindend. Aber grundsätzlich gilt: Es gibt dann zum Beispiel keinen Versicherungsschutz. Wenn irgendwas passiert, wäre der Veranstalter in Haftung. Etwa wenn eine Reisegruppe entführt würde, und das ist durchaus schon passiert. Und mal ganz abgesehen davon – wenn so etwas in die Öffentlichkeit käme, wäre der Imageschaden natürlich enorm.

Gesetzt den Fall, die Sicherheit im Land wäre gewährleistet – welches touristische Potenzial sehen Sie im Irak? Warum sollte man überhaupt dorthin reisen?

Das Potenzial ist enorm. Wir haben im Jahr 2001 eine Reise in den Irak angeboten, mit recht wenigen Terminen. Diese Reise wurde uns damals regelrecht aus den Händen gerissen, wir haben viele Zusatztermine aufgelegt. Die Nachfrage wäre auch jetzt da, denn der Irak ist das Herz des alten Orients. Babylon, Ninive und eine ganze Reihe anderer, kulturgeschichtlich höchst bedeutender Orte liegen auf irakischem Territorium. Der Irak könnte ein herausragendes Ziel sein für Leute mit Interesse am alten Orient und an Archäologie im Allgemeinen. Aber auch die gegenwärtige Entwicklung des Landes könnte ein interessantes Motiv für eine Reise sein.

Und welches wirtschaftliche Potenzial steckt für die Reiseveranstalter im Irak?

Das ist schwer zu sagen. Im Jahr 2001 hatten wir uns jedenfalls total verschätzt. Aber auch damals schon war der Irak ausgesprochen negativ in den Medien, das hat die Nachfrage nicht gedrückt. Es ist allerdings schwierig einzuschätzen, wie das Image heute auf Reiseentscheidungen wirken würde.

Wer ist denn die typische Zielgruppe?

Eigentlich unsere klassische Kundschaft. Also Gäste, die an Kulturgeschichte, Archäologie und dem modernen Irak interessiert sind, und die Wert legen auf gute Reiseleitung und ein ausgefeiltes Programm.

Ökonomisch betrachtet sind das sicher attraktive Kunden, oder?

Absolut. Diese Kunden haben ein im Schnitt höheres Bildungsniveau und ein höheres Einkommen. Es sind Gäste, die über die Reise hinaus kulturell interessiert sind. Wieviele Reisende man aber insgesamt für den Irak gewinnen könnte, vermag ich nicht zu sagen.

Welche Art Tourismus halten Sie grundsätzlich realistisch für den Irak? Der Irak hat Berge, Küste, Pilgerstätten; Sonne und Schnee. Es könnten Einzelpersonen reisen oder Massen...?

Das einzige, was ich mir in der ersten Phase vorstellen kann, ist der Kulturtourismus. Mittelfristig muss man schauen. Zum Skifahren muss man jedenfalls nicht in die kurdischen Berge fahren, wenn man in Deutschland oder Europa zuhause ist. Das bekommt man woanders näher, günstiger und besser. Was den Nischentourismus angeht, also etwa Aktiv-Reisen, Wandern oder Wüstentouren, auch das wird in der ersten Phase sicher kein Thema sein. Wenn der Tourismus im Irak in Gang kommen sollte, hätte der Kulturtourismus mit Sicherheit eine Pionierfunktion.

Ohne Sicherheit wird das nicht gelingen – was müsste dabei konkret passieren?

Es müsste im ganzen Land die umfassende Kontrolle einer staatlichen Autorität geben. Und so etwas wie eine Touristenpolizei, die gewährleistet, dass die Gäste sicher reisen können.

Wie ist Ihre Prognose?

Die Situation ist schon besser als noch vor Jahren, aber der Weg zur Normalität ist noch weit. Es gibt enorme ideologische, religiöse und ethnische Spannungen und Konflikte im Land. Die Regionen entwickeln sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, hinzu kommen Differenzen zwischen schiitischen und sunnitischen Gebieten – es wird noch dauern, bis ein stabiles Staatswesen entsteht mit allem, was dazugehört, also auch dem Gewaltmonopol.

Sicherheit ist die entscheidende, aber nicht alleinige Voraussetzung für Tourismus im Irak. Internationale Veranstalter brauchen Transport, Hotels, lokale Reiseführer. Wie ist der Stand dabei?

Ich war 2001 im Irak, schon damals war die touristische Infrastruktur teilweise in einem schlechten Zustand, egal ob es Hotels oder Dienstleistungen betraf. In Bagdad war das Al-Rashid-Hotel einigermaßen gepflegt, aber auf dem Land konnte man sehen, wie ein Hotel ausschaut, an dem man zwanzig Jahre nichts gemacht hat. Die Hotels in den großen Städten hatten mal internationalen Standard, aber sie wurden völlig vernachlässigt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass in den letzten zehn Jahren viel passiert ist.

