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Uruk gehört zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten im Süden des Iraks. Dass Touristen einer der ältesten Städte in Mesopotamien immer noch fern bleiben, hängt nicht nur mit der Sicherheitslage im Irak zusammen.
Mit seiner Bauerntracht sieht Muhhur Salih wirklich nicht wie ein Touristenführer aus. Aber er kennt Warka, wie die Iraker Uruk nennen, wie seine Westentasche. Er ist Oberwächter, Kenner der Geschichte und zugleich unentbehrlicher Helfer für Archäologen. Auch für die kleine Besuchergruppe aus dem etwa 170 Kilometer entfernten Babylon. Denn zunächst wollten die Polizisten, die die alten Ausgrabungen von Räubern schützen, den Zutritt zu den berühmten Ruinen von Uruk verbieten. Aber zufällig kam gerade Muhhur Salih des Weges und konnte die Wächter überreden, das Eisengittertor zu öffnen. Ganz eigennützig war das natürlich nicht. Denn es ist höchst selten, dass sich Besuchergruppen hierher verirren, und diese Gelegenheit konnte sich Muhhur nicht entgehen lassen. Seit über 50 Jahren begleitet er die mühselige Suche der Archäologen, und es gibt wohl kein Detail, das ihm nicht vertraut wäre, kein Stein, zu dem er keine Geschichte zu erzählen hätte.
Das Rezept für das ewige Leben
Uruk liegt etwa 270 Kilometer südlich von Bagdad. Seine Geschichte ist untrennbar mit seinem legendären Herrscher Gilgamesch verbunden. Nach dem ältesten Epos der Welt suchte er nach einem Rezept für die Unsterblichkeit. Er wollte sich nicht damit abfinden, dass die Götter, als sie die Welt erschufen, den Menschen sterblich machten, während sie für sich das ewige Leben nahmen. Und Gilgamesch wurde unsterblich, auf seine Art. Das ihm gewidmete Epos und seine Stadt Uruk haben die Zeit überdauert.
Viele Jahrhunderte verbarg der Sand dieses wichtige Zeugnis der Weltkultur. Erst Mitte des 19. Jahrhundert wurden die ersten Bauten freigelegt. In den Jahrzehnten danach wurde die Ausgrabungsarbeit unter aktiver Teilnahme der Forscher der Orient-Abteilung des Deutschen-Archäologischen Instituts (DAI) intensiviert. Noch heute sind die verrosteten Gleise und Waggons zu sehen, mit denen vor Jahrzehnten deutsche Archäologen Sand und Schutt transportieren ließen. Die letzte deutsche Grabungskampagne wurde im Sommer 2002 unter der Leitung von Margarete von Ess vom DAI geleitet.
Die Ergebnisse dieser Forschung zeigen, dass Uruk mehr als 4500 Jahre lang ein urbanes Zentrum war. Offenbar schon um 3200 v. Chr. eine Art Metropole, geschützt von einer Mauer, die der Sage nach Gilgamesch selbst erbauen ließ. Erst im 5 Jhdt. n. Chr. Wurde Uruk als Stadt aufgegeben. Wahrscheinlich hing das unter anderem damit zusammen, dass der Euphrat sein Flussbett veränderte. Dessen Spuren sind noch mit dem bloßen Augen zu erkennen, wenn man vom Hügel einen Blick auf die Umgebung wirft.
Innerhalb der Ruinen sind die noch gut erhaltenen Reste der vielen sakralen und profanen Bauten zu sehen, die von der Größe und dem Ruhm der einstigen Metropole zeugen. Muhhur Salih kann viele Stunden erzählen über das Heiligtum der Liebes- und Kriegsgöttin Inanna (in Babylon Ishtar genannt) sowie den Tempel des Himmelsgottes Anu. Diese Kultzentren der Hauptgötter bestimmten Jahrtausende lang den Rhythmus des Lebens in der antiken Stadt. Noch heute sind die monumentalen Ausmaße des gut erhaltenen Zikkurratkerns des Inanna-Heiligtums zu erkennen, das den höchsten Punkt der Stadt bildet. Nicht weit entfernt stand der zweite Zikkurrat des Anu, dessen Fundament heute wie ein Labyrinth aussieht. Im anderen Teil kann man die Reste des später errichteten Monumentalbaus „Bit Res“ bewundern, wo – wie in Babylon – glasierte Backsteine verwendet wurden.
Die Forscher sind auch überzeugt, dass in Uruk die Wurzeln liegen, die zur Erfindung der Schrift um etwa 3300 v. Chr. geführt haben. Überall liegen Tafeln mit Keilschrift, der Urschrift, in der auch das Gilgamesch-Epos überliefert wurde. Nicht nur sie, sondern auch alle freigelegten Bauten sind den Witterungsverhältnissen ohne Schutz ausgeliefert. Der Vergleich mit früheren Aufnahmen zeigt eindeutig, wie stark die Erosion ihnen bereits zugesetzt hat. Muhur erzählt, dass es mehrere Vorschläge gibt, diesen Verlust zu verhindern. Einige Archäologen empfehlen sogar, alle Schätze von Uruk wieder mit Sand zuzuschütten.
Glücklicherweise wurde diese wertvolle Stätte in den vergangenen Jahren weitgehend von Raubgrabungen verschont. Muhur und seine Verwandten hüten sie wie ihren Augapfel, für sie ist das eine patriotische Pflicht. Gerne zitiert Muhur immer wieder die verbreitete These, dass der Name „Irak“ aus dem alten "Uruk" abgeleitet wurde.
Tourismus als Hoffnungsschimmer für eine strukturschwache Region
Uruk liegt etwa 20 Kilometer von Al-Simawa , der Hauptstadt der Provinz Mutthana entfernt. Diese südliche Provinz gilt als eine der ärmsten Im Irak. Sie verfügt weder über Erdöl noch über entwickelte Industrien. Auch die Landwirtschaft musste in den vergangenen Jahren große Rückschläge hinnehmen. Die Flucht aus den ländlichen Gebieten hat das Problem der Arbeitslosigkeit weiter verschärft. Deshalb setzen viele Menschen wie Muhur ihre Hoffnungen auf den Fremdenverkehr. Er könnte eine wichtige Einnahmequelle werden sowie zahlreiche Arbeitsplätze für die Bevölkerung schaffen. Die Schätze von Uruk sind attraktiv genug, um tausende Touristen auch aus dem Ausland anzulocken. Und nur etwa 50 Kilometersüdlich von Uruk liegt Ur, ein weiterer bedeutender Fundort im Zweistromland.
Das Gebiet könnte sich auch im Erholungs- und Jagdtourismus entwickeln. Westlich von Uruk liegt der See "Sawaa". Wenn man den 20 Kilometer entfernten Euphrat überquert und noch weitere 30 Kilometer in südwestliche Richtung fährt, stößt man mitten in der Wüste auf eine eigenartige Erhebung. Erst wenn man dort ankommt, kann man einen etwa 12 Quadratkilometer großen Binnensee sehen, in dem der Wasserspiegel mehrere Meter über der Ebene liegt. Er wird von unterirdischen Quellen gespeist, die bis jetzt nicht erforscht sind. Dass das Wasser nicht in die endlose Wüste versickert, ist auf Ablagerungen zurückzuführen, die sich über Jahrhunderte bildeten und den See wie eine Wand von allen Seiten umgeben. Am Ufer sind Säulen und eigenartige Gebilde zu sehen, die durch die natürliche Ausdünstung des mineralhaltigen Wassers entstanden sind.
Sicher ist, dass das Seewasser sehr salz- und schwefelhaltig ist. Deshalb war Sawaa früher als Kur- und Erholungsort bekannt. Bis in die 80ger Jahre konnte man hier die angenehme Atmosphäre am Rande der großen Wüste genießen und nebenbei ein kühles Bier trinken. Es gab ein paar Restaurants und Ferienhäuser. Nach 1990 wurden sie verlassen und schließlich geplündert. Heute stehen ihre Ruinen als Symbol für den jämmerlichen Zustand des Erholungstourismus im Süden des Irak. Auch die meisten Bäume in der Umgebung fielen der Verwahrlosung zum Opfer.
Für die Entwicklung des Erholungstourismus bietet sich auch der Fluss Euphrat an, der die Provinzhauptstadt Samawa in zwei Hälften teilt. Aber dieses Gebiet kann keine Gäste beherbergen und hat eine schlechte Infrastruktur. Uruk liefert dafür ein anschauliches Beispiel: Es gibt überhaupt keine Fremdenzimmer, weder Hotels noch Pensionen. Von den Hügeln der antiken Stadt kann man schon den Verkehr auf der etwa acht Kilometer entfernten Autobahn erkennen, die die Hauptstadt mit den südlichen Provinzen verbindet. Ein Anschluss für Uruk gibt es nicht. Die einzige Verbindung mit der Ortschaft Warkaa geht über eine löchrige Piste.
Sowohl die örtlichen Behörden als auch die Politiker im fernen Bagdad sind nun gefordert, etwas zu tun, um den Tourismus in diesem Gebiet zu entwickeln und Uruk wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Menschen wie Muhur würden alles darum geben, das noch zu erleben.
Foto: Dr. Nagih Al-Obaidi