Was müssten irakische Stellen am dringlichsten angehen? Was ist essentiell für Veranstalter wie Sie?

Das fängt mit den Flugverbindungen in den Irak an, von denen es bislang nur sehr wenige gibt, schon gar nicht für Touristen. Zudem braucht es Hotels in den Großstädten und überall dort, wo es etwas zu sehen gibt. Der Transport im Land ist vermutlich das geringste Problem, denn das Straßennetz ist gut ausgebaut und Busse können schnell gekauft und ins Land gebracht werden. Hotels hingegen brauchen in der Regel einige Jahre von der Planung bis zur Fertigstellung. Was der Irak für die Infrastruktur wirklich bräuchte, wären internationale Kooperationen. Das Wissen für den Bau und Betrieb von Hotels liegt heute bei den internationalen Ketten, die haben mehr zu bieten als nur Geld. Man muss ihnen attraktive Konditionen für Investitionen bieten. Wobei natürlich klar ist, dass Kapital und Wissen nur kommen, wenn die Sicherheit gewährleistet ist. Und da beißt sich die Katze wieder in den Schwanz.

Reiseveranstalter brauchen aber auch Partner im Land selbst – wie ist es damit?

Der Irak hat über Jahrzehnte keine Erfahrungen mit internationalem Tourismus gesammelt, insofern ist das Know-how möglicher Partner im Land nicht besonders hoch entwickelt. Also bräuchte man auch beim Ausbau des so genannten weichen Bereichs des Tourismus und der Organisation touristischer Unternehmungen Hilfe und Know-how von außen. Es geht um Professionalität und Verlässlichkeit, aber auch darum, dass diese Partner im Land so vernetzt sind, dass sie überall aktiv sein können und mittels ihrer Verbindungen Probleme lösen. Der Irak ist ja ein kompliziertes Land, da muss man immer mit Problemen rechnen. Bei grundlegenden Dingen wie Unterkunft, Verpflegung und Transport, aber auch bei Sicherheitsfragen oder formalen Angelegenheiten wie der Ausstellung von Visa.

Wie schätzen Sie die irakischen Bemühungen ein, den Tourismus zu fördern?

Ich glaube, die derzeitigen Aktivitäten sind Ausdruck eines Wunsches. Es gibt ein Ministerium für Tourismus und man geht auf internationale Messen. Aber es wird nicht gelungen sein, etwa auf der ITB in Berlin eine nennenswerte Zahl von Touristen für den Irak zu generieren. Was hingegen unbedingt nötig wäre, ist ein Masterplan, der eine Vorstellung davon gibt, wie der Tourismus im Irak in Zukunft aussehen soll, welche Investitionen man tätigen muss, welche Partner dafür infrage kommen. Eine Generalplanung wäre dringend nötig. Nur auf Messen zu gehen nützt nichts, und ein neuer Hotelkomplex in Bagdad hilft nicht, den Tourismus zu entwickeln.

Hätten deutsche Veranstalter auf einem entwickelten irakischen Markt denn überhaupt eine Chance? Heute kommen ja viele Reisende aus arabischen Ländern, da wird man als deutsches Unternehmen nicht viel reißen können. Andererseits sind vielleicht gerade die Deutschen irak-affin?

Insgesamt haben die Deutschen in der arabischen Welt eine relativ starke Position. Ich könnte mir vorstellen, dass die deutschen Unternehmen in einer guten Ausgangslage für den Irak wären, auch weil Deutschland nicht aktiv an den Irakkriegen beteiligt war.

Wären die deutschen Kunden denn mutig genug für den Irak, wenn dann mal die Reisewarnungen aufgehoben sind?

Es gibt eine ganze Reihe von Touristen, die fast die gesamte arabische Welt gesehen haben. Der Irak aber konnte über Jahrzehnte nicht bereist werden, mit Ausnahme eines winzigen Zeitfensters. Ich könnte mir gut vorstellen, dass gerade diese Reisenden bereit sind, sich auf den Weg in den Irak zu machen.

Wie lange würde es dauern, bis Sie dann wieder Reisen anbieten könnten?

Das würde schnell gehen, innerhalb weniger Monate.

Inwiefern würde mehr Tourismus nicht nur Ihnen und anderen Veranstaltern nützen, sondern auch dem Irak selbst?

Nach den langen Jahren der Isolation gieren Teile der Bevölkerung nach Kontakten nach außen, Reisende wären im Land sicher willkommen. Und der Tourismus ist eine der Industrien, die viele Arbeitsplätze schafft und somit nicht nur Geld für wenige Leute ins Land bringt, sondern für breite Bevölkerungsschichten. Das wäre der besondere Nutzen des Tourismus für den Irak.

 

Foto: Muhannad Fala'ah/Getty Images